Tierwelt

LexiTV | 25.06.2008 | 14:30 Uhr : Unter Primaten

Was ist nur das Besondere an uns Menschen? Lange Zeit glaubte man, dass es die Fähigkeit sei, Intelligenz zu besitzen und Gefühle zu entwickeln. Doch spätestens seit den Forschungen der Engländerin Jane Goodall an frei lebenden Schimpansen gerät dieses feste Bild ins Wanken.

Schimpanse auf einem Baum
Schimpansen bewohnen tropische Regenwälder und Baumsavannen.

Halbaffen und Affen bilden die Säugetierordnung der Primaten. Zu den Affen gehören die Menschenaffen und - im systematischen Sinne - auch der Mensch. Carl von Linné, der große Systematisierer und Naturforscher des 18. Jahrhunderts, führte den Ordnungsnamen Primates (Herrentiere) in die Wissenschaft ein. Wohl bekannteste Menschenaffen-Art ist, neben dem Gorilla, der Schimpanse. Dessen Studium scheint am geeignetsten, um eine Botschaft zu vermitteln, die Jane Goodall einst formulierte: "Von den Schimpansen lernen, dass wir Tiere sind."

Sonnenscheue Baumbewohner

Der Lebensraum des Schimpansen reicht von Sierra Leone und Guinea am Atlantik bis zum Tanganjika- und Victoriasee. Schimpansen bewohnen tropische Regenwälder und Baumsavannen. Sie leben auf oder in der Nähe von Bäumen und meiden das direkte Sonnenlicht. Die erwachsenen Tiere bauen sich allnächtlich Schlafnester in den Bäumen. Genetisch und stammesgeschichtlich sind Schimpansen jene Menschenaffen, die dem Menschen am nächsten verwandt sind.

Das Schimpansenhirn ist nur halb so groß wie das des Menschen. Allerdings berichtete 1998 das US-amerikanische Wissenschaftsjournal Science, dass Schimpansen einen Gehirnbereich haben, der dem für die Sprachsteuerung verantwortlichen Teil des menschlichen Gehirns entspricht.

Intelligenz, Sprache, Emotionen

Ein junger Schimpanse kann mindestens 32 unterschiedliche Laute von sich geben - und er kann mithilfe seiner hoch entwickelten Gesichtsmuskulatur viele Emotionen ausdrücken. Die Tiere zeigen große Intelligenz bei der Lösung von Problemen und dem Einsatz einfacher Werkzeuge. Experimente lassen vermuten, dass Schimpansen sogar Sprache in symbolhafter Form erlernen können, doch die Forschungsergebnisse sind umstritten: 1999 wurde über einen an der US-amerikanischen Georgia State University gehaltenen Schimpansen berichtet, der die Lautfolge eines gesprochenen Wortes mit einem schriftähnlichen Symbol in Verbindung bringen kann und einfache Satzstrukturen versteht...

Jahrzehnte im den Primaten im Busch

Weitgehende Aufschlüsse über das Sozialverhalten der Schimpansen lieferte die schon erwähnte Jane Goodall: Jahrzehnte verbrachte die Forscherin mit den Primaten im Busch. Wenn auch die Vermarktung der Forschungsresultate der 1934 geborenen Goodall nicht immer unspektakulär ablief (Nackt durch den Urwald), sind doch wirklich erst ihr tiefgehende Erkenntnisse zu verdanken.

Wir wissen jetzt, wie das Leben in den losen Schimpansengruppen aussieht, die aus zwei bis achtzig Einzeltieren bestehen. Wir wissen, wie sich das ohne dauerhafte Bindungen ablaufende Leben zwischen den Geschlechtern gestaltet und welche Bedeutung etwa die gegenseitige Fellpflege für das Festigen des Gruppenzusammenhalts hat.

Aufmerksam machen auf Gefahren

Schimpanse 2
Jane Goodall: Schimpansen zeigen uns, was es bedeutet, Mensch zu sein...

Goodall ist auch diejenige Forscherin, die am nachdrücklichsten auf Gefahren aufmerksam macht, denen Schimpansen ausgesetzt sind. Vor allem seien dies die gestiegene Nachfrage nach Buschfleisch und die Rodung der Wälder. Derzeit gebe es nach großzügigen Schätzungen ungefähr hunderttausend Schimpansen auf der Welt. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts waren es noch mehrere Millionen. Wilderer wüteten und wüten unter den Beständen. "Jäger erschießen alles, was sie sehen: Elefanten, Gorillas, Schimpansen, Antilopen... Sie räuchern oder trocknen das Fleisch, laden es auf ihre Laster und bringen es in die Städte, wo die Leute Spitzenpreise dafür zahlen", sagte Goodall im Spiegel-Interview.

Aufklärung und Schutz

Abhilfe schaffen soll unter anderem ein von Goodall initiiertes Programm gegen den Verbrauch von Buschfleisch: Aufklärung - etwa der Menschen im Kongobecken -, warum das Fleisch nicht länger gegessen werden sollte, steht an erster Stelle. Über den Schutz der Schimpansen wird mit wichtigen Staatsoberhäuptern Afrikas verhandelt; große Organisationen, wie die Weltbank, will man ebenfalls einbeziehen. Auch Europa kann eine Rolle spielen: nämlich die Regierungen von Großbritannien, Deutschland, den Niederlanden und vor allem Frankreich, dem wegen seiner Bande in die ehemaligen afrikanischen Kolonien große Bedeutung zukommt.

Zeit, den Intellekt zu nutzen

Um etwas in den Köpfen zu bewegen, ist nichts besser geeignet als die Betonung der Nähe zwischen Menschen und Primaten: "Schimpansen haben uns über unsere eigene Entwicklung mehr gelehrt als jedes andere Tier", meint Jane Goodall: "Die Schimpansen zeigen uns, was es bedeutet Mensch zu sein." Dabei fällt der Hauptunterschied - der hoch entwickelte Intellekt des Menschen - keineswegs aus dem Blick. Im Sinne Jane Goodalls wäre darunter freilich ein Intellekt zu verstehen, den wir nutzen sollten, um die uns am nächsten stehende bedrohte Tierart weiterhin zu erhalten.

Michael Schmittbetz (05.11.2002/aktualisiert Tanja Eckhardt 16.06.2008)

Zuletzt aktualisiert: 04. Januar 2010, 13:52 Uhr

Menschenaffen

Hominidae lautet die wissenschaftliche Bezeichnung für die Familie der Menschenaffen. Sie besteht aus zwei Gruppen: den Kleinen Menschenaffen (Gibbons) und den Großen Menschenaffen, zu denen Bonobos, Gorillas, Orang-Utans und Schimpansen zählen.

Die Schimpansen (Pan troglodytes) werden bis zu 1,70 Meter groß und bis zu fünfzig Kilogramm schwer. Diese Affen haben braunes, bisweilen graues oder schwarzes Fell. Ihre Daumen sind den restlichen Fingern gegenübergestellt, was das Greifen erleichtert.

Auf dem Speiseplan stehen neben Pflanzen auch Insekten und sogar kleine Affen. Bewegliche Lippen, platte Nasen, Schwanzlosigkeit und die menschenähnlichen Ohren verdeutlichen die nahe Verwandtschaft zu ihrem größten Feind - dem Menschen.

Jane Goodall

Fast drei Jahrzehnte verbrachte die Verhaltensforscherin Jane Goodall in bergigen Wäldern Ostafrikas. 1957, im Alter von 23 Jahren, betritt sie erstmalig afrikanischen Boden, wo sie auf den Paläontologen und Anthropologen Louis Leakey trifft. Er forscht nach der Herkunft des Menschen.

Goodall wird seine Assistentin und mit einem Spezialauftrag betraut: Sie soll Schimpansen an den Ufern des Tanganjika-Sees in Tansania beobachten. Sensationelle Entdeckungen sind die Belohnung für ihre Beharrlichkeit: Einer der Schützlinge macht sich mit einem penibel entblätterten Ast an einem Termitenhügel zu schaffen. Diesen steckt er in einen Eingang des Hügels und zieht ihn über und über mit leckeren Insekten bedeckt heraus. Bis dato war die Herstellung und der Gebrauch von Werkzeugen als Privileg des Menschen angesehen - nun werden die Grenzen zwischen Mensch und Tier aufgeweicht.

Für die wissenschaftlichen Leistungen und ihr lebenslanges Engagement im Umweltschutz wurde Goodall auf vielerlei Art geehrt: seit 2002 ist die mit 27 Ehrendoktortiteln bedachte Forscherin Friedensbotschafterin der UNO.

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