Bär
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LexiTV Für eine Handvoll Bärengalle

von Daniel Schlechter

Fast alle Bärenarten gelten als gefährdet. Nicht nur die Jagd und die Zerstörung der natürlichen Lebensräume bedrohen Bären weltweit, sondern auch ihre kommerzielle Ausbeutung. Dieses Schicksal trifft in Asien den Kragenbär, den nächsten Verwandten des amerikanischen Schwarzbären. Der Grund: Die Traditionelle Chinesische Medizin schreibt seiner Gallenflüssigkeit besondere Heilkräfte zu. Das Ergebnis: Tausende Tiere leben unter qualvollen Bedingungen und müssen sich täglich Gallenflüssigkeit abzapfen lassen, auch für den europäischen Markt. Jedoch erreichen Tierschutzorganisationen erste Erfolge im Kampf gegen die „Bärenfarmen“.

Bär
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Der Kragenbär sieht aus wie eine kleine, besonders kuschlige Variante des amerikanischen Schwarzbären. Mit einer Größe von etwa anderthalb Metern und einem Gewicht von durchschnittlich 120 Kilogramm ist er gerade halb so groß wie sein amerikanischer Bruder. Im Gegensatz zu seinen großen Verwandten ist der kleine Bär nicht primär aufgrund von Jagd oder Zerstörung seines Lebensraumes gefährdet, sondern durch seine kommerzielle Ausbeutung. Der Grund dafür ist eine Annahme der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) über die Galle des Kragenbären. Seit über 3.000 Jahren geht die Lehre davon aus, dass die Gallenflüssigkeit der Bären eine besondere heilsame Wirkung haben soll und  empfiehlt ihre Anwendung bei Augen- und Leberbeschwerden. Der entsprechende Wirkstoff ist die Ursodeoxycholsäure. Diese natürliche Gallensäure hilft tatsächlich dabei kleinere Gallensteine aufzulösen und bestimmte Lebererkrankungen zu kurieren. Während sie in der menschlichen Gallenflüssigkeit nur zu etwa drei Prozent vorkommt, ist sie in der Bärengalle in hoher Konzentration vorhanden. Dadurch leben in Asiens tausende der Tiere wie Legehennen in Käfighaltung.

Auch Europäer kaufen Bärengalle

Obwohl Ursodeoxycholsäure seit 1955 synthetisch hergestellt werden kann, ist die Nachfrage nach „echter“ Bärengalle in Asien groß und wachsend. Laut der „Animals Asia Foundation“ kostete in den späten 1990ern ein Kilo Galle von einem Farmbären 3000 Dollar, von einem wilden Bären sogar 16.000 Dollar auf dem Schwarzmarkt. Allein in China sind Dutzende Medikamente auf dem Markt, die Bärengalle enthalten. Hinzu kommen unzählige Kosmetikprodukte und sogar ein Wein, der „bear gall wine“. Die Nachfrage beschränkt sich längst nicht mehr nur auf den asiatischen Raum: Besonders in Europa erlebt die Traditionelle Chinesische Medizin seit einigen Jahren einen regelrechten Boom, der auch den verstärkten Absatz von Produkten mit Bärengalle nach sich zieht - internationalen Handelsverboten zum Trotz. Eine Untersuchung der Welttierschutzgesellschaft ergab, dass in 75 Prozent der TCM-Läden Produkte verkauft werden, die Bärengalle enthalten.

Käfig und Katheter

Die hohe Nachfrage nach ihrem Gallensaft ist besonders den Kragenbären zum Verhängnis geworden. In China, Japan und Korea werden sie zu tausenden auf sogenannten Bärenfarmen in Käfigen gehalten, die meist so klein sind, dass die Tiere bewegungsunfähig leben müssen. Über verschiedenen Formen von Kathetern oder sogar Metallröhrchen, die über offene Wunden in die Gallenblase gelegt werden, wird die Flüssigkeit entnommen, in der Regel 100 Milliliter pro Tag. Chinesische Artenschutzbeauftragte haben gegenüber der Welttierschutzgesellschaft (WSPA) angegeben, dass allein in China ungefähr 9.000 Tiere auf etwa 170 Farmen gehalten werden. Die meisten von ihnen würden über 20 Jahre ein Leben in permanenter Käfighaltung führen.  Von Tierschützern befreite Bären weisen meist stark entzündete Wunden, traumatisiertes Verhalten und Krebserkrankungen auf, die auf ihr lange zum Erliegen gekommenes Immunsystem zurückzuführen sind.

Schutzabkommen und Rettungszentren

Internationale Abkommen zum Schutz der Tiere, wie zum Beispiel das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) von 1975, sind trotz teilweise hoher Strafen relativ wirkungslos – der Handel mit Bärengalle floriert sowohl auf offenen wie auch auf Schwarzmärkten, oft auch weil weder bei Zollbeamten noch bei Verbrauchern ein Bewusstsein über die breite Nutzung von Bärengalle herrscht. Zudem haben Umfragen ergeben, dass 75 Prozent der TCM-Ärzte „echte“ Bärengalle für wirksamer halten als Ersatzpräparate – eine Annahme ohne wissenschaftlichen Nachweis. Der Kampf gegen diese öffentliche Wahrnehmung und die dadurch erhoffte Verringerung der Nachfrage ist oft die einzige Waffe, die Tierschutzorganisationen bleibt. So steht beispielsweise die Animals Asia Foundation in permanentem Kontakt mit TCM-Ärzten und Fabrikanten, um pflanzliche und synthetische Alternativen zur Bärengalle zu bewerben. Gleichzeitig finden verstärkt Kooperationen mit anderen Tierschutzorganisationen und Universitäten statt, um das Problem über Konferenzen, Medienberichte und Ausstellungen ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Über Spenden finanzierte Rettungszentren in China und Südkorea sollen befreiten (und oft mit Spendengeldern freigekauften) Bären für den Rest ihres Lebens ein geschütztes, artgerechtes Leben ermöglichen – eine Auswilderung dieser Tiere ist nicht möglich, da sie in freier Wildbahn nicht überlebensfähig sind. Bis jetzt konnten 400 Tiere in solchen Zentren untergebracht werden. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die politische und rechtliche Arbeit der Schutzorganisationen, die bereits erste Erfolge verzeichnet: Im Jahr 2010 hat Südkorea ein Ende der Bärenfarmen beschlossen, ähnliche Bestrebungen gibt es auch in Vietnam.

Stäbchentest zur Durchsetzung eines Embargos

Im größten Produktionsland China ist jedoch noch kein Ende in Sicht, die Gewinnspannen sind nach wie vor zu groß. Im Rahmen der Olympischen Spiele 2008 wandte sich das Europäische Parlament in einer überparteilichen Erklärung an die chinesische Regierung und forderte diese dazu auf, eine Schließung der Bärenfarmen anzutreiben. Entsprechende Bestrebungen blieben bis heute aus. Letztendlich streben die Gegner der Bärenfarmen eine Austrocknung des Marktes an, zum einen über die öffentliche Bewusstmachung des Problems und der Förderung von alternativen Mitteln sowie einer wirksamen Embargo-Durchsetzung. So hat die britische “World Society for the Protection of Animals” (WSPA) 2007 einen einfachen Stäbchentest entwickelt, mit dem Zollbeamte relativ leicht Waren auf enthaltene Bärenproteine testen können. Immer mehr Länder verwenden den Test mittlerweile an ihren Grenzen, sodass möglicherweise einige der Bären, die aktuell noch am Katheter hängen, ihre Käfige vielleicht irgendwann noch verlassen können.

Zuletzt aktualisiert: 03. März 2014, 11:42 Uhr