Kunst & Architektur

Schwerpunkt | MDR FIGARO | 23.01.2013 : Kopfstände! Georg Baselitz zum 75. Geburtstag

Kurz vor seinem 75. Geburtstag gibt Georg Baselitz bekannt, dass er "Bilder unsichtbar malen" wolle. Er experimentiere damit, seine Bilder unter einer schwarzen Farbschicht verschwinden zu lassen. Der Künstler ist berühmt für seine Provokationen und Experimentierfreude. Mit Blick auf sein Jubiläum am 23. Januar 2013 sendet das Kulturradio ein Gespräch mit Prof. Ulrich Bischoff, dem Direktor der Galerie Neue Meister in Dresden sowie einen Beitrag über den Maler aus der Lausitz.

Der Künstler Georg Baselitz

"Die große Nacht im Eimer" - 1963 schrieb der Maler Georg Baselitz zum ersten Mal Kunstgeschichte: stumpfe Farben, ein kaputter Gnom mit zerfressenem Gesicht, ein überdimensionales Geschlecht. Ein Kriegskind malte sich die Wut vom Leib. Der 25-jährige Baselitz, der 1958 nach West-Berlin übersiedelte, löste damit einen Skandal aus. Die junge Bundesrepublik fühlte sich verunglimpft. Der Staatsanwalt griff ein. Heute gilt Baselitz als einer der wichtigsten Maler der Gegenwart und ist neben Markus Lüpertz, Sigmar Polke, Gerhard Richter und Jörg Immendorff einer der "Malerfürsten".

Zur Welt kam der Maler, Grafiker und Bildhauer 1938 als Hans-Georg Kern in dem sächsischen Ort Deutschbaselitz, der heute zu Kamenz gehört. Nach seiner Schulzeit in der Oberlausitz wollte er Maler werden, doch die Dresdner Akademie lehnte ihn ab. Er bewarb sich für eine Ausbildung zum Förster und bestand die Aufnahmeprüfung an der Forstschule in Tharandt. Jedoch nahm er die Ausbildung nicht auf. Stattdessen ging er 1956 nach Berlin an die Kunsthochschule in Weißensee. Bereits nach zwei Semestern wurde er zusammen mit dem Dresdner Peter Graf wegen "gesellschaftlicher Unreife" der Hochschule verwiesen. Statt zum angeordneten Arbeitseinsatz in ein Kombinat zu fahren, malte Baselitz lieber.

Eklat nach erster Einzelausstellung

Nach dem Verweis verließ er Ost-Berlin, immatrikulierte sich an der Hochschule für Bildende Kunst im Westteil der Stadt und studierte bis 1964 bei Hann Trier, einem Meister des Informellen. Doch auch im "Westen" provozierte Kern, der 1961 den Künstlernamen Georg Baselitz in Anlehnung an seinen Geburtsort annahm. Seine erste Einzelausstellung 1963 in der Berliner Galerie Werner & Katz sorgte mit sexuell anstößigen Bildern für einen Eklat. Die Beschlagnahmung seiner Bilder - darunter "Die große Bacht im Eimer"- durch die Staatsanwaltschaft machte die Kunstwelt erst recht auf ihn aufmerksam.

Den Künstler interessierten der Dadaismus eines Kurt Schwitters, der Surrealismus des Theatermenschen Antonin Artaud und die Literatur des Existenzialismus. An der Kunst der Geisteskranken faszinierte Baselitz das Rohe und Anti-Intellektuelle. Zu seinen Vorbildern zählten Pablo Picasso, Alberto Giacometti, Joseph Beuys und auch die expressionistischen Maler der Künstler-Vereinigung Brücke.

Auf den Kopf gestellt

Georg Baselitz, The Bridge Ghost's Supper, 2006, Öl auf Leinwand, 305 x 450 cm, Albertinum Dresden
Georg Baselitz, The Bridge Ghost's Supper, 2006, Öl auf Leinwand, 305 x 450 cm, Albertinum Dresden

Baselitz verändert oft seine Malmethoden. Immer wieder setzt er sich mit dem Gegenstand als Ausgangspunkt für die Malerei auseinander.

In den 1960er-Jahren waren seine Bilder von einer groben Malweise geprägt. Es entstanden die "Helden"-Bilder. Mit seinen "Fraktur"-Bildern untersuchte er weitere Möglichkeiten, seine gegenständlichen Motive beizubehalten und sie gleichzeitig zu verfremden und zu dekonstruieren. Er zerlegte seine Motive in Streifen und fügte sie in neuer Anordnung zusammen. Das führte 1969 schließlich dazu, dass Baselitz das Bildmotiv um 180 Grad drehte. Die kopfstehenden Bilder wurden als Angriff auf die Konventionen der Wahrnehmung verstanden. Baselitz erklärte, er wolle alte Werte und Traditionen zerstören, "damit im Kopf wieder etwas stattfindet, um den müden Augen neue Wege zu zeigen". Diese Technik machte ihn schlagartig international bekannt.

Remix der eigenen Arbeiten

1975 zog Baselitz ins Schloss Derneburg bei Hildesheim, wo er 32 Jahre lang lebte und arbeitete. Baselitz wurde 1977 als Professor an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe berufen. Von 1983 bis 1988 und von 1992 bis 2003 lehrte er an der Hochschule der Künste in Berlin.

Neben der Malerei schuf Baselitz auch ein umfangreiches druckgrafisches Werk. In den 1960er-Jahren arbeitete er vor allem mit dem Holzschnitt, in den 1970er-Jahren entstanden großformatige Linolschnitte. Ende der 1970er-Jahre begann er mit bildhauerischen Arbeiten aus Holz. Ergebnis dieser Arbeit waren grob behauene Figuren und Köpfe, die er mit Farbe bemalte. Ab 2005 entstanden die "Remix-Arbeiten": Georg Baselitz nahm sich einzelne seiner Werke vor, interpretierte dasselbe Motiv neu und setzte es damit in einen veränderten stilistischen und historischen Kontext. 2012 zeigte er in Salzburg Bilder mit Figuren, die er farblich umgekehrt in einer Art Farbnegativ abbildete.

Georg Baselitz im Atelier
Georg Baselitz im Atelier

2006 verkaufte er das Schloss an den US-amerikanischen Milliardär und Kunstsammler Andrew J. Hall. Baselitz war die Instandhaltung des Anwesens zu anstrengend geworden. Er zog nach Buch, einem Ortsteil von Inning am Ammersee in Oberbayern.

Nach eigenen Aussagen sieht sich Baselitz selbst als "sonderlichen Typen", seine "Besessenheit" und unkonventionelle Art der Kunstproduktion sorgen immer wieder für Aufsehen.

"Die Kritik hatte meine Skulptur wie auch meine Malerei immer mit dem Vorwurf bedacht, ich sei ein großer Berserker, ein Brutalinski, ein Primitiver, ein Waldschrat und so weiter. Das waren immer Äußerungen, die mich sehr irritiert haben, denn ich bin überzeugt, sehr sensibel zu arbeiten."

Georg Baselitz im Interview mit der Süddeutschen Zeitung
27. November 2011

Zuletzt aktualisiert: 23. Januar 2013, 18:23 Uhr

Ausstellung

Georg Baselitz Works From 1968 to 2012
17. Januar bis 20. Mai 2013
Essl Museum, Klosterneuburg bei Wien

Georg-Baselitz-Raum im Albertinum Dresden

Albertinum Dresden
Kunst von der Romantik bis zur Gegenwart
Galerie Neue Meister und Skulpturensammlung
Brühlsche Terrasse/Georg-Treu-Platz
Öffnungszeiten: Di-So, 10-18 Uhr

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