Ausstellungen

Spezial | MDR FIGARO | 14.10.2011 | Zum Nachhören : Eröffnung des Militärhistorischen Museums in Dresden

Mit einem Festak ist das Militärhistorische Museum in Dresden am Freitag wiedereröffnet worden. Auf knapp 20.000 Quadratmetern Fläche zeigt die Schau die Militärhistorie als eine Kulturgeschichte der Gewalt. Wie ist das ebenso ehrgeizige wie schwierige Ausstellungsprojekt nach dem Umbau durch Daniel Libeskind gelungen? Welche Exponate sind zu sehen und was sind die Erwartungen an diese neue national bedeutsame Institution? Das fragt FIGARO vor Ort in der Sendung zur Eröffnung am 14. Oktober. Geschichtsredakteur Stefan Nölke ist mit Direktor Matthias Rogg, Kurator Gorch Pieken und weiteren Gästen im Gespräch.

Militärhistorisches Museum Dresden

In seiner Rede zur Eröffnung forderte Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) eine kritische Auseinandersetzung über den Einsatz von Militär, Krieg, Gewalt und deren Folgen für die Menschen. Welchen Beitrag das neue Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden dazu leisten kann, soll sich nun zeigen.

Militärhistorie als Kulturgeschichte der Gewalt

Auf knapp 20.000 Quadratmetern Fläche dokumentiert die Schau fortan mit rund 10.000 Exponaten Militärhistorie als Kulturgeschichte der Gewalt. Dabei will Direktor Matthias Rogg das Museum als offenes Diskussionsforum präsentieren: "Was ich dem Besucher auf jeden Fall empfehlen möchte, ist viel Zeit mitzubringen. Oder gleich einen zweiten Besuch einzuplanen", sagt er.

Sieben Jahre war das frühere Arsenal und spätere DDR-Armeemuseum eine Baustelle. Den Entwurf für den spektakulären Umbau lieferte der Star-Architekt Daniel Libeskind. Nun schiebt sich ein keilförmiger Neubau wie ein Schiffsbug durch das Gemäuer. Libeskind möchte so die Brüche in der deutschen Militärgeschichte deutlich machen. Während die Besucher im "alten" Museumsteil 700 Jahre Militärhistorie in chronologischer Folge abschreiten können, bietet der moderne Keil eine thematische Sicht. Die Kosten für den Umbau mussten am Ende noch einmal nach oben korrigiert werden. Demnach hat der Bau 62,5 Millionen Euro verschlungen.

Galerie: Rundgang durch das Militärhistorische Museum in Dresden

Das Militärhistorische Museum in Dresden Angesprengtes Geländefahrzeug Christian Stroebele

Einen kritischen Blick auf die Ausstellung im Militärhistorischen Museum in Dresden wirft "artour". [Bilder]


Technische Innovationen und subjektives Leid

Oberstleutnant Matthias Rogg, Leiter des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden
Oberstleutnant Matthias Rogg, Leiter des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden

Dr. Matthias Rogg, Oberstleutnant und studierter Historiker, ist seit einem Jahr Direktor des neuen Leitmuseums der Bundeswehr. Militärmuseen sind nicht gerade die Lieblinge des Publikums, vielmehr stehen sie in Verdacht, ihrem Gegenstand ohne Distanz zu begegnen, sich auf die Entwicklung der Technik zurückzuziehen und nur eine bestimmte Klientel anzusprechen. Das alles will er in Dresden vermeiden. Wie viel Leid sich die Menschen im Laufe der Jahrhunderte gegenseitig zugefügt haben, mit welch perfiden Waffen und technischen Innovationen das geschah und wie der Krieg subjektiv erlebt und erlitten wurde, auf all diese Fragen will das neue Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden Antworten geben.

Für die Ausstellung stehen mehr als eine Million Exponate in den Depots zur Verfügung: Waffen, militärisches Großgerät, Uniformen, Fahnen, Feldzeichen, Schriftgut, Dokumente, Kunstwerke, Spielzeug, Alltagsgegenstände. 10.500 davon werden zunächst gezeigt - wohlverwahrt in riesigen Vitrinen oder freihand bzw. freischwebend.

Exponate aus dem Militärhistorischen Museum vorgestellt

Von der V2 über Sigmund Jähn zum Puppenhaus

So wird der Besucher in einem fast 25 Meter hohen von  schrägen Wänden beherrschten Libeskind-Raum, in dem alles aus den Fugen zu geraten scheint, höchst unterschiedlichen Dingen begegnen: einer V2 Rakete, der Raumkapsel des ersten Deutschen im All, Sigmund Jähn, und einem kleinen Puppenhaus. Die Terrorwaffe V2 aus dem Zweiten Weltkrieg, bei deren Produktion schon Tausende Zwangsarbeiter starben, war eine technische Innovation, die den Weg in den Weltraum wies. Das Puppenhaus gehörte einem kleinen Mädchen, das 1944 in London lebte und mit den Eltern vor den deutschen Raketen in den Keller flüchten musste. Ihr Kriegserlebnis übertrug sie in ihren Alltag und versuchte ihre Puppenstube mit Verdunklungsrollos und kleinen Bunkern kriegstüchtig zu machen. So bietet das neue Museum Raum für biografische Erzählungen und führt den Besuchern die Folgen des Krieges vor Augen.

Zuletzt aktualisiert: 17. Oktober 2011, 11:28 Uhr

Das Konzept der Ausstellung

Während im Altbau in einer eher klassischen Erzählstruktur chronologisch über 700 Jahre Militärgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart ausgestellt wird, regt im Neubau ein Themenparcours zur vertiefenden Sicht und zum Diskurs an. "Politik und Gewalt", "Schutz und Zerstörung" sind einige dieser elf Themen. Wie das Militärische in den Alltag Einzug hält, wird an den Beispielen Sprache und Mode dargestellt. Als eine Art schaurige Arche Noah wird ein ganzer Zug mit Tieren zeigen, wie sich der Mensch auch der Tiere bediente: zum Waffentransport, als Versuchobjekte, Minensucher, Sprengstoffträger.

Der Neubau - ein Keil aus Stahl, Glas und Beton

Bevor man aus dem Inneren der Keilspitze in 28 Metern Höhe einen grandiosen Blick auf die Stadt und die sie umgebende Landschaft werfen kann, durchquert der Besucher einen Raum, der seinem Gleichgewichtssinn einiges abverlangt, in dem er beim Gehen nach Halt sucht.

Die Spitze des Keils ist genau auf jenen Punkt im Dresdner Ostragehege ausgerichtet, auf den in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 45 die britischen Bomber ihre Leuchtmarkierungen abwarfen. Aber vor dem Ausblick liegen geborstene Gehwegplatten aus der polnischen Stadt Wielun, die am frühen Morgen des 1. Septembers 1939 das erste Ziel deutscher Luftangriffe wurde.

Service

Mit insgesamt 13.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche (10.000 innen und 3.000 außen) wird das Haus das größte militärgeschichtliche Museum in der Bundesrepublik sein.

Militärhistorisches Museum der Bundeswehr
Olbrichtplatz 2
01099 Dresden

fon: 0351 / 823 2803
fax: 0351 / 823 2805

Eröffnung am 15. Oktober 2011

Öffnungszeiten:
Mo: 10:00 bis 21:00 Uhr
Di - So: 10:00 bis 18:00 Uhr
Mittwochs ist das Museum geschlossen.

Bis Anfang 2012 ist der Eintritt frei.

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