Interview mit Jun Märkl : Debussys Gesamtwerk erstmals auf CD
"Für mich ist Debussy ohne Frage der wichtigste französische Komponist des 20. Jahrhunderts." MDR FIGARO hat mit dem scheidenden Chefdirigenten des MDR SINFONIEORCHESTERS Jun Märkl über dessen neue CD-Box gesprochen, die er unter anderem mit dem MDR RUNDFUNKCHOR und dem "Orchestre National de Lyon" aufgenommen hat: Erstmals liegt damit eine Gesamteinspielung der Orchesterwerke des Komponisten Claude Debussy vor.
Herr Märkl, die Rezeption des Debussy’schen Werke-Kosmos beschränkt sich seit Jahrzehnten vornehmlich auf das Klavierwerk und wenige populäre Orchesterwerke. Wie kam es zu diesem so opulenten wie singulären CD-Projekt?
Jun Märkl: Als "Directeur musicale" des "Orchestre National de Lyon" lag es in meinen Händen, Strategien und künstlerische Konzepte zu entwickeln, die einem französischen Spitzenorchester gerecht werden und langfristige Erfolge generieren. Was ein umfassendes CD-Projekt angeht, schien es geboten, die Werke eines französischen Komponisten aufzunehmen. Warum also nicht Debussy, dessen Werk unverständlicherweise noch immer nicht befriedigend erschlossen ist. Debussy war ein ganz großer Neuerer und Inspirator. Nicht wenige Komponisten versuchten, seinen Stil zu imitieren, fast alle haben von Debussys Werk gelernt. Seine Bedeutung für die Musikgeschichte ist eminent. Für mich ist Debussy ohne Frage der wichtigste französische Komponist des 20. Jahrhunderts.
Dennoch gibt es insbesonders in Zusammenhang mit Debussys Orchesterwerk noch immer deutliche Ressentiments…
Jun Märkl: …Debussy hat die französische Musik neu definiert. Er hat der französischen Musik wieder ein eigenes Profil verschafft und sie befreit von deutschen Wagner'schen Einflüssen. Was die angedeuteten Ressentiments betrifft, muss man natürlich differenzieren. Natürlich hatte Debussy eine grosse Affinität zur Klangfarbe, zum leuchtenden Bild. Im Kontext der Farben steht allerdings erstaunlicherweise immer eine starke rhythmische Komponente, eine rhythmische Klarheit und strukturelle Substanz, sodass auch die Klangfarben sich niemals diffus oder indifferent darstellen. Alles bei Debussy ist transparent und kompositorisch perfekt gearbeitet. Wenn man also als Dirigent präzise analysiert und die Partitur entsprechend umsetzt, wird das Ergebnis wohl kaum, wie oft gesagt wird, "parfümierte Sauce" sein.
Wer den CD-Markt in den vergangenen Jahrzehnten beobachtet hat, nahm eher mit Verwunderung zur Kenntnis, dass zuvor keine entsprechende Gesamteinspielung aufgelegt wurde. Wie ist das zu erklären. Mangelt es Debussys Werk an Popularität? Sind seine Werke zu sperrig oder gar zu komplex?
Jun Märkl: Debussys Werk hat noch sehr viele unerforschte Ecken. Da gibt es noch einiges auszuleuchten und zu entschlüsseln, deutlich mehr als bei anderen bekannten Komponisten. Außerdem ist es ja nach wie vor so, dass von Debussy relativ wenige Werke aufgeführt werden, diese wenigen, beispielsweise "La Mer" oder die "Nocturnes", allerdings ständig. Hinzu kommt: Debussy selbst hat viele seiner Werke zwar mit einem ausgesprochenen Sinn für Orchesterfarben geschrieben, er hat sie aber nicht für Orchester instrumentiert. Es gab immer wieder entsprechende Pläne, tatsächlich aber blieb es zumeist bei der Klavierfassung.
Die Bearbeitung von Debussys Klavierwerken für Orchester haben dann, zum Teil unter Debussys Aufsicht, Freunde oder Kollegen übernommen. Welche Rolle spielen diese Bearbeitungen in Debussys Gesamtwerk und welchen Rang nehmen sie ein?
Jun Märkl: Sie spielen eine erhebliche Rolle, schon deshalb, weil es bei diesen Bearbeitungen auch um den Kern der Debussy'schen Klangästhetik geht. Und aus dieser Perspektive gibt es natürlich unterschiedliche Herangehens-Modi. Die einen versuchen eins zu eins zu instrumentieren, die anderen versuchen eher, den "Geist" eines Werks zu erfassen und fügen Elemente hinzu. Bearbeiten, das heißt ja immer nachfühlen und nachempfinden, was ein Komponist selbst gedacht haben könnte. Und so zeigen die Ergebnisse auch unterschiedliche Grade an Authentizität.
Debussys Klangsprache integriert zahlreiche außereuropäische Einflüsse wie Gamelan, javanische und asiatische Idiome. Nicht zuletzt über diese Elemente entwickelt seine Musik ihre spezifische Sogwirkung. Heute würde man das "Weltmusik" nennen...
Jun Märkl: Debussy war seit seiner Jugend begeisterter Wagnerianer, er war entschieden der deutschen Spätromantik verpflichtet und konnte "Ring", "Tristan" und "Parsifal" samt Sängerpartien exzellent am Klavier vortragen. Das war legendär. Die Pariser Salons haben sich darum gerissen, den jungen Komponisten mit diesem Repertoire zu hören. Irgendwann setzte dann bei Debussy ein Wandlungsprozess ein und damit eine Besinnung aufs Französische. Er wollte die französische Musik neu definieren und suchte Wege und Formen, die ihm helfen würden, sich freizuschwimmen. Also begann er mit fremden Idiomen zu arbeiten, neue Tonsysteme und kleinere Formate zu entwickeln. Er emanziperte damit die französische Tonsprache entscheidend und inspirierte auch nachkommende Komponisten wie etwa Messiaen.
Debussy war ein herausragender Pianist. Hat er seine Orchesterwerke aus dem Klavierklang heraus entwickelt?
Jun Märkl: Eine diffizile Frage! Ich glaube, einerseits hat Debussy ganz sicher als Pianist gedacht. Andererseits lässt er aber bereits in vielen seiner Klavierwerke das Klavier hinter sich, er geht gewissermassen vom Klavier kommend über das Klavier hinaus. Debussy war, wie wir wissen, ein Meister der Zwischentöne. Er interessierte sich stets auch für den Nachklang und die Schwingungen eines Tons. Auf dem Klavier aber sind die Töne ziemlich klar definiert und organisiert. Also experimentierte er und gelangte sukzessiv nicht nur zu einer neuen Klavierästhetik, sondern teilweise auch zu neuen Klavierspieltechniken.
Das "Orchestre de Lyon" zählt zweifellos zu den französischen Spitzenorchestern. Haben französische Klangkörper naturgemäß eine höhere Spielkultur als andere Orchester, wenn es um "nationales" Repertoire geht?
Jun Märkl: So pauschal kann man das natürlich nicht sagen. Die besten französischen Orchester haben natürlich diese Feinheit, diesen Sinn für Zwischentöne und Nuancen. Sie zeigen eine große Flexibilität in der Tongebung und bringen Klangfarben regelrecht zum Leuchten. Gerade bei Debussy hilft das natürlich, das Binnengewebe der Werke perfekt auszuleuchten. Aber es gibt auch andere wie beispielsweise das "Cleveland Orchestra", mit denen ich in dieser Hinsicht gute Erfahrungen gemacht habe. Durch die Arbeit mit Pierre Boulez können die Musiker auf intensive Erfahrungen mit französischer Musik verweisen. Auch viele japanische Orchester haben eine starke Affinität zu Debussy.
Mit dem MDR RUNDFUNKCHOR war ebenfalls einer der weltbesten Chöre an den Aufnahmen in Lyon beteiligt. Debussys Klangwelt verlangt auch im Vokalsegment einen ganz speziellen Zugang. Wie hat der Chor auf diese Herausforderung reagiert?
Jun Märkl: Der MDR RUNDFUNKCHOR ist ein sehr erfahrenes und sehr vielseitiges Ensemble. Er kann sich auf unterschiedlichstes Repertoire problemlos einstellen. Auch bei Debussy haben wir schnell zusammengefunden, was auch wichtig war, denn in Frankreich gibt es ja keine signifikante Chortradition mit entsprechend hochklassigen Ensembles. Ich habe also den MDR RUNDFUNKCHOR für diese Produktion nach Lyon eingeladen. Das Orchester zeigte sich nachhaltig beeindruckt von Ernsthaftigkeit, Professionalität, Genauigkeit und, nicht zuletzt, Klangschönheit des Leipziger Chores.
Wer sich als Musiker vergleichsweise intensiv mit einem Sujet befasst, verbindet damit in der Regel eine Botschaft. Worin liegt für Sie die Bedeutung dieses Debussy-Projekts?
Jun Märkl: Natürlich ging es in erster Linie darum, einmal das ganz große Bild von Debussys Orchestermusik zu präsentieren. Zum anderen sollte die Rezeption von Debussys Werken im 20. Jahrhundert in den Fokus gerückt werden. Gerade am Beispiel der zahlreichen (Orchester-)Bearbeitungen durch Zeitgenossen Debussys im Vergleich zu modernen Auseinandersetzungen mit dessen Werk kann man diese Rezeption wunderbar verfolgen. All das bildet diese CD-Box ab. Ich hoffe also, dass diese Aufnahmen eine neue Sicht auf Debussys Werk ermöglichen werden.
Jun Märkl
1959 geboren, studierte Jun Märkl an der Musikhochschule Hannover Klavier, Violine und Orchesterleitung. Nach dem Diplom ging er zunächst nach München und dann an die University of Michigan, wo er seine Studien bei Sergiu Celibidache und Gustav Meier fortsetzte. 1986 gewann Jun Märkl den Dirigentenwettbewerb des Deutschen Musikrates. Im folgenden Jahr erhielt er ein Stipendium des Boston Symphony Orchestra, um bei Leonard Bernstein und Seiji Ozawa in Tanglewood zu studieren.
Nach Engagements an Theatern in Luzern, Bern und Darmstadt war er bis 1994 musikalischer Leiter des Saarländischen Staatstheaters in Saarbrücken, danach bis 2000 als Operndirektor und Generalmusikdirektor am Nationaltheater Mannheim tätig. 2005 wurde er Musikdirektor des "Orchestre National de Lyon". Seit der Saison 2007/08 und bis zum Ende dieser Spielzeit war Märkl Chefdirigent des MDR SINFONIEORCHESTERS.
