Feature | MDR FIGARO | 13.04.2009 | 15:00 Uhr
Tangermünde - tausendjährige Kaiserstadt an der Elbe
von Wolfgang Knape
1009 erstmals erwähnt, im Mittelalter Grenzfeste gegen die Slawen, später Hansestadt, wurde Tangermünde 1617 von einem Stadtbrand verheert. Als Brandstifterin wurde Grete Minde hingerichtet. Der Fall interessierte u. a. Theodor Fontane und Peter Huchel. Heute ist die 1.000-jährige Stadt eine Touristen-Attraktion und eine gesuchte Filmkulisse.

Tangermünde kann einen ganz taumelig machen. Diese Stadt ist ein Wunder an Backsteinbauten und Fachwerkhäusern und gleicht in ihrer Mitte einem aufgeschlagenen Bilderbuch, von dem man nicht genug bekommen kann. Man geht in dieser Stadt durch das eine Tor hinein und durch ein anderes wieder hinaus und steht am Wasser. Man will zur Stephanskirche, zur Stadtmauer, zur Burg – und kommt doch bereits am Rathaus aus dem Schritt.
In der Langen Straße lassen die zahlreichen traufen- und giebelständigen Fachwerkbauten den Neuankömmling immer wieder einen Halt einlegen; und in der parallel dazu verlaufenden Kirchstraße ergeht es einem nicht anders.
Wohin man auch blickt, immer locken farbenfrohe Fassaden oder mit Schnitzwerk geschmückte Portale und Türen. Löwen halten das Hauswappen. Meermann und Meerfrau schielen nach dem Vorübergehenden. Und sobald man mit einem Einheimischen ins Gespräch kommt, will man noch mehr über dieses im "Kernland der Mark" liegende geschichtsträchtige Tangermünde wissen und von hier so schnell nicht wieder weg.
Grenzfeste und Hansestadt
Seine Ersterwähnung verdankt Tangermünde dem Streit zweier Adliger. Bischof Thietmar von Merseburg berichtete 1009 in seiner Chronik davon und erwähnte dabei die Burg. Die war als Grenzfeste gegen die Slawen errichtet worden, an die Otto der Große seine ostelbische Nordmark gerade wieder verloren hatte. Erst 150 Jahre später glückte dem Askanier Albrecht der Bär deren Rückeroberung, und fortan siegelte er als "Markgraf in Brandenburg".
Zur Mark gehörte auch das vormalige Grenzland westlich der Elbe, seit 1304 die Alte Mark genannt. Zu dieser Zeit hatte sich aus der im Schutze der Tangermünder Burg entstandenen Kaufmannssiedlung bereits eine Stadt entwickelt, der aufgrund ihrer Lage eine gewichtige Rolle im Fernhandel zufiel. 1368 trat Tangermünde der Hanse bei. Fünf Jahre später machte ein deutsch-römischer Kaiser die Burg zu seiner Nebenresidenz. [...]
Stadtmauer, Türme, Fachwerkhäuser
Der Prälatenberg und St. Stephan. Die Altstadt. Die Neustadt. Das Hünerdorf, Schlossfreiheit und Burg … Die Anfänge sind noch deutlich erkennbar. Und eine fast vollständig erhaltene Stadtmauer prägt mit ihren Toren und Türmen entscheidend das Bild. Überall in der Altstadt trifft man auf die für Tangermünde charakteristischen Fachwerkbauten, bunt bemalt zumeist, mit reichem Schnitzwerk versehen und noch keine vierhundert Jahre alt. Das macht stutzig.
Todesurteil gegen Brandstifterin ...
Am Stadtbrunnen erinnert dann eine der Tafeln auch an den großen Grete-Minde-Brand, der bis heute nicht vergessen ist. Am 13. September 1617 stand Tangermünde in Flammen. In Panik flüchteten die Bewohner aus der Stadt, wie. der Chronist vermeldete:
"Da sahe und hörete man nichtes denn Schreyen, Heulen, Winseln, und Weheklagen! Die armen Leute lagen mit ihren kleinen Kindern auf die Äcker und Anger und der größte Hauf hatte weder zu beißen noch zu brechen, weil alles im Feuer umgekommen war."
Nahezu die gesamte Stadt lag in Schutt und Asche. Als Brandstifterin wurde später Margarete Minden (oder Minde) ausgemacht, Tochter einer spanischen Katholikin und eines Tangermünder Vaters. Sie hatte ihr Erbteil einfordern wollen und war abgewiesen worden. Nun beschuldigte man sie, den Brand aus Rache gelegt zu haben. Hochnotpeinlich befragt, gab sie es zu. In eiserne Ketten gelegt wurde Grete Minde zum Scheiterhaufen auf dem Marktplatz geführt. Das Urteil wurde am 22. März 1619 vollstreckt.
... später als Justizirrtum erkannt
Über Jahrhunderte läuteten am Jahrestag der Katastrophe in Tangermünde die Glocken, und man verfluchte das rachesüchtige Weib. 1883 sah sich der Jurist und Heimatforscher Ludolf Parisius beim Aktenstudium mit einem Justizirrtum konfrontiert und zeichnete erstmals ein anderes Bild. Auch Theodor Fontane interessierte der Stoff.
"Ich habe vor, im Sommer eine altmärkische Novelle zu schreiben, die Heldin: Grete Minde, Patrizierkind, das durch Habsucht, Vorurteil und Unbeugsamkeit vonseiten ihrer Familie, mehr noch durch Trotz des eigenen Herzens, in einigermaßen großem Stil, sich und die halbe Stadt vernichtend, zugrunde geht."
Beliebt als Filmkulisse und Bildmotiv
Auch nach dem Wiederaufbau nach dem vermeintlich durch Grete Minde gelegten
Brand ist Tangermünde eine besondere Stadt geblieben. Angesichts der Fülle historischer Bauten und der bevorzugten Lage am Fluss ist Tangermünde eine beliebte Filmkulisse. "Karbid und Sauerampfer" wurde hier gedreht, "die Gänse von Bützow" und unlängst erst der ARD-Vierteiler "Napoleon und die Deutschen".
Auch nach dem Wiederaufbau nach dem vermeintlich durch Grete Minde gelegten
Brand ist Tangermünde eine besondere Stadt geblieben. Angesichts der Fülle historischer Bauten und der bevorzugten Lage am Fluss ist Tangermünde eine beliebte Filmkulisse. "Karbid und Sauerampfer" wurde hier gedreht, "die Gänse von Bützow" und unlängst erst der ARD-Vierteiler "Napoleon und die Deutschen".
Die Tangermünder sind stolz auf ihre Stadt. Dieses Gefühl teilt ihr Bürgermeister Rudolf Opitz:
"Tangermünde ist eine wunderschöne Stadt, man hat nicht nur die Altstadt, man hat die Elbwiesen, man hat die Elbauen. Es ist eine idyllische Ecke hier. Die meisten Tangermünder, wenn sie denn schon ihre Heimatstadt verlassen müssen, kommen gerne wieder. Und es gibt welche, die haben Tränen in den Augen dabei nach vielen, vielen Jahren."
Zuletzt aktualisiert: 08. April 2009, 20:49 Uhr
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Tangermünde - die tausendjährige Kaiserstadt an der Elbe
Autor: Wolfgang Knape
Regie: Nikolai von Koslowski
MDR 2009

