MDR FIGARO

Hörspiel | MDR FIGARO | 11.05.2009 | 22:00 Uhr

Loests "Wendehals"-Theaterstück als Hörspiel

20 Jahre nach der Wende schreibt Erich Loest schärfer denn je gegen die Verharmlosung der DDR-Vergangenheit an. MDR FIGARO produzierte als Beitrag zur Debatte eine Hörspielfassung seines Theaterstücks "Ratzel speist im 'Falco'" - mit Hilmar Eichhorn, Veit Schubert, Peter Kurth, Wolfgang Winkler und Marie Gruber in den Rollen.

Veit Schubert (L), Peter Kurth (M) und Hilmar Eichhorn (R)
Die Sprecher Veit Schubert, Peter Kurth und Hilmar Eichhorn im Hörspielstudio Halle (v.l.n.r.)

Erich Loest fühlt sich seiner Heimat auf geheimnisvolle Weise verpflichtet. 1981 verläßt er die DDR gen Westen, ein knappes Jahrzehnt später, 1990, kehrt er wieder nach Leipzig zurück. Er gilt als Chronist der Zeitgeschichte und als Mahner. Mit publizistischen Mitteln kämpft er gegen eine Renaissance der SED-Nachfolgepartei sowie eine zunehmende Verharmlosung des DDR-Staats. Seine polemischen Wortmeldungen richteten sich zuletzt gegen das rot-rote Parteigezänk im Leipziger Stadtrat um die Nachfolge des Kulturbeigeordneten und gegen die Wiederaufstellung von Marxrelief und des umstrittenen Tübke-Gemäldes "Arbeiterklasse und Intelligenz". Der vorläufige Höhepunkt der Auseinandersetzung mit der Löwen- und Heldenstadt Leipzig: Loest kündigt seine "Emigration" nach Halle an.

Wolfgang Winkler als 'Kurt Masur'
Schauspieler Wolfgang Winkler ("Polizeiruf 110") als Kurt Masur

"Der Aufruf der Sechs"

Loests Roman "Nikolaikirche" (1995) versucht anhand historischer Fakten die Ereignisse der friedlichen Revolution in Leipzig nachzuzeichnen: Leipzig noch als Heldenstadt. Zwanzig Jahre später sieht die Lage anders aus.

Seine Sicht der Dinge - die Verdrängung der Geschichte - spiegelt sich auch in der Hörspielfassung seines Theaterstücks "Ratzel speist im 'Falco'" wider. Darin spitzt er die Situation zu: Zwanzig Jahre nach der friedlichen Revolution kehren Funktionäre und Nutznießer von einst zurück. Sie finden nach der Wende schnell ihr Auskommen. Doch ihnen fehlt bis heute das Bewusstsein für die Vergangenheit oder die Fähigkeit für ein moralisches Eingeständnis.

Einer der Protagonisten im Herbst 1989 war Roland Wötzel, damals Bildungssekretär der SED-Bezirksleitung in Leipzig. Im Hörspiel ist unüberhörbar, dass die Figur Dieter Ratzel der Person Roland Wötzels nachempfunden ist. Gemeinsam mit seinen Parteikollegen Jochen Pommert und Kurt Meyer sowie dem Kabarettisten Bernd-Lutz Lange, dem Gewandhaus-Kapellmeister Kurt Masur und dem Theologen Peter Zimmermann setzte sich Wötzel in einem "Aufruf der Sechs" für Gewaltlosigkeit bei der Montagsdemonstration am 9. Oktober ein. Wötzel galt als Reformer, konnte jedoch keine Akzente mehr setzen, da mit dem Erstarken der Bürgerbewegung die Entmachtung der SED angestrebt wurde. Mit der Auflösung des Bezirks Leipzigs im Zuge der Neuordnung der ostdeutschen Bundesländer endete auch die politische Karriere Wötzels. Roland Wötzel arbeitet heute als Rechtsanwalt.

Marie Gruber als 'Sabine Müller'
Schauspielerin Marie Gruber als Sabine Müller

Das Hörspiel: Rückkehr der alten Kämpen

Am 9. Oktober 2009 lädt der Leipziger Rechtsanwalt Dr. Dieter Ratzel ein paar enge Freunde zu einem Essen ins Nobel-Restaurant "Falco" ein. Schließlich gibt es etwas zu feiern. Vor zwanzig Jahren wurde auf den Straßen, auf die sie jetzt vom 27. Stock aus herunterblicken, "die Wende" erzwungen. Dass sie heute hier sitzen würden, hätte damals allerdings keiner von ihnen gedacht. Dieter Ratzel war Sekretär der Bezirksleitung der SED und genoss als Mitunterzeichner des sogenannten "Aufrufs der Fünf" kurzzeitig ein gewisses Ansehen. Dr. Joachim Linden war Instrukteur des Zentralkomitees. Und Sabine Müller hatte den alten Kämpen der Partei in ihrer Kantine eine Art zweites Zuhause geboten. Heute, zwanzig Jahre später, sitzen sie alle gut im Sattel.

Den Zusammenbruch von damals sehen sie als Teil ihrer Strategie: Den Staat opfern, die Partei retten. Marode, wie die DDR war, brauchte sie dringend eine Generalsanierung - und als Sanierer ist der Kapitalismus nun einmal unschlagbar. Aber bald ist der Laden wieder in Schuss und kann erneut von den Kräften des Fortschritts übernommen werden. Stellt die Linke nicht zumindest im Leipziger Stadtparlament demnächst die stärkste Fraktion? Gute Voraussetzungen, um sich an aufregende alte Zeiten zu erinnern.

Erich Loest

Über den Autor

Erich Loest, 1926 in Mittweida geboren, war von 1947 bis 1950 Redakteur bei der "Leipziger Volkszeitung" und ab 1950 freischaffender Schriftsteller. 1959 wurde Loest wegen "konterrevolutionärer Gruppenbildung" verhaftet und zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach seiner Haftentlassung kehrte er nach Leipzig zurück und veröffentlichte unter verschiedenen Pseudonymen Abenteuer- und Kriminalromane. Nach seinem Protest gegen Zensurmaßnahmen in einem offenen Brief trat er 1979 aus dem Schriftstellerverband aus. 1981 ging er nach Osnabrück und kehrte nach Ablauf seines Dreijahresvisums nicht mehr in die DDR zurück. Seit 1990 lebt Loest wieder in Leipzig.

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Wendelegenden und Kritik an Montagsdemonstrationen

In "Löwenstadt" setzt sich Erich Loest, bekannt als scharfer DDR-Kritiker, wieder mit der Vergangenheit auseinander. Wie ordnet sich das Buch in sein bisheriges Werk ein? (12.03.2009)

Zuletzt aktualisiert: 08. Mai 2009, 08:59 Uhr

 

Angaben zur Hörspiel-Ursendung

Wir waren das Volk! - MDR FIGARO erinnert an die friedliche Revolution:
"Ratzel speist im 'Falco'"
Von Erich Loest

Produktion: MDR 2009
Regie: Wolfgang Rindfleisch
Komponist: Stephan König

Mit Hilmar Eichhorn (als Dieter Ratzel), Frauke Poolman (als Betty Ratzel), Veit Schubert (als Dr. Joachim Linden)
Ute Loeck (als Ute Loeck) Erika, Thomas Huber (als Erikas Ehemann), Marie Gruber (als Sabine Müller), Peter Kurth (als Egon Krenz), Wolfgang Winkler (als Kurt Masur), Olaf Burmeister (als Schnur), Klaus Manchen (als Hummitzsch) u.a.

Buchtipp

Erich Loest: Einmal Exil und zurück, 284 S.
Steidl Verlag, Göttingen 2008.
ISBN 978-3-86521-665-6

(Sammelband mit Reden, Interviews und Theaterstücken von Erich Loest, u.a. auch "Ratzel speist im 'Falco'")

 
 
 
 
 
 
 

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