Essay | MDR FIGARO | Zum Nachhören
Wie gestochen - Kunde von einem ausgestorbenen Handwerk
Sendung am 29.11.2009
Über Jahrhunderte war der Notenstich die edelste Form der Veröffentlichung musikalischer Werke - bis die Computertechnik das Handwerk verdrängte. Im Jahr 2000 veröffentlichte der Henle Verlag die letzten auf einer Stichvorlage basierenden Noten. Das Essay "Wie gestochen" von Kirsten Poggendorff erzählt die Geschichte dieses mittlerweile ausgestorbenen Handwerks.

Der Notenstich wurde 1730 durch den Engländer John Walsh (1665–1736) erfunden. Vorher wurden Noten entweder von Hand vervielfältigt oder mit beweglichen Typen gedruckt. Erst durch den Notenstich erlangten die Veröffentlichungen eine Präzision, die auch heute noch fasziniert.
Leipzig, seit Mitte des 18. Jahrhunderts Stadt der Musikverlage, war eines der internationalen Zentren dieses Handwerks. Bis zur Wende ins 20. Jahrhundert arbeiteten hier neun von zehn deutschen Notenstechern. Anfang Dezember 1943 kommt es jedoch zu einer Katastrophe: Das grafische Viertel Leipzigs wird durch Bombenangriffe fast völlig zerstört und mit ihm die meisten Musikverlage, Druckereien, Notenstechereien.
Computer statt Handwerk
Die letzten Noten in Deutschland, deren Vorlage durch Notenstich hergestellt wurde, erschienen im Jahr 2000 im Henle Verlag München. Der letzte waschechte Notenstecher wurde 1998 ausgebildet. Der Nachfolgeberuf ist der des Mediengestalters für Digital- und Printmedien der Fachrichtung Mediendesign.
Damit geht nicht nur eine jahrhundertealte Kunst und Tradition zu Ende, mit dieser Tatsache geht auch ein Wissen verloren, das hochspeziell ist und viel Erfahrung erfordert. Technologien, die mit Hilfe des Computers entwickelt werden, können da derzeit nur bedingt mithalten.
Die beiden letzten Notenstecher Leipzigs, Frank Hoyer und Wolfgang Reim, arbeiteten bis 1991 in ihrem Handwerksberuf. Essay-Autorin Kirsten Poggendorff hat sie getroffen und erzählt die Geschichte eines ausgestorbenen Handwerks.
"Der Notenstecher stellt die Grundlage für den Notendruck her. Unsere Arbeit ist eine reine Handarbeit und wir gravieren die Noten nach dem Manuskript auf Bleiplatten."
Von der Handschrift zum gedruckten Werk
Wer einmal die Noten-Handschriften von Komponisten gesehen hat, weiß, dass sich darin nur selten ein Interpret zurechtfinden wird. Daher werden seit Jahrhunderten die Noten in eine lesbare Form gebracht und gedruckt. Der gestochene Notensatz hat sich dabei als die optisch edelste Form etabliert.
Die Notenstecher erhalten die Noten-Vorlage vom Herausgeber. Die Originalhandschriften des Komponisten wurden dabei bereits ediert und in die endgültige Form gebracht. Der Notenstecher braucht sich daher nicht um schlecht lesbare Vorzeichen und andere Missverständlichkeiten zu kümmern, die der Komponist aufs Blatt gebracht hat.
Auf Basis dieser Vorlage teilt der Notenstecher das Werk in musikalisch sinnvolle Einheiten ein. Wo sollten z.B. später Taktumbrüche erscheinen, die spieltechnisch hilfreich für die ausübenden Musiker sind? So sollte ein Pianist zum Umblättern seiner Noten an einer musikalisch eher einfacheren Stelle sein, die ihm die Zeit dazu bietet und nicht gerade mitten im komplizierten Arpeggio.
Ein Notenstecher muss sich also mit allen Instrumenten auskennen, muss sich in die jeweiligen Instrumentalisten hineinversetzen können, um einen musikalischen Notensatz zu erstellen, von der Piccolo-Flöte bis zur Pauke, vom Sologesang mit Klavierbegleitung bis zum Orchesterwerk.
"Drei Jahre dauert die Ausbildung. Wenn man sich schon ein bisschen mit den Noten auskennt, ist es einfacher. Zum Fachunterricht gehören auch Harmonielehre, etwas Musikgeschichte. Schwieriger ist die praktische Seite: Der Umgang mit dem Hammer, dem Stichel."
"Rastrieren" - die Notenlinien einziehen
Ist der grundsätzliche Aufbau der Partitur festgelegt, beginnt die handwerkliche Arbeit des Notenstechens. Mit dem Rastral, einem fünfzinkigen Werkzeug aus Messing, werden die fünf Notenlinien in einem Zug in die Stichplatte eingeritzt. Danach werden die Noten platziert. Sie sollten so angeordnet sein, dass am Ende eine gute Lesbarkeit der Partitur entsteht. Im Lauf der Jahrhunderte haben sich so bestimmte Layout-Standards etabliert, die auch beim heutigen Computer-Notensatz noch genutzt werden.
Die Noten samt ihrer Vorzeichen, Punktierungen etc. sowie die Taktstriche, Dynamikanweisungen und Liedtexte werden nun mit einem Stahlstempel in die Metallplatte eingeschlagen oder in diese eingestochen. Die bei der Arbeit entstehenden Grate werden nun mit einem Schaber entfernt, ebenso die zur Gravur benötigten Hilfslinien. Nach der Kontrolle des sogenannten Grünabzugs durch den Lektor und eventuelle Korrekturen kann nun der endgültige Druck beginnen.
Die gestochene Platte ist nur für eine bestimmte Anzahl von Druckdurchgängen brauchbar, denn mit der Zeit verliert das Druckbild durch Abnutzung an Schärfe. Ein gelernter Notenstecher kann auch heute noch eine gestochene Partitur von einer mittels Computer erstellten unterscheiden. Doch durch den technischen Fortschritt und die damit einhergehende Präzision wird die zukünftige Computertechnik dies erschweren. Das in jahrelanger Arbeit geschulte Augenmaß eines Notenstechers wird sich jedoch wohl nicht durch Computer ersetzen lassen.
"Angesichts der heutigen Preise von Musikalien und der rapide angestiegenen Zahl von Raubkopien ist für Verleger ein Seitenpreis, wie er beim Stich gezahlt werden muss, nicht mehr akzeptabel. Für den niedrigen Seitenpreis muss jedoch schlechtere typographische Qualität in Kauf genommen werden, was gleichzeitig den Verkaufspreis senkt."
Zuletzt aktualisiert: 03. Dezember 2009, 10:32 Uhr
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Angaben zur Sendung
Wie gestochen. Der Notenstich, Kunde von einem ausgestorbenen Handwerk
Essay von Kirsten Poggendorff
Sendung:
Sa, 29.11.2009, 19:05-19:30 Uhr
Erzählerin: Simone Kabst
Zitator: Jörg Lichtenstein
Produktion: MDR 2006
Regie: Matthias Seymer
Über die Autorin
Kirsten Poggendorff wurde in Fürstenberg an der Havel geboren. nach dem Studium der Schulmusikerziehung in Weimar arbeitet sie als Musiklehrerin, Buchverkäuferin, Theaterleiterin, Caterin, Journalistin, Barfrau und Autorin. Sie lebt und arbeitet heute in Berlin.

