Diskurs | MDR FIGARO | 24.05.2011 | 22:00 Uhr : "Großexperiment Einheit"
Zum 75. Geburtstag von Friedrich Dieckmann am 25. Mai
Die Währungsunion 1990 stellt einen einzigartigen Umbruch in der deutschen Wirtschaftsgeschichte dar. Doch war das "Experiment" erfolgreich? Über die Folgen ist der Kulturjournalist Adelbert Reif im Gespräch mit dem Publizisten und Schriftsteller Friedrich Dieckmann. MDR FIGARO wiederholt den Diskurs anlässlich des 75. Geburtstags von Friedrich Dieckmann.
Mit der Währungsunion fand 1990 - so Ralf Dahrendorf - eines der größten ökonomisch-konstitutionellen Experimente statt, die es je gab, und die Bürger der DDR waren die Versuchskaninchen: Eine einzigartige Eigentumsverschiebung mit bis heute nicht in geordnete Bahnen überführten sozialen Folgen. Die enormen Transfer- und Wiederaufbauleistungen der alten Bundesrepublik, aber auch der hemmungslose Zugriff einer vor Kapital, Waren und Wirtschaftsmacht strotzenden Gesellschaft stehen bis heute einer in der DDR anders beschaffenen, anders gewachsenen Gesellschaft gegenüber, die sich 1989 gerade erst frei gemacht hatte von der "Diktatur des Proletariats".
Über den Schriftsteller und Publizisten
Friedrich Dieckmann wird 1937 in Landsberg an der Warte, dem heutigen Gorzów Wielkopolski in Polen, geboren. Er beginnt 1955 in Leipzig Germanistik und Philosophie zu studieren – im legendären Hörsaal 40 bei Ernst Bloch. Auch die Physik hat es ihm angetan, doch fasst er hier nicht Fuß. Dieckmann wendet sich wieder der Literatur zu. 1963 lässt er sich als freier Schriftsteller in Ost-Berlin nieder. Er wird Mitglied des Schriftstellerverbandes und des PEN-Zentrums der DDR. Von 1972 bis 1976 ist er Dramaturg am Berliner Ensemble, doch die Organisationsstrukturen des Hauses empfindet er als einzwängend. Deshalb arbeitet er ab 1976 wieder als freier Schriftsteller, Essayist und Kritiker. Er schreibt Aufsätze zur Geschichte und Gegenwart des Bühnenbildes, die in drei Bänden erscheinen; er verfasst Bücher unter anderem über Friedrich Schiller, Johann Wolfgang Goethe, Franz Schubert, Richard Wagner und Bertolt Brecht. Er setzt sich mit den Arbeiten des Bühnenbildners Karl von Appen auseinander, der 1953 mit Bertolt Brecht zusammenarbeite und ab 1954 Chefbühnenbildner des Berliner Ensembles war.
Nach 1990 entstehen zahlreiche Essays über den Prozess der deutschen Vereinigung, die Dieckmann in vier Bänden veröffentlicht. 1983 erhält er den Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR und den Internationalen Kritikerpreis der Stadt Venedig. Viele weitere Auszeichnungen folgen, darunter 1993 das Bundesverdienstkreuz. 1992 wird er Mitglied der Freien Akademie der Künste zu Leipzig, 1995 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, 1996 der von ihm mitgegründeten Sächsischen Akademie der Künste und 1997 der Berliner Akademie der Künste.
Friedrich Dieckmann ist auch für MDR FIGARO tätig, zuletzt spazierte er auf Pöppelmanns Spuren durch das alte und neue Dresden.
Angaben zur Sendung
Großexperiment Einheit - Verheftung statt Zusammenwachsen. Über den Mangel am Ganzen. Friedrich Dieckmann im Gespräch mit Adalbert Reif
Diskurs
Sendung:
Do, 24.05.2011 | 22:00 Uhr
Produktion: MDR 2011
Buchtipps
"Freiheit ist nur in dem Reich der Träume. Schillers Jahrhundertwende", Frankfurt/Main, Insel 2009, ISBN 978-3-458-17455-4
"Deutsche Daten oder der lange Weg zum Frieden", Wallstein, Göttingen, 2009, ISBN 978-3-8353-0572-4
"Diesen Kuß der ganzen Welt! Der junge Mann Schiller"
Frankfurt/Main, Insel 2005, ISBN: 3-458-17244-0
"Wer war Brecht? Erkundungen und Erörterungen"
Berlin: Aufbau 2003
ISBN: 3-7466-8084-0
"Was ist deutsch? Eine Nationalerkundung"
Frankfurt/Main: Suhrkamp 2003
ISBN: 3-518-12280-0
"Richard Wagner in Venedig. Eine Collage"
Leipzig: Reclam 1994
ISBN: 3-379-01509-1
