Diskurs

Diskurs | MDR FIGARO | 17.01.2013 | 22:00 Uhr : Gregor Gysi trifft Günter Gaus

Dass Gregor Gysi sich mit Begeisterung und Wonne in Gespräche stürzen kann, hat sein Publikum hundertfach erleben können - mit starken und auch mal plauderhaften Momenten. Unter den Live-Talks seiner Matinee-Reihe "Gregor Gysi trifft Zeitgenossen" am Deutschen Theater Berlin, zu der er sich ab 2003 Egon Bahr, Peter Zadek, Gesine Schwan oder Thomas Gottschalk einlud, gab es eine Sternstunde der dialogischen Begegnung - das Gespräch mit Günter Gaus.

Und der kannte Gregor Gysi beileibe nicht nur aus seiner eigenen Porträt-Reihe "Zur Person", sondern auch aus seiner Zeit als erster Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der DDR. Das rückhaltlos offene Gespräch wirkt heute wie ein Credo der deutsch-deutschen Kalamitäten, das Günter Gaus ein Jahr vor seinem Tode formulierte. Der Respekt wie auch die Befangenheit, die Gastgeber Gregor Gysi sich nicht scheute einzuräumen, ergeben ein Doppel-Porträt seltener Spannung und Tiefe.

Gregor Gysi - Anwalt, Politiker, Redner

Linke-Parteichef Gregor Gysi spricht bei einer Wahlkampfveranstaltung der Linkspartei zur Landtagswahl.
MDR FIGARO

Diskurs: Gregor Gysi trifft Günter Gaus

17.01.2013, 23:00 Uhr | 59:04 min

Gregor Gysi kam 1948 in Berlin zur Welt. Von Kindesbeinen an war er mit dem kulturellen Leben der DDR-Hauptstadt verbandelt. Sein Vater Klaus Gysi war einige Jahre Verleger, dann Kulturminister der DDR, dann Botschafter in Italien und schließlich Beauftragter für Kirchenfragen. Seine Mutter Irene arbeitete ebenfalls als Verlegerin, dann im Kulturministerium und leitete später das Zentrum der DDR des Internationalen Theater-Instituts (ITI).

Nach einer Ausbildung zum Rinderzüchter und einem Jurastudium an der Berliner Humboldt-Universität war Gregor Gysi 1971 mit knapp 24 Jahren jüngster Anwalt der DDR. Er macht sich einen Namen als Scheidungsanwalt und Verteidiger von Systemkritikern wie Rudolf Bahro. 1988 wurde er Vorsitzender des Kollegiums der Rechtsanwälte in Berlin (Ost). Er vertrat 1989 als Anwalt das Neue Forum und war einer der Initiatoren der Kundgebung auf dem Alexanderplatz im November 1989. Auslöser dafür war sein Auftritt im Deutschen Theater Berlin im Oktober desselben Jahres. Im Dezember 1989 wurde er zum Vorsitzenden der PDS gewählt.

Als die PDS 1998 erstmals die Fünf-Prozent-Hürde in den Bundestag übersprang, wurde Gregor Gysi Vorsitzender der Fraktion und blieb es zunächst bis zum Jahr 2000. 2005 gab sich die PDS den Zusatz "Linkspartei" und bildete mit der neugegründeten westdeutschen "Wahlalternative Arbeit & soziale Gerechtigkeit" (WASG) eine gemeinsame Linksfraktion. Gysi wurde ihr Vorsitzender und war 2007 neben Oskar Lafontaine treibende Kraft für die Verschmelzung der beiden Parteien zu "Die Linke". Bei der letzten Bundestagswahl im September 2009 kam die Linksfraktion auf knapp zwölf Prozent aller Stimmen. Seit dem Rückzug Lafontaines ist Gregor Gysi alleiniger Fraktionsvorsitzender.

Links von der Mitte: Günter Gaus

Günter Gaus, Publizist und früherer Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der DDR
Günter Gaus, Publizist und früherer Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der DDR

Im Frühjahr 1974 wurde Günter Gaus zum ersten "Ständigen Vertreter" der Bundesrepublik in der DDR berufen. Für Gaus war es der interessanteste Posten, den die BRD zu vergeben hatte und er bezeichnete die Jahre als Missionschef in Ostberlin rückblickend als die wichtigsten seines Lebens: "Seinerzeit hatte sich die Hoffnung der Menschen in der DDR an die kleinen Schritte gebunden. Und ich war für sie der Vollstrecker dieser kleinen Schritte. Das führte dazu, dass ich in der DDR viel Zuspruch fand. Das hat mir sehr wohl getan."

Der 1929 in Braunschweig geborene Günter Gaus hatte in seinem Leben viele Karrieren gemacht. Er begründete als junger Journalist 1963 die legendäre Interviewreihe "Zur Person", er war Rundfunkintendant, Chefredakteur des Wochenmagazins "Der Spiegel" (1969-1973) und - nach seiner Zeit als "Ständiger Vertreter" - politischer Schriftsteller. Mit seiner radikalen Kritik an den Verhältnissen in der BRD und seinem Eintreten für ostdeutsche Belange hatte sich Günter Gaus zunehmend auf einsamen Posten begeben. "Ich stehe links von der Mitte", sagte er einmal, "doch manchmal habe ich den Eindruck, dass ich an den linken Rand gerutscht bin, was nicht daran liegt, dass ich mich verändert habe, sondern dass die Gesellschaft mit atemberaubender Geschwindigkeit rechts an mir vorbeigezogen ist." Günter Gaus starb 2004 in Hamburg. Posthum erscheinen seine "Widersprüche - Erinnerungen eines linken Konservativen".

Zuletzt aktualisiert: 17. Januar 2013, 12:50 Uhr

Angaben zur Sendung

Diskurs
Zum 65. Geburtstag von Gregor Gysi am 16. Januar 2013

Gregor Gysi trifft Günter Gaus
DT-Matinee vom 15. Juni 2003

Produktion: Deutsches Theater 2003

Sendung:
Do, 17.01.2013, 22:00-23:00 Uhr

Literatur

Gregor Gysi, Birgit Rasch (Hg.): Offene Worte. Gysi trifft Zeitgenossen, 240 Seiten, Neues Leben, Euro 17,95, ISBN 978-3-355-01789-3

Günter Gaus: Zur Person - Sechs Porträts in Frage und Antwort. Friedrich Schorlemmer, Lothar de Maiziere, Gregor Gysi, Ingrid Köppe, Christoph Hein und Hans Modrow, Volk und Welt 1990

Günter Gaus: Widersprüche. Erinnerungen eines linken Konservativen, 384 Seiten, Propyläen, Berlin 2004, ISBN 978-3549071816

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