Hörspiel & Feature

Hörbuchtipps | MDR FIGARO | 15.01.2012 | 13:05 Uhr : Durchgehört: Neue Hörbücher im Monat Januar 2012

In der Januar-Ausgabe der Sendung "Durchgehört" stellt FIGARO-Redakteur Tobias Barth empfehlenswerte Hörbuch-Novitäten vor, darunter Michael Köhlmeiers Märchenwelt, Herta Müllers "Eine Fliege kommt durch einen halben Wald" sowie "Gattin aus Holzabfällen" von Max Goldt.

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Tomas Tranströmer: "Die Erinnerungen sehen mich"

Tomas Tranströmer, 2001 in Stockholm
Tomas Tranströmer, 2001 in Stockholm

Gelesen von Michael Krüger
Hörbuch Hamburg

Als Tomas Tranströmer 2011 den begehrten Nobelpreis für Literatur zugesprochen bekam, war die Überraschung groß. Und anders als bei Herta Müller war es für die Feuilletons gar nicht so einfach, biografisches Material des Geehrten aufzuspüren. Das galt erst recht für die Rundfunkkollegen. Es gab zwar einige Aufnahmen von Gedichten Tranströmers, allerdings die meisten auf Schwedisch. Und weil er - obwohl er ein so radikal subjektiver Lyriker ist - sein privates Leben immer sehr von seinem öffentlichen getrennt hat, gab es wenig greifbares Material.

Allerdings gibt es eine schmale autobiografische Erzählung, geschrieben 1991 im Alter von 60 Jahren, ein Jahr nach Tranströmers Schlaganfall. Dieser Prosatext ist jetzt auf Deutsch als Hörbuch erschienen, gelesen von seinem Freund und deutschen Verleger Michael Krüger. Auffallend dabei: Nicht das Subjekt scheint hier aktiv zu sein, sondern eben die Erinnerungen. Diese sehen den Menschen und suchen ihn auf. Die Begebenheiten und Dinge sind es, die bei Tranströmer sprechen, das "Ich" wird ein Objekt, aus dem es spricht, oder zumindest etwas, was immer eingebettet ist in Prägungen, in Kindheitserlebnisse, in Verhaltensweisen und Einsichten, die aus dem Spiel von "Ich" und "Welt", von "Innen" und "Außen" erwachsen - und wenn es das Sammeln von Käfern ist oder das Aufspießen von Schmetterlingen. Ein wehmütiger Ausflug in eine Kindheit im analogen Zeitalter.


Michael Köhlmeiers Märchenwelt

13 CDs mit 930 Minuten Spieldauer
erschienen im Hörverlag, 39,99 Euro.

"Michael Köhlmeiers Märchenwelt" versteht sich als literarische Schatzkammer. Und tatsächlich bringt dieses Hörbuch auf 13 CDs Schätze aus aller Welt zu Gehör. FIGARO-Hörer kennen Köhlmeier als begnadeten Erzähler und Kommentator der griechischen Sagen. Als einen, der in freier Rede nacherzählt, der die Konfliktlagen herauspräpariert, die Charaktere analysiert und antike Mythologie auferstehen lässt und sie für uns Zeitgenossen verständlich macht. Aber Vorsicht: Das ist nicht das Konzept dieser Märchen-CD! Wer vor Enttäuschung gefeit sein will, muss wissen, dass Köhlmeiers Märchenwelt betont monoton eingesprochen ist - etwa so, wie man sich den raunend erzählenden Brunnen aus Astrid Lindgrens "Mio, mein Mio" zu denken hat. Das Magische, Hineinziehende kommt hier nicht durch Köhlmeiers Esprit, sondern spricht aus den Märchen selbst.


"Die Saga-Aufnahmen" (Teil 2)

Vier Audio-CDs, 276 Minuten, 39,80 Euro
Supposé-Verlag

Diese Hörbücher sind eine Entdeckung! Da geht jemand los und lässt sich auf der Insel aus Feuer und Eis an den vermeintlichen Originalschauplätzen die alten Island-Sagas erzählen, von kundigen Isländern auf Deutsch. Diese Island-Sagas haben eine unglaubliche Wucht. Das sind Tragödien, ganz im Sinne der griechischen Begriffsdefinition. Da gibt es: die diametral entgegen gesetzten Pole, das Unausweichliche, Schicksalhafte - alle Figuren können nicht anders, als eben so, wie sie handeln - und doch sind selbst ihre ärgsten Grausamkeiten motiviert und nachvollziehbar. Und das Starke daran ist, wie lapidar sie auf diesem Hörbuch erzählt werden. Ganz selbstverständlich, kein Wort zuviel, aber in den kleinen Randbemerkungen blitzt soviel Ideologiekritik auf: Da wird die Heldenhaftigkeit der Sagarecken immer wieder in Frage gestellt, vor allem ihr Ehrbegriff, ihre Härte gegen sich und andere.

"Und was hat das mit uns zu tun?" - mag man fragen. Die "Saga aus dem Lachsflusstal" zum Beispiel dreht sich um Gudrun, und im Kern geht es um verschmähte und missverstandene Liebe und darum, wohin sie führen kann. Gudrun ist viermal verheiratet, dreimal wird sie Witwe. Und am Ende ihres Lebens wird sie zu ihrem Sohn sagen müssen, den Mann, den sie am meisten geliebt hat, dem hat sie das Schrecklichste angetan - sie hat ihn umbringen lassen. Das sind - wenn man so will - stark überzeichnete Beziehungsdramen - und sie haben als solche Bestand bis heute.


Herta Müller: "Eine Fliege kommt durch einen halben Wald"

Monolog, gesprochen von Angela Winkler
Eine CD, 40 Minuten, 9,99 Euro
Hörbuch Hamburg

"Eine Fliege kommt durch einen halben Wald" ist ein Monolog, übrigens erstmals gedruckt in der Anthologie "Kursbuch 1992", fünf Jahre nach der Ausreise Herta Müllers aus Rumänien nach Westdeutschland. Diesen Monolog spricht eine Frau, deren Mann im Straflager ist. Sie weiß nicht wo, sie weiß nicht, für wie lange, sie weiß nicht, ob er vielleicht sogar tot ist. Der Monolog handelt vom Warten. 34 Jahre wartet diese Frau, wartet auf Nachricht, auf ein Lebenszeichen oder eine Todesnachricht. Und sie wird dabei fast verrückt, weil eben die Situation so verrückt ist.

Das fängt Herta Müller ein in ganz einprägsamen Sprachbildern, die aus dem Kontext gerissen überhaupt nichts ergeben, aber im Zusammenhang gehört ganz prägnant sind. Sie drücken unglaublich verdichtet eine Gefühlslage aus, werden zu ganz bleibenden Eindrücken. Zumal, wenn sie von einer Schauspielerin wie Angela Müller gesprochen werden! Diese gesprochene Fassung des Textes von Herta Müller macht diesen verständlicher und erschließt so seine Schönheit, in all seiner Härte und Zärtlichkeit.


"Dass ein Mann, der so vielen Geist hat, so voll von Bosheit sein kann"

Das Bild "Friedrich II. Koenig von Preussen" des Malers Johann Georg Ziesenis (1716-1776)
Friedrich II. galt als aufgeklärter Monarch und war mit Voltaire befreundet

Geschichte der Freundschaft zwischen Voltaire und Friedrich II.
von Wolfgang Rödel, ORB 1994
Eine CD, 54 Minuten, 14,90 Euro
Der AudioVerlag

Dieses einstündige Feature erzählt klug zusammengestellt durch Zitate der beiden Freunde Voltaire und Friedrich II., durch Zitate von Historiografen und ist sehr fein inszeniert mit hochkarätigen Darstellern und mit Musik. Prägnante Briefpassagen korrespondieren mit knapp dargestelltem Umgebungswissen - und doch ist dies kein Erklärstück, sondern eine Geschichte. Denn die Geschichte dieser Freundschaft war ja auch die Geschichte einer Enttäuschung und sogar einer Feindschaft. Voltaire sah in seinem fürstlichen Bewunderer die Chance, die Idee der aufgeklärten Monarchie zu verwirklichen. Friedrich war ja vor der Thronbesteigung Verfasser des "Anti-Machiavelli". Er widersprach Machiavellis Idee, der Staat könne sich über jede Moral hinwegsetzen. Aber kaum war er selbst an der Macht, musste er Rücksichten nehmen.

Später dann erlebte Voltaire am preußischen Hof, wie Friedrich II. Kriege führte - des Ruhmes wegen und aus Machtkalkül. Auch das missfiel dem Philosophen. Aber ihr Zerwürfnis hatte dann vielmehr mit einer Verfehlung Voltaires zu tun, mit Hintergehung und krummen Geschäften. Daher dann auch das Zitat, das dem Hörbuch seinen Titel gibt: "Dass ein Mann, der so vielen Geist hat, so voll von Bosheit sein kann". Neben all diesen Fakten sind es vor allem Christian Brückner als Voltaire und Sylvester Groth als Friedrich II., die für ein echtes Hörerlebnis sorgen. Sie treffen immer den richtigen Ton, zum Beispiel auch das Angespannte hinter den formvollendeten Depeschen der späten Jahre.


Max Goldt: "Gattin aus Holzabfällen"

Hörbuch Hamburg
Zwei DVDs für 22,95 Euro

Hat ein "Bildhörbuch" in einem Hörbuchmagazin Platz? Hat es, denn es ist die Stimme von Max Goldt, die seine Petitessen erst so richtig schillern lässt. Jahrelang hat er für die Satirezeitschrift "Titanic" Bildunterschriften verfasst und zwar zu meist ziemlich lapidaren Bildchen, die er aus Zeitschriften ausgeschnitten oder auf Flohmärkten gefunden hat. Und was die Fernsehkollegen so fürchten, die Bild-Text-Schere, die Diskrepanz zwischen Gesehenem und Besprochenem, das wird bei Max Goldt zur Blüte, aus der er seinen Honig saugt. Dieses Bildhörbuch gehört zwecks Entspannung in jeden Bürorechner, an dem verknistert und verknastert mit Texten und Bildern gearbeitet wird.

Zuletzt aktualisiert: 11. Januar 2012, 18:15 Uhr

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