Essay | MDR FIGARO | 10.02.2013 | Zum Nachhören : Tiefflieger über Dresden?
Umkämpfte Erinnerung an den Februar 1945
Ausgebombte Menschen werden mit Bordwaffen aus Tieffliegern beschossen - so beschreiben es Augenzeugen. Historiker sagen: Das kann nicht stimmen. Der Streit ist ein Beispiel für einen Grundkonflikt der Erinnerungskultur. Mehr dazu im Essay von Peter-Hugo Scholz.
Bei den Flächenbombardements auf Dresden starben Tausende Menschen – sie verbrannten im Feuersturm, erstickten im Rauchgas oder wurden unter den Trümmern der berstenden Häuser begraben. Bis heute schwelt in Dresden ein gesellschaftlicher Konflikt um die tatsächlichen Vorgänge bei der Bombardierung. Immer wenn der Mahntag heranrückt oder öffentliche Diskussionen dazu stattfinden, entflammt Streit um die Fakten.
Keine nüchterne Debatte
Mehr als 60 Jahre nach dem Inferno hat eine von der Stadt beauftragte Historikerkommission die bisher veröffentlichten Opferzahlen überprüft. Statt der oftmals angegebenen 250.000 Toten wird nun von 25.000 gesprochen. Die Oberbürgermeisterin hat die Debatte um die Kriegsgeschehnisse in Dresden dennoch als nicht beendet erklärt. Vor allem, wenn es um die Überlieferungen zu Tieffliegerangriffen auf Zivilisten geht, werden Auseinandersetzungen zwischen Geschichtswissenschaftlern und Betroffenen der Erlebnisgeneration heftig.
Für die Luftkriegs-Experten Götz Bergander ("Dresden im Luftkrieg") und Helmut Schnatz ("Tiefflieger über Dresden?") gab es nach Auswertung der bislang zugänglichen Akten und Dokumente keine solchen Angriffe. Zeitzeugen-Sammlungen spiegeln eine "andere" Wahrheit. Zwar scheinen die Toten und Verwundeten durch Bordwaffeneinsatz angesichts des Gesamtgeschehens von untergeordneter Bedeutung, aber besonders unter Augenzeugen kochen Emotionen hoch, wenn Historiker ihre Schilderungen als "zählebige Legenden" oder gar als "Truggespinste" bewerten.
Forschung aus Lokalpatriotismus
Der Heimatforscher Gert Bürgel (geb. 1944) wuchs wie viele Dresdner mit den Erzählungen der Verwandten vom Horror der Bombennächte auf. Als im Jahr 2000 der Streit zwischen Augenzeugen und Historikern anlässlich einer Buchvorstellung eskalierte, begann die Suche des inzwischen pensionierten Ingenieurs nach faktischen Beweisen.
Gert Bürgels Studie kann jeder im Internet lesen. Im Frühjahr 2012 hat er seine Seite "Dresden-Dossier1945.de" online gestellt – und er meint:
Es hat Tieffliegerattacken gegeben.
Doch das wollen Historiker wie Helmut Schnatz und Götz Bergander nicht gelten lassen. Auch sie kommen in dem FIGARO-Essay zu Wort. Und dann ist da noch die Suche nach Sachzeugen, nach Munition aus Bordwaffen, wie sie die Jagdflieger vom Typ "Mustang" (US-Air Force) und "Mosquito" (Royal Air Force) verwendeten...
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Angaben zu Sendung:
Essay:
"Tiefflieger über Dresden?
Umkämpfte Erinnerung an den Februar 1945"
von Peter-Hugo Scholz
Sprecher:
Hannelore Koch
Friedrich Wilhelm Junge
Regie:
Andreas Meinetsberger
Produktion: MDR 2013
Nach der Ausstrahlung steht die Sendung als Podcast bereit.
Buchtipps:
Götz Bergander:
Dresden im Luftkrieg. Vorgeschichte – Zerstörung – Folgen. (1. Auflage 1977)
Böhlau, 2., überarbeitete und erweiterte Auflage, Weimar 1994,
ISBN 3-412-10193-1.
Helmut Schnatz:
Tiefflieger über Dresden? Legenden und Wirklichkeit.
Böhlau, Wien u. a. 2000,
ISBN 3-412-13699-9
Rolf-Dieter Müller, Nicole Schönherr, Thomas Widera (Hrsg.):
Die Zerstörung Dresdens am 13./15. Februar 1945:
Gutachten und Ergebnisse der Dresdner Historikerkommission zur Ermittlung der Opferzahlen.
V&R Unipress, 2010
ISBN 3-89971-773-2
Frederick Taylor:
"Dresden Dienstag, 13. Februar 1945 - Militärische Logik oder blanker Terror?"
Bertelsmann Verlag, München 2004
ISBN 3-570-00625-5
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