Essay | MDR FIGARO | 11.02.2012 | Audio : Der erste Vogtländer im All - Sigmund Jähn
Am 26. August 1978 startete der Fliegermajor der DDR-Volksarmee Sigmund Jähn zu seinem achttägigen Weltraumflug. Der Arbeitersohn aus dem Vogtland - 1937 geboren - wurde über Nacht zum Star in der DDR, als er zusammen mit dem sowjetischen Kommandanten Waleri Bykowski 125 Mal die Erde umkreiste. Anlässlich seines 75. Geburtstags rekonstruiert MDR FIGARO mittels Tondokumenten Jähns Weltraumflug und beleuchtet seinen weiteren Lebensweg, auch nach dem Ende der DDR.
Am 26. August 1978 startete im Weltraumbahnhof Baikonur die Rakete Sojus 31. An Bord der "Interkosmos"-Mission: der sowjetische Kommandant Waleri Bykowski, Sigmund Jähn, der erste und einzige Fliegerkosmonaut der DDR, sowie der bekannteste Fotoapparat des Landes: die Multispektralkamera MKF 6. Die Entwicklungskosten der "Weltspitzenleistung" - 82 Millionen Mark - waren der Preis für das Ticket zur Raumstation Salut 6.
Doch Jähn brachte nicht nur die Kamera mit. Ein Koffer mit DDR- und SED-Devotionalien - Fahnen, Wappen, Medaillen, Wimpel, ein Porträt Honeckers, die Miniaturausgabe einer Karl-Marx-Schrift - musste mit an Bord, um den Weltraumflug auch irdisch nutzbar zu machen. Das Fernsehen der DDR übertrug live, das Zentralorgan "Neues Deutschland" jubelte vom "ersten Deutschen" im All. Das war insofern überraschend, als dass seit Jahren jeder Bezug auf Deutschland aus der offiziellen Propaganda getilgt war.
Doch das war nichts gegen das, was sich nach Jähns Rückkehr auf sozialistischem Boden abspielte. "Es gibt nur zwei anstrengendere Angelegenheiten als den Raumflug selbst: die Ausbildung davor und die Festlichkeiten danach." Die Erfahrungen, die Kommandant Bykowski mit dem Wiederkehren schon gemacht hatte, standen Sigmund Jähn noch bevor.
Der erste Deutsche im Weltall
Über Nacht wurde Sigmund Jähn zum Star. Man reichte Jähn von einer Jubelveranstaltung zur nächsten weiter, überhäufte den Raumfahrer mit Orden, Auszeichnungen und Ehrentiteln. Baumpflanz-Aktionen vor fertig gestellten Neubauten gehörten dabei ebenso zum Programm wie die Umbenennung von Schulen und Straßen: Viele Städte besaßen nach dem Raumflug eine "Allee der Kosmonauten." Obwohl Sigmund Jähn überall die Sympathien der Bevölkerung gewiss waren, schienen dem bescheidenen und zurückhaltenden Vogtländer die Feierorgien eher unangenehm zu sein.
Bleibendes Rückenleiden
Die Presse jedoch ließ sich von der Glorifizierung des Raumfluges nicht abbringen. Einige Details, die am Lack der "Interkosmos"-Mission hätten kratzen können, wurden der Öffentlichkeit verschwiegen. So war die Landung der Raumkapsel in der Steppe Kasachstans alles andere als weich gewesen. Der "sportliche Aufschlag", so Jähn später, brachte dem Fliegerkosmonauten ein bleibendes Rückenleiden und die Anerkennung als Teilinvalide ein. Die sichtbaren Spuren an der Kapsel wurden auf den Pressefotos retuschiert.
Angaben zur Sendung
Der erste Vogtländer im All - Sigmund Jähn
Essay von Ulrich Griebel
Sendung:
Sa, 11.02.2012, 19:05 Uhr
Länge: 25 min
Produktion: MDR 2012 (Ursendung)
