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Erfahrungsbericht : Gabriele Stötzer über das Frauenzuchthaus Hoheneck

Aus: Triangel Nr. 9, September 2011

Gabriele Stötzer hat aufgeschrieben, was sie in der Haftanstalt Hoheneck erlebte. Auch in der September-Ausgabe der FIGARO-Programmübersicht "Triangel" hat sie Erinnerungen festgehalten. Diese können Sie hier nachlesen.

Gabriele Stötzer mit Heinz Rüdiger Sachs
MDR FIGARO

Erinnerungstexte von Gabriele Stötzer

28.09.2011, 22:00 Uhr | 06:33 min

Warum ich? Warum jetzt? Warum dieses Thema immer wieder: Hoheneck, die Mörderburg, das berüchtigtste Frauengefängnis in der DDR? Warum holt mich das immer wieder ein? Über Hoheneck nachzudenken kostet Überwindung. Der Verlust von Abstand. Dahinter etwas, das ich mir jetzt erst eingestehen kann - Angst. Es ist eine Kugel, in der das Geheimnis "Vergangenheit" liegt. Hermetisch abgesichert.

Was war Hoheneck? Eine Burg, in der das menschliche Inferno tobte, ein Abgrund, aus dem man, einmal entronnen, nur weiterleben konnte, wenn man sich nicht umdrehte? Aber ich erinnerte mich auch, dass mir hier Frauen mit einer Tiefe und Wahrhaftigkeit begegneten, die mein damaliges Frauenbild grundlegend veränderten. Was vielen in dieser Geschichte gemein ist: Dass wir alle sehr junge Frauen waren, deren Leben noch gar nicht richtig begonnen hatte, als es aus der Bahn geworfen wurde. Ich wurde 1977, im Alter von 23 Jahren, wegen § 220, Staatsverleumdung im Fall der Ausbürgerung des Sängers Wolf Biermann, verurteilt. Kam erst in die Untersuchungshaft nach Erfurt, dann nach Hoheneck.

Massen von Frauen, 33 in unserem "Verwahrraum", wie die Zellen genannt wurden. Es gibt keinen Namen für die dreifach aufgestockten Betten, wo die Neuzugänge unten anfangen und sich dann bis zur Entlassung hochschlafen. Kontrollierter Bettenbau, tags durfte man nicht in den Betten liegen, Stühle gab es zu wenig. Waschräume gleich neben den Schlafräumen mit drei offen nebeneinanderstehenden WC-Becken ohne Deckel und an der Wand mehrere Waschkojen, in denen sich die Gefangenen wuschen, während sich andere ihrer Notdurft entledigten. An den leeren Wänden Regale mit kleine offenen Fächern, in denen die wenigen persönlichen Gegenstände, die man besitzen durfte, einsichtig stehen mussten: Zahnbecher, Besteck, Seife, Creme. Eine Verwahrraumälteste, die eine kriminelle Langstraferin war und alle Macht im Raum hatte. Dadurch ständige Kontrolle, auch wenn man eingeschlossen war. Nachts Hände auf der Decke und der Kopf sichtbar. Nachts auch die Liebe lesbischer Paare hinter Decken. Tätowierungen, die bei manchen Frauen vom Gesicht bis zur Fußzehe gingen.

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