Feature | MDR FIGARO | 26.12.2012 | 22:00 Uhr : Mond im Dorf: Karl Schmidt-Rottluff
Die Sendung zeichnet das Porträt des expressionistischen Künstlers, dessen Biografie und Bilder eng mit den Zeitläufen der deutschen Geschichte und der Künstlervereinigung "Die Brücke" verbunden sind.
Der Name Karl Schmidt-Rottluff ist untrennbar mit der "Brücke" verbunden. In Rottluff bei Chemnitz wird er am 1. Dezember 1884 geboren. Als Schüler besucht er das "Königliche Gymnasium" in Chemnitz. Unter Anleitung seines Zeichenlehrers Professor Uhlmann malt und zeichnet er nach der Natur. Seine frühen eigenen Bildmotive findet er in der heimatlichen Umgebung und im Kreis seiner Familie. 1904 reist der 19-Jährige das erste Mal auf die Insel Sylt und malt ein Motiv, das er bis ins hohe Alter immer wieder aufgreifen wird: Der Blick vom Festland auf die Nordsee, die sich in ihrer Farbigkeit ständig verändert. Auf Wunsch seiner Eltern beginnt er, 1905 zunächst Architektur in Dresden zu studieren. Doch das Studium bricht er nach wenigen Monaten wieder ab, um sich ganz der Malerei zu widmen. Gemeinsam mit seinem Freund Erich Heckel und den beiden ebenfalls kunstbegeisterten Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl gründet er am 7. Juni 1905 "Die Brücke", eine Künstlervereinigung, die sich den radikalen Aufbruch in die Moderne auf die Fahnen geschrieben hat.
Ein radikaler Aufbruch in die Moderne
Impressionismus, Naturalismus und die dekorativen Formen des Jugendstils wollen die jungen Künstler hinter sich lassen. Sie suchen nach der Unmittelbarkeit des Ausdrucks. Alles, was ihnen ins Blickfeld gerät, lösen sie in Farben, Formen und Linien auf. Der Betrachter soll in den gleichen Zustand des Glühenden, des Wilden, Rauschhaften versetzt werden, der auch sie beim Malen erfasst. Sie interessiert weniger eine technisch perfekte Zeichnung, als vielmehr der Ausdruck einer gefühlten Situation. Sie treffen sich im gemeinsamen Altelier in Dresden-Friedrichstadt, einem Arbeiterviertel, um die sogenannten "Viertelstundenakte" zu zeichnen – später folgen die Aktstudien in der freien Natur. Karl Schmidt-Rottluff hält sich zurück, hält lieber seine Künstlerkollegen beim Zeichnen fest. Ihn interessieren Interieurs, Porträts und Landschaften zu dem Zeitpunkt mehr als der nackte menschliche Körper. Die jungen Künstler leben bewusst wie Bohémiens und verstoßen gegen die verlogenen bürgerlichen Lebensformen der wilhelminischen Kaiserzeit. Beeindruckt sind sie, als sie 1906 in Dresden eine Ausstellung mit Bildern von Vincent van Gogh, Edvard Munch und Emil Nolde sehen. Nolde wird von Schmidt-Rottluff daraufhin eingeladen, der "Brücke" beizutreten. Max Pechstein ist es zu dem Zeitpunkt schon.
Der Einzelgänger am Rande der "Brücke"
Inzwischen hat sich Karl Schmidt entschieden, als Autodidakt eine Künstlerlaufbahn weiter zu verfolgen. In dieser Zeit hängt er seinem Familiennamen Schmidt den Namen seines Geburtsortes Rottluff bei Chemnitz an. Im Sommer 1907 zieht es ihn wie immer ans Meer: Ins oldenburgische Dangastermoor und nach Dangast, einem kleinen Ort am Jadebusen an der Nordsee, wohin er immer wieder reisen wird. Anfangs begleitet ihn Erich Heckel, der für die "Brücke" viele Ausstellungen organisiert. Die ersten werden gnadenlos verrissen. Ein Kritiker in Hamburg kann auf einem der Bilder von Schmidt-Rottluf beispielsweise keine Birken erkennen, sondern nur "wüstes Chaos von dicken Farbenklexen und breiten Streifen". Karl Schmidt-Rottluff lässt sich von der Kritik nicht irritieren. Er sucht nach dem "reinsten Ausdruck" für das, was er sieht und empfindet. Er probiert verschiedene Techniken wie das Lithografieren, Radieren und Aquarellieren aus. Im Sommer 1910 malt er seine berühmten "monumentalen Landschaften". In diesen expressionistischen Gemälden feiern die Farben ein Fest. Heckel und Pechstein, die in dieser Zeit ihre später berühmten Akte an den "Moritzburger Teichen" zeichnen, besuchen ihn. Schmidt-Rottluff gilt als Einzelgänger, darauf deutet sein "Selbstbildnis mit Monokel" aus dem Jahr 1910 schon hin. Er beteiligt sich dennoch an den Wanderausstellungen und Aktionen. Er unterhält in Hamburg für zwei Jahre ein Atelier und wird dort von den Kunsthistorikern Wilhelm Niemeyer und Rosa Schapire, die ihn später immer wieder unterstützen, entdeckt. Rosa Schapire wird seine große Förderin.
Berlin als Zentrum der Avantgarde und Endstation für den Künstlerbund
1911 zieht Karl Schmidt-Rottluff nach Berlin, wie vor ihm Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner. Die Stadt ist ein Zentrum der Avantgarde. In den Cafés lernt er die Literatin Else Lasker-Schüler kennen, die er porträtiert. Er trifft Lyonel Feininger, Franz Marc und Herwerth Walden, den Herausgeber der Zeitschrift "Sturm". Die "Brücke"-Künstler untereinander verbindet immer weniger. 1913 geht die Künstlervereinigung auseinander. Im selben Sommer entdeckt er auf der Kuhrischen Nehring das Aktzeichnen für sich. 1915 wird er als Soldat an die Front im Osten einberufen. Die Versetzung ins Presseamt rettet ihm das Leben. 1918 kehrt er völlig desillusioniert aus dem Krieg zurück. Noch im selben Jahr heiratet er die aus Chemnitz stammende Fotografin Emy Frisch.
Schmidt-Rottluffs Bilder von den Nazis verfemt
Karl Schmidt-Rottluff reist in den 20er-Jahren mehrfach nach Italien, ins Tessin und nach Rom. Er erfährt als Künstler immer größere Anerkennung. Nach der "wilden" und "zu neuen Ufern aufbrechenden" Phase im Berlin der 10er- und 20er- Jahre, wo die wichtigsten Werke des deutschen Expressionismus entstehen, folgt 1933 die Diffamierung seiner Bilder als "entartete Kunst". Er unterschätzt anfangs die Gefahr und Tragweite, die der Regimewechsel 1933 mit sich bringt. Doch bald wird seine Kunst nicht mehr ausgestellt und verfemt. Auch seine Arbeiten werden 1937 in München in der Propaganda-Ausstellung "Entartete Kunst" gezeigt. Über 600 seiner Bilder und Plastiken werden aus Sammlungen und Museen beschlagnahmt. Schmidt-Rottluff meidet die Öffentlichkeit. Er zieht sich zurück nach Rumbke am Lebasee, ein stiller, abgeschiedener Ort in Ostpommern, den er immer wieder zum Malen aufsucht. Das Material geht ihm aus. 1941 erteilt ihm die "Reichskammer der bildenden Künste" Berufsverbot. Er wird polizeilich kontrolliert und bespitzelt. Trotzdem malt und zeichnet er weiter: Aquarelle, Tuschpinsel- und Farbstiftzeichnungen. In Rumbke erreicht ihn 1943 die Nachricht, das seine Atelierwohnung in Berlin ausgebomt ist und viele seiner Werke vernichtet.
Flucht vor dem "Gewissenszwang" in den Westen
Ihm und seiner Frau bleibt nur die Zuflucht ins Elternhaus nach Rottluff. Dort erlebt er das Kriegsende. Karl Schmidt-Rottluff engagiert sich 1945 in Chemnitz sofort für einen neuen kulturellen Beginn, er wird zum Präsidenten des "Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands" gewählt. Die Stadt verleiht ihm die Ehrenbürgerwürde und richtet ihm die erste Ausstellung nach dem Krieg aus. Aber der "Gewissenszwang" in der sowjetischen Besatzungszone verdirbt ihm die Laune, wie er in einem Brief schreibt. Im November 1946 geht er nach West-Berlin. Dort tritt er an der Hochschule der Bildenden Künste eine Professur an. In der DDR folgt bald die Formalismus-Debatte, die die expressionistische Kunst aufs Neue diskreditiert. Im Westen sind seine Bilder hingegen bald heiß begehrt. Er bearbeitet Steine, malt wieder Ölgemälde, wendet sich Aquarellen und Tuschezeichnungen zu, die körperlich weniger anstrengend sind. Selbstbildnisse und Landschaften entstehen. Seinen Nachlass vermacht der Künstler 1964 der Stadt Berlin, verbunden mit dem Wunsch, dass ein Museum für seine Werke entsteht. Drei Jahre später öffnet das Haus im Grunewald. Außerdem stiftet er ein Stipendium für junge Künstler. Am 10. August 1976 stirbt Karl Schmidt-Rottluff im 92. Lebensjahr in Berlin.
Angaben zur Sendung
Mond im Dorf:
Karl Schmidt-Rottluff
Porträt eines expressionistischen Künstlers
Feature von Anne König
Sendung: 26.12.2012 | 22:00 Uhr
Regie: Sabine Ranzinger
Sprecher/Darsteller - Christine Gloger
Zitator Schmidt-Rottluff - Otto Sander
Zitator - Daniel Minetti
Produktion: MDR 2006
Laufzeit: ca. 60 Minuten
Ausstellungshinweis:
Karl Schmidt-Rottluff. Starke Farben - Klare Formen.
Aquarelle und Zeichnungen aus der Sammlung Hermann Gerlinger
Wo: Stiftung Moritzburg
Wann: 09. Februar bis 20. Mai 2013
Aus dem Manifest der "Brücke"
"Mit dem Glauben an Entwicklung, an eine neue Generation der Schaffenden wie der Geniessenden rufen wir alle Jugend zusammen.
Und als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht wiedergiebt, was ihn zum Schaffen drängt."
