Hörspiel

Feature | MDR FIGARO | 16.06.2012 | Zum Nachhören : Diagnose Chemiesyndrom - Wunschtraum normales Leben

Parfümiertes Toilettenpapier, Waschmittel mit Frühlingsduft, Kokos-Shampoo, Pestizide gegen Schädlinge - chemische Zusatzstoffe vernebelt unseren Alltag. Und für über 44.000 Deutsche ist dieser Alltag Horror. Wer an "Multiple Chemical Sensitivity" (MCS) leidet, kann kein normales Leben mehr führen. Das Leben mit MCS, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten sind Themen des Features.

Haushaltschemikalien
MDR FIGARO

Diagnose MCS - das Feature als Podcast

16.06.2012, 09:05 Uhr | 29:39 min

"Jetzt sei doch nicht so empfindlich!" ist ein Satz, den Patienten mit MCS, zu Deutsch: vielfache Chemieunverträglichkeit oder Chemiesyndrom, häufig hören. Aber ihre Empfindlichkeit für alles, was Chemie oder kleinste Spuren von Chemie enthält, können sie nicht abstellen. Die Schadstoffe, die in Kleidung, in der Luft, in Drogerieartikeln oder Lebensmitteln lauern, machen sie krank. Bei ihnen führen minimale Spuren von Chemikalien zu Atemwegsproblemen, Erschöpfung, Durchfall, Erbrechen oder Organerkranungen. Dazu kommen häufig noch zusätzliche Allergien, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Stress-Erkrankungen, Depressionen und Ängste. Die Kranken- und Leidensgeschichten der Patienten sind oft lang, weil die Krankheitsursachen schwer zu ermitteln sind. Und selbst wenn die Diagnose feststeht, sind die Behandlungsmöglichkeiten äußerst begrenzt.

Exil und Hoffnung Bredstedt

Ein Zimmer der Fachkliniken Nordfriesland gGmbH Bredstedt
Bett, Tisch, Stuhl, Gardinenstange - im "Metallzimmer" der Klinik Bredstedt geben die Möbel keine Substanzen ab.

In Deutschland gibt es nur zwei Kliniken mit einer eigenen umweltmedizinischen Abteilung. Die eine befindet sich in Neukirchen in Bayern, die andere in Riddorf bei Bredstedt in Nordfriesland. Die Station in Riddorf hat sechs Betten, die Wartelisten sind lang: durchschnittlich acht bis neun Jahre muss ein MCS-Erkrankter auf einen Therapieplatz warten. Aber wenn die Behandlung beginnt, haben die Patienten häufig das erste Mal in ihrer langen Krankengeschichte das Gefühl, ernst genommen zu werden. Die Ärzte suchen nach Krankheitsursachen und behandeln die Symptome. Der Klinikaufenthalt ist auf die speziellen Bedürfnisse und Probleme der Patienten abgestimmt. Das verschafft Linderung. Aber die Kranken müssen viel aufgeben für die Therapie. Oft sind sie weit weg von ihrer Familie, und Erholung vom Klinikaufenthalt mit Restaurant- oder Kinobesuchen ist unmöglich. Denn in der Umwelt lauern an jeder Ecke gefährliche Substanzen: Drucker-Farbe im Büro, behandelte Textilien, Duftöle, parfümierte Deodorants.

Absurde Chemiewelten

Toilettenpapier an einer Toilettenwand
Selbst das Toilettenpapier ist parfümiert

Niemand, der gesund ist, möchte wohl mit einem Chemiesyndrom-Erkrankten tauschen. Aber es lohnt sich, sich für einen Moment in die MCS-Welt hineinzuversetzen. So wird klar, wie absurd Chemie in unserem Alltag verwendet wird. Düfte werden in Deutschland gezielt eingesetzt, um das Unterbewusstsein zu beeinflusen. Duftmarketing ist in Deutschland seit Jahren voll im Trend. Im Supermarkt werden Lebensmittel mit künstlichen Aromen beduftet, einige Firmen lassen sogar einen speziellen Firmen-Duft entwickeln, mit dem Produkten und Geschäftsräumen weltweit eine persönliche Duftnote verliehen wird. In den USA beispielsweise wurden Plakate einer Milch-Kampagne mit Keks-Duft versehen. Die Menschen sollten Lust auf Milch bekommen. Nach massiven Protesten wurde die Kampagne eingestellt. Aber Duftmarketing findet sich nicht mehr nur im Ausland. Auch in der Berliner S-Bahn werden versuchsweise Duftstoffe eingesetzt.

Maya Kristin Schönfelder beleuchtet in ihrem Feature zum Chemiesyndrom die Schwierigkeiten MCS-Erkrankter und macht so auf ein Thema aufmerksam, das im Alltag häufig auf Unverständnis stößt.

Zuletzt aktualisiert: 23. April 2009, 14:37 Uhr

Angaben zur Sendung

Diagnose Chemiesyndrom: Leben mit einer Zivilisationskrankheit

Feature von Maya Kristin Schönfelder

Regie: Sabine Ranzinger
Sprecher: Ilka Teichmüller, Wolfgang Condrus

Produktion: MDR 2009

Literatur

MCS - Wenn chemische Substanzen und Dufstoffe krank machen: Erfahrungen, Informationen, Adressen zur multiplen Chemieunverträglichkeit

360 Seiten
2008: Nietsch Verlag
22,00 Euro

Multiple Chemikalien-Sensitivität (MCS) - Ein Krankheitsbild der chronischen Multisystemerkrankungen (CMI): Umweltmedizinische, toxikologische und sozialpolitische Aspekte. Ein Blick auf den aktuellen Forschungsstand.

2. überarb. u.erw.Aufl.
415 Seiten
2008: Shaker Verlag
19,80 Euro

Architekturausstellung "Imperfect Health"

Der erste Bauabschnitt der Fachkliniken Nordfriesland in Riddorf war Teil des europaweiten Projektes "EU-Hospitals" zu Verbesserung der chemischen, physikalischen und psychischen Bedingungen in Krankenhäusern. Die baulichen Besonderheiten der Klinik in Riddorf waren vor kurzem Teil der Architekturausstellung "Imperfect Health: The Medicalization of Architecture" in Quebec, Kanada. Die Ausstellung dokumentierte die Bemühungen von Kliniken und Krankenhäusern, ihre Architektur gesundheitsfördernd zu gestalten.

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