Hörspiel

Feature | MDR FIGARO | Audio : Der Mauerfall von Marienborn

Die Sicherheit einer geschlossenen Fahrgastzelle

Wenn vom Mauerfall am 9. November 1989 die Rede ist, stellen sich unweigerlich Bilder vom Grenzübergang an der Bornholmer Straße ein, wo die Menschen zuerst von Ost- nach Westberlin strömten. Von einer unauffälligen Fahrt durch den Eisernen Vorhang bei Marienborn erzählt das Hörstück von Thilo Reffert, das hier auch zum Abruf bereit steht.

Vorspiel

9. November 1989, 18:00 Uhr: Politbüro-Mitglied Günter Schabowski eröffnet in seiner Funktion als Sprecher des ZK der SED eine Pressekonferenz, die live im DDR-Fernsehen übertragen wird. Ein Zeichen der neuen Offenheit. Inzwischen sind die Montagsdemos im Land auf ihrem Höhepunkt angekommen. So haben sich am 4. November 1989 eine Million Menschen auf dem Berliner Alexanderplatz versammelt, um mehr Demokratie zu fordern. Auch auf der ersten offiziell genehmigten Kundgebung "von unten" wird wieder der Ruf nach Reisefreiheit laut. Dass der sich schon bald erfüllen soll, damit rechnet bis zum 9. November wohl kaum ein DDR-Bürger ...

"Ab sofort und ohne besondere Anlässe"

Während Günter Schabowski am 9. November nach der SED-Parteikonferenz in Ostberlin vor die internationale Presse tritt und der Bundestag vor halbleeren Reihen über das "Gesetz zur Verbesserung und Vereinfachung der Vereinsbesteuerung" berät, ist die 46-jährige Narkoseärztin Annemarie Reffert gerade in Magdeburg mit ihrem Wartburg unterwegs. Sie will ihre 16-jährige Tochter Juliane von der Musikschule abholen. Auf dem Heimweg nach Vogelsang hören beide im Autoradio das erste Mal von einer angeblichen neuen Reiseregelung. Sie beeilen sich nach Hause zu kommen und verfolgen die Nachrichtensendungen im West-Fernsehen, bis die "Aktuelle Kamera" um 19:30 Uhr Gewissheit bringt. Darin heißt es, nach einem Beschluss des Ministerrates könnten "Privatreisen nach dem Ausland ab sofort ohne besondere Anlässe beantragt werden ... Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu Berlin (West) erfolgen."

Die Ereignisse überschlagen sich

Von da an beginnen die Ereignisse sich zu überschlagen. Denn jeder versteht, was er verstehen will. Das Wort "beantragen" geht in der allgemeinen Aufregung völlig unter. Ahnungslose Grenzer ohne jede Anweisung stehen in Ostberlin bald großen Menschenansammlungen wie am Grenzübergang in der Bornholmer Straße gegenüber. Auch 200 Kilometer weiter westlich hält es Annemarie mit ihrer Tochter Juliane nicht mehr zu Hause. Die Narkoseärztin tauscht ihren Bereitschaftsdienst mit einem Kollegen. Ihr Ehemann Michael muss nach dem Abendbrot-Bier zu Hause bleiben und den Telefondienst übernehmen, falls das Krankenhaus anruft. Dann starten Mutter und Tochter im Wartburg zu einer abenteuerlichen Fahrt mit unbekanntem Ausgang. Sie fahren über die einsame Autobahn in Richtung Grenzübergang Marienborn - bis der erste Schlagbaum kommt. Inzwischen erreichen Bundeskanzler Helmut Kohl, der sich gerade auf einem Polen-Besuch in Warschau befindet, die Fragen zu den bahnbrechenden Ereignissen des Tages. Er rät zum Abwarten. Die Mahnung von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble an die Ostdeutschen, sich die Ausreise "sorgfältig zu überlegen" läuft in allen drei Nachrichtensendungen. Im Bundestag gibt Bundesminister Rudolf Seiters im Auftrag des Kanzlers kurz vor Neun eine Erklärung ab: Die neue Reiseregelung sei ein "überragender Schritt", erstmals werde so "Freizügigkeit für die Deutschen in der DDR hergestellt".

Die Probe aufs Exempel

Annemarie und Juliane Reffert am ehemaligen grenzübergang Marienborn heute
Annemarie und Juliane Reffert am ehemaligen Grenzübergang Marienborn heute

Zu diesem Zeitpunkt wagen Annemarie und Juliane die Probe aufs Exempel in Marienborn. Und tatsächlich: Nach einigen kurzen Diskussionen mit den Grenzern, denen jede Anweisung fehlt, dürfen Annemarie und ihre Tochter den ersten Schlagbaum und auch die folgenden Kontrollpunkte passieren. Auf der unwirklichen, nächtlichen Fahrt durchs Grenzgebiet überkommen Annemarie angstvolle Erinnerungen an einen Einsatz mit der Schnellen Medizinischen Hilfe. Sie war als Bereitschaftsärztin nach Marienborn gerufen worden, nur um den Tod eines jungen Mannes aus Wolmirstedt festzustellen, der den Grenzdurchbruch mit dem Auto versucht hatte. Doch ihre Reise geht gut. Es ist 21:25 Uhr, als Annemarie und Juliane Reffert auf der Westseite der Grenze am Checkpoint Alpha ankommen. Sie sind somit die ersten Ostdeutschen, die nach der von Schabowski verkündeten Regelung aus der DDR ausreisen dürfen. Und sie sind auch die ersten, die wieder einreisen. Denn in Helmstedt sind, wie immer um halb zehn abends im äußersten Zonenrandgebiet, die Bürgersteige hochgeklappt.

"Als der Reporter in Helmstedt meine Mutter fragte, wie und Sie wollen jetzt gar nicht hier drüben bleiben? Da hat meine Mutter ganz pragmatisch geantwortet: 'Wieso, ich habe morgen OP-Programm, ab Acht muss ich im Saal stehen, was soll denn werden! Ich hab doch'n Beruf."

Juliane Reffert

"Der Wahnsinn" geht los

Erst als die beiden längst wieder zu Hause sind, geht auch Marienborn "der Wahnsinn" los. Berichtet wird in dieser Nacht vor allem aus Berlin, es sind diese Bilder, die bis heute unsere Vorstellungen vom 9. November prägen. An der Bornholmer Straße in Ostberlin wird aufgrund des großen Menschenandrangs zunächst Alarm ausgelöst. Später wird die Grenze geöffnet. Allein an diesem Übergang notiert das Ministerium für Staatssicherheit bis 4 Uhr 20.000 DDR-Bürger, die ausreisen und ebenso viele, die wieder zurückkommen.

PS: Die Gedächtnistour im Wartburg

Von Vogelsang bei Magdeburg bis zum Grenzübergang sind es 60 Kilometer. Im Frühsommer 2009 waren Annemarie und Juliane noch einmal unterwegs von Vogelsang nach Marienborn. Wieder sitzen sie in einem Wartburg, doch diesmal steuert ihn ein Magdeburger Taxiunternehmer. Der Wartburg ist nun ein Oldtimer - und die beiden Frauen sitzen im Fond und erinnern sich. Fast alles hat sich verändert, nur die Fahrtzeit ist noch dieselbe ....

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2009, 20:06 Uhr

Angaben zur Sendung:

Der Mauerfall von Marienborn

Von Thilo Reffert

Produktion: MDR 2009
Regie: Stefan Kanis

(Ursendung am 12.09.2009 )

Stichwort: Marienborn

Marienborn war die Grenzübergangsstelle mit dem höchsten Verkehrsaufkommen, denn die A2 bot die kürzeste Verbindung vom Bundesgebiet nach Westberlin.

Seit dem Ausbau der Grenzanlagen in den 1970er-Jahren waren hier bis zu 1.000 Angehörige von Zoll, Grenztruppen und Staatssicherheit sowie Zivilbeschäftigte im Einsatz – auf einer Fläche so groß wie 15 Fußballfelder.

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