Hörspiel

Feature | MDR FIGARO | Zum Nachhören und Nachlesen : Verbrannt in Polizeizelle Nummer fünf

Der Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh in einem Dessauer Gefängnis sorgte im Jahre 2005 für großes Aufsehen und Entsetzen. Noch immer ist der Fall nicht lückenlos aufgeklärt. Im Feature von FIGARO greift auch Margot Overath diesen Fall auf und erzählt die Hintergründe. Dafür bekam sie im September 2011 den Robert-Geisendörfer-Preis. Hier können Sie das Feature noch einmal hören und auch das Manuskript herunterladen.

Ein Foto und Blumen liegen zum Gedenken an Oury Jalloh am Donnerstag (07.01.2010) vor einer Polizeistation in Dessau-Roßlau.
MDR FIGARO

Feature: "Verbrannt in Polizeizelle Nummer 5"

10.11.2010, 22:00 Uhr | 56:19 min

Im Januar 2005 verbrannte der aus Sierra Leone stammende Oury Jalloh im Gewahrsam eines Dessauer Polizeireviers. Jalloh lag volltrunken und an Händen und Füßen gefesselt auf einer feuerfesten Matratze. Zwei Jahre später begann vor dem Landgericht Dessau-Roßlau der Prozess. Zwei Polizisten standen wegen Oury Jallohs Tod in Dessau vor Gericht. Der Prozess dauerte zwanzig Monate.

Im Dezember 2008 wurden sie vom Vorsitzenden Richter Manfred Steinhoff freigesprochen. Der Dienstgruppenleiter Andreas S. vom Vorwurf der Körperverletzung mit Todesfolge. Er war für Oury Jallohs Sicherheit in der Gewahrsamszelle zuständig. Der Streifenpolizist Hans-Ullrich M. vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung. Er hatte Oury Jallohs Kleidung durchsucht und soll dabei ein Feuerzeug übersehen haben.

Das Gericht hätte "trotz intensivster Bemühungen" den Tod nicht aufklären können, so der Vorsitzende Richter Manfred Steinhoff. Er beurteilte das Aussageverhalten der Polizeibeamten mit den Worten:

"Das, was hier geboten wurde, war kein Rechtsstaat mehr, und Polizeibeamte, die in besonderem Maße dem Rechtsstaat verpflichtet waren, haben eine Aufklärung verunmöglicht. All diese Beamten, die uns hier belogen haben sind einzelne Beamte, die als Polizisten in diesem Land nichts zu suchen haben."

Richter Manfred Steinhoff

Am nächsten Tag war seine mündliche Urteilsbegründung in allen Zeitungen zu lesen. Doch drei Monate später, im März 2009, legte Richter Manfred Steinhoff das schriftliche Urteil vor. Die Zweifel aus der mündlichen Urteilsbegründung kamen dort nicht mehr vor.

BGH: Lückenhafte Beweisführung

Fünf Jahre nach Oury Jallohs Tod, im Januar 2010, hob der Bundesgerichtshof den Freispruch auf. Die Begründung sei lückenhaft und die Würdigung der Beweismittel nicht nachvollziehbar, erklärte die Vorsitzende Richterin Ingeborg Tepperwien in Karlsruhe. Das Gericht gab den Fall dem Landgericht Magdeburg zur Neuverhandlung. Damit war der erste Aufklärungsversuch vor dem Dessauer Landgericht gescheitert. Warum? Aus Angst vor der Wahrheit? Aus Rücksicht auf den Ruf der Polizei? Wegen institutionellem Rassismus, wie Menschenrechtsgruppen vermuten?

Die Autorin Margot Overath erzählt über Hintergründe und dokumentiert mit Hilfe interner Beobachter, was längst hätte bekannt sein können. Für ihre akribische Recherche bekam sie im September 2011 den Robert-Geisendörfer-Preis.

"Beklemmend und atmosphärisch dicht ist diese akribische Recherche. Es ist der hartnäckige Versuch, die Wahrheit über den Tod eines Menschen herauszufinden und ihm damit wenigstens die Würde zurückzugeben. Es ist das, was Polizei und Staatsanwaltschaft zu tun gehabt hätten. Journalismus
als vierte Gewalt, die Missstände in Staat und Gesellschaft aufzudecken hat - auch dafür steht das ausgezeichnete Feature von Margot Overath."

Aus der Begründung der Jury zum Robert-Geisendörfer-Preis 2011

Zuletzt aktualisiert: 19. Januar 2012, 10:51 Uhr

Angaben zur Sendung:

"Verbrannt in Polizeizelle Nummer fünf" - Der Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh in Dessau

Feature von Margot Overath

Redaktion: Ulf Köhler
Srecher: Bärbel Röhl und Matthias Ponnier
Regie: Nikolaus von Koslowski

Produktion: MDR/DLF/NDR 2010

Ursendung:
Mi, 10.11.2010, 22:00 Uhr

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