Feature | MDR FIGARO | Zum Nachhören und Nachlesen : Verbrannt in Polizeizelle Nummer fünf
Der Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh in einem Dessauer Gefängnis sorgte im Jahre 2005 für großes Aufsehen und Entsetzen. Noch immer ist der Fall nicht lückenlos aufgeklärt. Im Feature von FIGARO greift auch Margot Overath diesen Fall auf und erzählt die Hintergründe. Dafür bekam sie im September 2011 den Robert-Geisendörfer-Preis. Hier können Sie das Feature noch einmal hören und auch das Manuskript herunterladen.
Im Januar 2005 verbrannte der aus Sierra Leone stammende Oury Jalloh im Gewahrsam eines Dessauer Polizeireviers. Jalloh lag volltrunken und an Händen und Füßen gefesselt auf einer feuerfesten Matratze. Zwei Jahre später begann vor dem Landgericht Dessau-Roßlau der Prozess. Zwei Polizisten standen wegen Oury Jallohs Tod in Dessau vor Gericht. Der Prozess dauerte zwanzig Monate.
Im Dezember 2008 wurden sie vom Vorsitzenden Richter Manfred Steinhoff freigesprochen. Der Dienstgruppenleiter Andreas S. vom Vorwurf der Körperverletzung mit Todesfolge. Er war für Oury Jallohs Sicherheit in der Gewahrsamszelle zuständig. Der Streifenpolizist Hans-Ullrich M. vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung. Er hatte Oury Jallohs Kleidung durchsucht und soll dabei ein Feuerzeug übersehen haben.
Das Gericht hätte "trotz intensivster Bemühungen" den Tod nicht aufklären können, so der Vorsitzende Richter Manfred Steinhoff. Er beurteilte das Aussageverhalten der Polizeibeamten mit den Worten:
Am nächsten Tag war seine mündliche Urteilsbegründung in allen Zeitungen zu lesen. Doch drei Monate später, im März 2009, legte Richter Manfred Steinhoff das schriftliche Urteil vor. Die Zweifel aus der mündlichen Urteilsbegründung kamen dort nicht mehr vor.
BGH: Lückenhafte Beweisführung
Fünf Jahre nach Oury Jallohs Tod, im Januar 2010, hob der Bundesgerichtshof den Freispruch auf. Die Begründung sei lückenhaft und die Würdigung der Beweismittel nicht nachvollziehbar, erklärte die Vorsitzende Richterin Ingeborg Tepperwien in Karlsruhe. Das Gericht gab den Fall dem Landgericht Magdeburg zur Neuverhandlung. Damit war der erste Aufklärungsversuch vor dem Dessauer Landgericht gescheitert. Warum? Aus Angst vor der Wahrheit? Aus Rücksicht auf den Ruf der Polizei? Wegen institutionellem Rassismus, wie Menschenrechtsgruppen vermuten?
Die Autorin Margot Overath erzählt über Hintergründe und dokumentiert mit Hilfe interner Beobachter, was längst hätte bekannt sein können. Für ihre akribische Recherche bekam sie im September 2011 den Robert-Geisendörfer-Preis.
Angaben zur Sendung:
"Verbrannt in Polizeizelle Nummer fünf" - Der Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh in Dessau
Feature von Margot Overath
Redaktion: Ulf Köhler
Srecher: Bärbel Röhl und Matthias Ponnier
Regie: Nikolaus von Koslowski
Produktion: MDR/DLF/NDR 2010
Ursendung:
Mi, 10.11.2010, 22:00 Uhr
