Feature | MDR FIGARO | 14.10.2012 | Audio : Jedes Sorbenherz ein Fels
Die Geschichte der Domowina
Sorbische Traditionen wie das Osterreiten oder die Vogelhochzeit sind vielen bekannt, doch wer weiß, dass es eine eigene sorbische Hymne und Flagge gibt? Als im Oktober 1912 im Hoyerswerdaer Ballhaus die Vertreter aus 31 sorbischen Vereinen den Dachverband Domowina als ein Bollwerk gegen den zunehmenden Germanisierungsdruck gründeten, ahnte niemand, wie vehement sie ihre Sprache und Kultur in den nächsten Jahrzehnten verteidigen müssten. Matthias Körner taucht in seinem Feature ein in die Geschichte, erzählt aber auch von den Kämpfen heute in der Lausitz.
Um ihre Existenz kämpfen mussten sie von Anbeginn: Etwa um 600 kamen die Sorben oder Wenden - wie die Franken, Germanen oder Römer sie nannten - im Zuge der Völkerwanderung von Osten. Friedlich besiedelten verschiedene slawische Stämme das Gebiet zwischen Ostsee und Erzgebirge. In der heutigen Ober- und Niederlausitz ließen sich die Milzener und Lusizer nieder. In Folge der deutschen Ostexpansion im 10. Jahrhundert wurden die slawischen Stämme unterworfen. Nur in der Lausitz behüteten sie ihre Kultur und ihre Sprachen.
"Die schlechteste aller Nationen"
Mit der Reformation wurden 90 Prozent der Sorben evangelisch, obgleich Luther sie als "die schlechteste aller Nationen" angefeindet hatte. 1548 wurde Luthers Fassung des Neuen Testaments ins Sorbische übertragen. Es war die erste Übersetzung in eine andere Sprache überhaupt und zugleich die Geburtsstunde der sorbischen Schriftsprache. Nur die zum Bautzener Domstift und dem Kloster Marienstern gehörenden Ländereien blieben damals katholische Enklaven.
Während der Kurfürst in Brandenburg 1667 "die gänzliche Abschaffung derer wendischen Prediger" anordnete und alle sorbischen Bücher und Manuskripte vernichten ließ, setzten sich in der Oberlausitz Vertreter der pietistischen Bewegung, zu denen auch der Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine, Graf Zinzendorf, gehörte, für die Verbreitung religiöser Schriften in sorbischer Sprache ein. Im Ringen der beiden Konfessionen subventionierten die protestantisch dominierten Oberlausitzer Landstände von 1668 bis 1728 sogar die Herausgabe sorbischer Kirchenbücher. Die katholische Seite hielt dagegen. Dabei ging es jedoch nicht um Bildungsförderung, sondern vorrangig um Einflussnahme.
Seit dem Wiener Kongress 1815 gehörten große Teile des sorbischen Siedlungsgebietes nicht mehr zu Sachsen, sondern zu Preußen. Die territoriale Aufsplitterung erschwerte die Bildung einer Nation zusätzlich, nachdem das kleine westslawische Volk schon durch das Glaubensbekenntnis und zwei verschiedene Schriftsprachen geteilt war – das Obersorbische, das dem Tschechischen nähersteht und das Niedersorbische, das enger mit dem Polnischen verwandt ist.
Sorbische Wiedergeburt
Als die sorbische Sprache im 19. Jahrhundert zu verstummen drohte, riefen Männer wie der Philologe, Schriftsteller und Verleger Jan Arnošt Smoler eine Bewegung ins Leben, die Serbske wozrodzenje, die sorbische Wiedergeburt. Getragen wurde sie vor allem von Pfarrern und Lehrern. Smoler gründete 1847 in Bautzen den sorbischen Kultur- und Wissenschaftsverein Maćica Serbska. In der Folge bildeten sich zahlreiche Kultur-, Gesangs-, Lehrer- und Wirtschaftsvereine, evangelische und katholische sorbische Vereine, kam 1880 die niedersorbische Schwester der Maćica Serbska und 1888 der sorbische Bauernverband hinzu.
Einigkeit macht stark
Immer wieder gab es Versuche, die Zersplitterung der Vereine zu überwinden, auch um ein größeres politisches Gewicht zu bekommen. Aber erst 1912 gelang es schließlich. Zwischen Struga und Satkula, in Wojerecy, zu Deutsch Hoyerswerda, trafen sich am 13. Oktober 60 Vertreter aus 31 Vereinen, um einen gemeinsamen Dachverband zu gründen. Hoyerswerda war damals ein kleines Ackerbürgerstädtchen, das an der Grenze von Sachsen und Preußen sowie von Ober- und Niederlausitz lag und also "Brückencharakter" hatte. Domowina, der Name der neugegründeten Organisation ist ein sorbisches Wort für Heimat. Und Heimat ist für die überwiegend in der Lausitz lebende slawische Minderheit in Deutschland von jeher etwas Bedrohtes, Schützenswertes. Wurde die Zahl der Sorben um 1890 noch auf etwa 160.000 geschätzt, so wird sie heute mit 60.000 angegeben.
Eine Geschichte von Aufbegehren und Anpassung
In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg gelang es der Domowina, sich als Organisation zu erneuern, und es war auch ihr Verdienst, dass in der Weimarer Verfassung immerhin das Lippenbekenntnis stand:
Im Nationalsozialismus wurde die sorbische Sprache verboten und das sorbische Volk für biologisch minderwertig erklärt. Zugleich waren die Sorben praktisch Staatsbürger des Deutschen Reiches und als solche ins System integriert. Dennoch gab es Pläne des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, in Polen eine "minderwertige Bevölkerung", gemeint waren auch die Sorben oder Wenden, als "führerloses Arbeitsvolk" anzusiedeln. Die Kriegsniederlage bewahrte sie davor.
Schon zwei Tage nach der deutschen Kapitulation gründete sich die Domowina in der Oberlausitz am 10. Mai 1945 in Crostwitz neu. Zunächst gab es Bestrebungen eines Wendischen Nationalausschusses, die Lausitz in die Tschechoslowakei einzugliedern. Vielen Sorben schien das durchaus erstrebenswert nach den Erfahrungen in Nazideutschland. Die SED musste dagegenhalten. Förderung von Sprache und Kultur wurde erst in den Verfassungen der Länder garantiert, die Gleichberechtigung dann auch mit Gründung der DDR 1949 in der Verfassung des Arbeiter- und Bauernstaates verankert. 1958 gründete sich der Domowina-Verlag als Volkseigener Betrieb in Bautzen.
Politisch wurde die Domowina entschärft, man gliederte sie ein in die Nationale Front, ihre Funktionäre waren Mitglieder der SED. Das Bild der Sorben wurde auf ihre Trachten und Osterbräuche reduziert. Ihre Identität stand indessen erneut auf dem Spiel. Die Braunkohlen-Tagebaue der Lausitz verschlangen über die Jahre rund 100 Dörfer. Die Bewohner wurden einfach umgesiedelt, etwa in Hochhäuser der Stadt Spremberg, wo schnell jede sorbische Identität verging. Autoren wie Kito Lorenc thematisierten dies.
Nach der politischen Wende
Mit der politischen Wende von 1989 tauchten die alten Forderungen nach einer Autonomie der Lausitz wieder auf. Am Ende blieb die Domowina und wandelte sich von einer zentralistischen Organisation zurück in einen Dachverband sorbischer Vereine, organisiert in einer "Stiftung für das sorbische Volk", gemeinsam finanziert von Sachsen, Brandenburg und dem Bund.
Die Rigorosität der Forderungen aus den Reihen der Domowina nahm ab, was sich auch in der Haltung zu den Braunkohlentagebauen zeigt, deren wirtschaftliche Bedeutung für die Region nun akzeptiert zu sein scheint.
Heute leben in den Gegenden um Bautzen und Cottbus etwa 60.000 Sorben. Neben der Domowina ist das weltweit einzige Institut für Sorabistik in Leipzig mit seinen Forschungen und Ausbildungsprogrammen unverzichtbar, um die sorbische Sprache und Kultur lebendig zu halten. Radioprogramme von MDR und rbb unterstützen dieses Anliegen. Das Ringen um politischen Einfluss und damit auch um Mittel, die das Überleben sichern, dauert an.
Angaben zum Feature
Jedes Sorbenherz ein Fels - Die Geschichte der Domowina
Von Matthias Körner
(Ursendung)
Regie: Nikolai von Koslowski
Sprecher: Fabian Busch
Zitatorin: Petra Hartung
Produktion: MDR 2012
60 min.
Über den Autor
Matthias Körner lebt in der Lausitz und ist vertraut mit der sorbischen Geschichte. Er arbeitet seit vielen Jahren als Autor für den MDR Hörfunk.
Ausstellungstipp 1:
"Domowina - Heimat der Sorben: 1912 in Hoyerswerda gegründet"
Sonderausstellung im Stadtmuseum Hoyerswerda
Bis 4. November
Schloßplatz 1
02977 Hoyerswerda
Tel.: 03571 / 60 35 30
Fax: 03571 / 60 35 32
E-Mail: info@museum-hy.de
Web: www.museum-hy.de
Gegründet wurde die Domowina am 13. Oktober 1912 im Hoyerswerdaer Gesellschaftshaus in der Braugasse. Im Stadtmuseum werden rund um ein Modell des Gesellschaftshauses in seiner damaligen Gestalt Dokumente zur Gründung und zu den beteiligten Vereinen gezeigt. Außerdem wird die Situation Hoyerswerdas und seiner sorbischen Einwohner um das Jahr 1912 beleuchtet.
Ausstellungstipp 2:
"In der Heide - Sorbisches auf der Kippe?"
Bis 03.02.2013
Sorbisches Museum Bautzen
Ortenburg 3 - 5
02625 Bautzen
Telefon: +49 (0) 3591/ 270870-0
Telefax: +49 (0) 3591/ 270870-13
Mehr als bunte Ostereier und Osterreiten: Das Sorbische Museum in Bautzen widmet sich in einer Sonderausstellung den sorbischen Wurzeln des Lausitzer Heidelandes. Sie heißt "Serbska hola. In der Heide. Sorbisches auf der Kippe" und zeigt bis Anfang Februar historische Exponate von 50 Leihgebern aus der Region zwischen Senftenberg und Bad Muskau.
Links ins WWW
Der MDR ist nicht für den Inhalt externer Internetseiten verantwortlich!






