MDR FIGARO

MDR FIGARO | Manuskript

Kant und die Pflichterfüllung

Ein morgendlicher Dialog zwischen Kant und Diener Martin Lampe über die Pflichterfüllung und Lebensgewohnheiten

Die Bürden des Lebens gemäß der eigenen Philosophie

Zwei Jahrhunderte nach Kants Tod, ehrt die Welt noch immer seine Verdienste um die Wissenschaften. Was den Philosophen sonst auszeichnet, sind Tugenden, die sich in einem Wort zusammenfassen lassen: unbedingte Pflichterfüllung!

Allein schon Kants Tagesablauf folgt strengster Regeln, durch nichts lässt er sich von ihnen abbringen. Sein alter Diener Martin Lampe kann ein Lied davon singen.

Unser Autor Bert Sander hat ein Gespräch zwischen Lampe und Kant aufgezeichnet, das einen exklusiven Einblick in die allmorgendlichen Zustände im Hause des berühmten Philosophen erlaubt.

Manuskript:

Lampe: (Schritte auf Dielen, Tür öffnen) (soldatischer Ton:) Herr Professor Kant:"Es ist Zeit!", die Uhr hat fünf Uhr geschlagen. - Aber bitte, bitte, Sie können auch gerne liegen bleiben.

Kant: Soll ich bis in die Puppen hinein schlafen!? Nein, für einen echten Kantianer ist das unwürdig. Der tiefe Schlaf in der Nacht und der Schlummer nach einer Mahlzeit sind zwei Feinde des Philosophen. Zum Teufel, der Schlaf ist eine große Gedankenleere.- Nein, nein, man soll die Phase des Aufwachens wie ein Unkraut abschneiden und mit einem Sprung den Federn entkommen. Fünf Minuten später muss man an seinem Schreibtisch sitzen.

Lampe: Herr Professor, was für eine Schinderei!

Kant: Ja sicher, die Forderungen des Tages sind hart - aber bei der Pflichterfüllung kann der Mensch allein zeigen, wie es inwendig mit ihm steht. Leichtfertig und willkürlich leben kann jeder. Und was - mein lieber Lampe - wäre die Erfüllung der Pflicht schon, wenn sie keine Opfer kostete? Meine Maxime lautet daher: Mach es dir zur Regel, täglich etwas zu tun, was du nicht gerne tust!

Lampe: Sie sind grausam gegen sich selbst, Herr Kant.

Kant: Sich nicht dem modernen Larifari hingeben, sondern statt dessen seine Pflichten meistern, kann nur von allgemeinen Gewinn sein; lernt man so schließlich nicht nur, wie ein guter Mensch, sondern auch wie ein guter Bürger zu sein. - Aber gut jetzt, bringe er mir endlich die Tabakspfeife. Er weiß ja, ich muß meinen Stuhlgang anregen, denn jeden Morgen habe ich eine so mühsame und gemeiniglich so unzureichende Ausscheidung, dass das zurückbleibende und sich anhäufende Exkrement, so viel ich urteilen kann, die Ursache meines benebelten Kopfes wird.

Lampe: Ach was, das ist auch so eine Schrulle von Ihnen. Die Leute lachen schon über Ihre eigenartigen Grillen.

Kant: Es ist aber nicht schicklich und artig, einen ehrlichen Mann mit seinen Marotten zum besten zu halten, wenn sie auch noch so befremdlich sind. - Nichtsdestotrotz, wem planvolles Handeln fehlt, der wird zur Beute seiner Triebe!

Lampe: In Pünktlichkeit und Pflichttreue sind Sie ein Muster. Aber Sie leben so streng und abgeschieden geradeso wie ein Einsiedler in der Wüste oder wie ein Mönch in seiner Zelle.

Kant: Von mir aus, aber meine - wie die Leute behaupten - zwanghafte, ja, pathologische Lebensweise verschafft mir die Festigkeit, die ich brauche, um meine Herkulesarbeit zu bewältigen. Ich weiß wohl um meine absonderlichen Eigentümlichkeiten, dennoch: "Ein jeder Mensch hat seine besondere Art gesund zu sein, an der er, ohne Gefahr, nichts ändern darf." Der Mensch ist nun mal mit seinen Gewohnheiten verwachsen, ja selbst das Atemholen ist auch nur eine Gewohnheit, wenn man es sich aber abgewöhnt, ist man hin. Gewohnheit ist der Meister aller Dinge, wußte schon Julius Ceasar. Also, lasse man mir meine Spleens, sie sind für mein Genie unverzichtbar.

Lampe: Vor dem Geschwätz der Leute ist keiner sicher, am wenigsten Sie Herr Kant, man schimpft Sie schon einen närrischen Weisen. Und jeder Dummkopf bildet sich mittlerweile ein, über Sie abgeschmackte Kuriosa verbreiten zu dürfen.

Kant: Unwürdige allesamt! Aber egal, lassen wir diese unglücklichen Gesellen, und seien wir lieber gescheit! - Darum, mon Cher Lampe, muß ich jetzt tätig werden. Denn die Philosophie nur einen Augenblick beiseite zu lassen, bedeutet fast so viel wie sie ganz aufzugeben. Ein befreundeter Konzertpianist sagte mir eines Tages: »Wenn ich auch nur einen Tag aufhöre zu spielen, merke ich das beim Spielen. Wenn ich zwei Tage nicht spiele, bemerkt es das Publikum.« Genauso verhält es sich mit der Philosophie."

Lampe: (beleidigt, vorwurfsvoll) Ach, immer diese Metaphysik, ihr allein widmen Sie ungetrübte Liebe, sie ist Ihre alte und leider wohl auch einzige Geliebte. Und wenn wir beide dereinst im Himmel sind, teuerster Kant, werde ich ihnen wohl wenig habhaft werden können, weil Sie mit den größten Weisen alter und neuer Zeit einen Club schließen werden.

Kant: (tröstend) Ach Freund! Wenn ich in der andern Welt meinem alten Lampe begegne, so werde ich froh sein und ausrufen: Gott Lob, ich bin in guter Gesellschaft!

Zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2004, 21:42 Uhr

 

 
 
 
 
 
 

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