MDR FIGARO | Kolumne | 20.11.2009
Das Prokrustesbett - wogegen die Studenten streiken
von Reinhard Kahl
In den Mythen der griechischen Antike gibt es einen furchtbaren Gastwirt. Prokrustes. Der hat in seiner Herberge. nur einen Typ von Bett. Gäste, die dafür zu klein sind, werden gedehnt. Und wer zu groß ist, dem werden die Füße abgeschnitten und er kann froh sein, dass nicht am Kopf gesägt wurde.
An das Prokrustesbett erinnern unsere Hochschulen mehr und mehr. Der Streik der Studenten ist ein Aufschrei des Leids, ja des Leids, das Prokrustesbetten anrichten, denn Bildung ist nun mal das Allerindividuellste, was Menschen mit sich anfangen können. Und es ist zugleich das Allersozialste, denn über das Wissen und mehr noch über die je eigene Art und Weise, damit umzugehen, nimmt man an der Welt teil, wird Akteur, wird schöpferisch und produktiv. Aber viele Studierende fühlen sich wie Findelkinder auf dem Bahnhof. Großes Gedrängel. Immerfort neue Durchsagen. Wohin die Züge wirklich fahren und ob sie am Ziel überhaupt ankommen, ist unklar. Wohin man denn will, das ist nirgendwo Thema und die Frage, ob man vielleicht auch mal umsteigen sollte, wird nicht gern gehört. Aber die Fahrpläne werden fortwährend in Details perfektioniert. Und wenn die Ziele völlig abhanden kommen, dann fahren eben alle Züge nach Bologna.
Bildung wichtiger als Ausbildung
Dabei wird angesichts einer unsicheren Zukunft Bildung wichtiger als Ausbildung. Die Geschäftsgrundlage von Ausbildung ist ja, dass die Zukunft als Wiederholung der Vergangenheit bereits bekannt ist. Scouts, die sich ins Neuland wagen, brauchen neben einer guten Orientierung vor allem Selbstvertrauen. Das wäre Bildung. Und die wird ausgerechnet in Hochschulen eher zerstört als ermöglicht.
Eine Studie der Uni Konstanz, erhoben im Auftrag der Bundesregierung, kommt zu dem skandalösen Ergebnis, Studenten in Deutschland seien heute so "labil und teilnahmslos" wie nie zuvor. Sie hätten den Eindruck, "als könnten sie weder ihre berufliche Karriere noch politische Entscheidungen wirklich beeinflussen," sagt Studienleiter Tino Bargel. Was bislang nur für Jugendliche ohne berufliche Qualifikation gegolten habe, treffe nun "auf mehr und mehr Studierende zu."
Apathische Studenten?
Wie macht man junge Leute so apathisch? Zeit verknappen und fein gemahlenen Stoff in Köpfe füllen, die sich dafür nach der Klausur nicht weiter zu interessieren brauchen. Bulimielernen. Rein und wieder raus. Das ist wirklich ekelhaft.
Das Sammeln guter Zensuren und vieler Credit-Points hat sich zu obersten Zielen verselbstständigt. So wird alltägliche Verwahrlosung produziert. Die vielfältige und schöne Welt wird gleichgültig. Wissen und Können werden wertlos, wenn sie zu Mitteln für abstrakte Erfolge, für Abschlüsse und am Ende zum Stoff fürs bloße Überleben werden. Diese Auszehrung nennen die Studentinnen und Studenten die Ökonomisierung des Studiums, das sie als Betriebswirtschaftler ihrer selbst durchzustehen versuchen.
Ratloser Protest
Aber es fällt ihnen schwer, diesen Überdruss zu artikulieren und ihre Gefühle in Sprache zu fassen. Ratlos flüchtet der Protest zu Klischees. Vermutlich wird auch dieser "Bildungsstreik" nicht explodieren und aufrütteln, sondern wie seine Vorgänger bald implodieren und spätestens Weihnachten verschwunden sein. Dabei können sich die streikenden Studenten anders als ihre Vorgänger über Zustimmung und sogar über Ermunterung nicht beklagen. Man hat mehr und mehr den Eindruck, als würde der Protest regelecht herbeigesehnt. Mancher Zuspruch ist durchschaubar. Die Bildungslobby will ihre Ressourcenströme sichern. Gewiss, Bildung braucht Geld. Viel mehr Geld. Aber sie braucht eine noch wichtigerere Ressource: Ideen. Und mehr noch als Ideen brauchen die Findelkinder in den Unis starke Mentoren. Wie wäre es denn, wenn Schriftsteller und Künstler, wenn Bürger, auch kluge Unternehmer und Manager, wenn vielleicht auch Politiker in die Hochschulen gingen? Der Bundespräsident voran. Wenn sie mit den Studenten die Zukunft träumen und denken. Wenn sie ihre Geschichten mitbringen. Denn Biographien verlaufen anders als Studienpläne. Nicht nur die Big Shots, die mit so etwas anfangen müssten, sind gefragt, sich als Mentoren anzubieten. Die Studentinnen und Studenten brauchen Gesellschaft. Und wenn manche Hochschule keine einladenden Räume hat, in denen man die halbe Nacht diskutieren will, dann sind die Theater gefragt, Stadthallen oder die leer stehenden Kirchen, ihre Türen zu öffnen.
Zuletzt aktualisiert: 20. November 2009, 20:09 Uhr
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Über den Autor
Reinhard Kahl wurde 1948 in Göttingen geboren. Nach dem Studium der Erziehungswissenschaften, Soziologie, Philosophie und Psychologie arbeitete er als Journalist, sowohl für Radio, TV als auch für Printmedien.
Kahl erhielt verschiedene Auszeichnungen, so den Wang-Journalistenpreis 1986 für die Fernsehsendung "Der kleine Bruder - wie Computer die Welt verändern" (NDR), den Grimme-Preis 1987 für die Serie "Kindsein ist kein Kinderspiel" (NDR) sowie den CIVIS-Preis 1996 und den Preis des CIVIS-Jugendjury für seine fünfteilige Serie "Aufbruch - die Kraft der Einwanderer" (ZDF/3sat).
