Sicherheit vor Menschenrecht : Zehn Jahre Guantanamo - Lager ohne Hoffnung
Am 11. Januar 2002 wurden die ersten Terrorverdächtigen auf den US-Militärstützpunkt Guantanamo Bay auf Kuba verlegt. 171 Gefangene werden heute noch dort festgehalten - so gut wie alle ohne Prozess und auf unbestimmte Zeit. Katja Schlesinger war vier Tage lang in Guantanamo Bay. Mit Häftlingen durfte sie nicht sprechen. Fotos und Interviews wurden zensiert.
Wenn wir von Guantanamo hören, dann denken die meisten von uns an DAS Gefängnis... Schon da beginnt das Missverständnis: Es gibt verschiedene Gefängnisse. Viele haben wahrscheinlich folgendes Bild vor Augen: Gefesselte Gefangene in orangefarbenen Anzügen knien auf dem Boden, haben die Augen verbunden und sind umgeben von Stacheldrahtzaun. Dieses Bild, das um die Welt ging, wurde im Camp X-Ray aufgenommen, das nur drei Monate existierte und über das seitdem im wahrsten Sinne des Wortes Gras wächst. Es verrottet, aus den Käfigen wachsen Bäume heraus und um den Stacheldraht ranken sich alle möglichen Pflanzen. Ein bizarrer Anblick. Die Haftbedingungen haben sich inzwischen enorm verbessert.
Guantanamo bleibt - trotz Obamas Wahlversprechen
Zurzeit sind 171 Häftlinge in verschiedenen Gefängniskomplexen auf der Militärbasis untergebracht, die meisten in Gemeinschaftszellen in einem von außen unscheinbar wirkenden Hochsicherheitsgefängnis. 89 Häftlinge sind seit Längerem zur Freilassung bestimmt, da sie aber aus Ländern wie dem Jemen kommen, bleiben sie vorerst in Guantanamo. Argument der US-Regierung: Der Jemen habe keine stabile Regierung, die die Gefangenen nach ihrer Heimkehr überwachen könnte.
Nur vier der 171 Insassen wurden verurteilt – nicht vor einem Zivil- oder Strafgericht in den USA, sondern vor einem Militär-Tribunal in Guantanamo Bay. Gegen sechs Häftlinge werden gerade Militärtribunale vorbereitet, darunter ist Khalid Scheich Mohammed, der mutmaßliche Chef-Planer der Anschläge vom 11. September 2001 und vier weitere mutmaßliche Drahtzieher.
2008 hat Obama im Wahlkampf versprochen, die Gefängnisse zu schließen. An seinem zweiten Tag als Präsident hat er einen entsprechenden Erlass unterschrieben. Dennoch werden dort nach wie vor Menschen festgehalten - ohne Prozess und auf unbestimmte Zeit. Katja Schlesinger sieht die Ursache in Versäumnissen während der ersten Monate von Obamas Präsidentschaft. Das Thema "nationale Sicherheit" habe er bald den Republikanern überlassen. Und so beschloss eine Mehrheit im US-Kongress – auch mit den Stimmen von Demokraten – Gesetze, welche die Schließung im Grunde unmöglich machen. Denn sie lassen nicht zu, Häftlinge aus Guantanamo Bay auf amerikanischen Boden zu verlegen, weder für eine Gerichtsverhandlung, noch für die Unterbringung in einem US-Hochsicherheitsgefängnis. Selbst die Freilassung von für ungefährlich befundenen Häftlingen ist nicht möglich.
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Die Reporterin
Katja Schlesinger arbeitet seit 2002 als Redakteurin und Moderatorin bei MDR INFO und FIGARO. Mit dem Thema Guantanamo Bay beschäftigt sie sich seit 2003.
Damals berichtete sie über den britischen Guantanamo-Häftlings Moazzam Begg, der 2005 entlassen wurde. Sie hat ihn damals als erste deutsche Journalistin interviewt.
Über den Deutsch-Türken Murat Kurnaz hat sie ebenfalls mehrfach berichtet, zuletzt im August 2011, fünf Jahre nach seiner Freilassung.
Die verschiedenen Gefängnisse in Guantanamo Bay:
Camp 5
Einzelhaft, sehr kleine Zellen, nur ein, zwei Stunden Zugang zum Außenbereich des Gefängnisses. Hier sind die so genannten "non-compliant detainees", die "nicht-folgsamen Häftlinge" untergebracht, diejenigen die nicht kooperativ sind, die Gefängnisregeln verletzt haben, die sich beispielsweise weigern zu essen und zwangsernährt werden, oder solche, die Wärter beworfen haben mit dem sogenannten "Cocktail", einer Mischung aus Urin und Kot. Das ist eine Form, um den Protest zu zeigen gegen zehn Jahre Gefangenschaft ohne Anklage und ohne Aussicht auf ein Ende. Journalisten haben hier Zugang, allerdings nur zu einem Zellentrakt ohne Häftlinge.
Camp 6
Hier ist die Mehrheit der Gefangenen untergebracht, in großen Gemeinschaftszellen mit bis zu 20 Insassen. Im Gemeinschaftsraum wird gegessen, gebetet, hier sitzen die Gefangenen an Tischen, unterhalten sich, schauen Fernsehen. Sie können wählen zwischen mehr als 20 TV- und Radio-Programmen, darunter auch Al-Jazeera. Sie sind also über alle Ereignisse, wie beispielsweise dem Arabischen Frühling, der Tötung Osama bin Ladens und das Ende des Gaddafi-Regimes informiert. Journalisten haben zu diesem Gefängnis Zugang, dürfen aber nicht mit Gefangenen sprechen. Die Journalisten können die Gefangenen durch einen Einwegspiegel beobachten, so dass die Gefangenen von dem Besuch nichts mitbekommen. Diese haben 20 Stunden am Tag Zugang zum bewachten und eingezäunten Außenbereich. Journalisten sind dort nicht zugelassen.
Camp 7
Dieses Gefängnis wird auf der offiziellen Internetseite der so genannten "Joint Task Force Guantanamo" gar nicht erwähnt. Hier sind vor allem die mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge vom 11. September untergebracht. "Aus Gründen der nationalen Sicherheit" werden keine weiteren Informationen darüber verbreitet. Kein Zugang für Journalisten.
Camp X-Ray
Von allen Seiten einsehbare Käfige, hier waren die ersten Gefangenen untergebracht. Vom 11. Januar bis Ende April 2002 - 92 Tage lang. Seitdem verfällt es.
Camp Delta 1-4
Ein weitläufiges Areal aus vielen Zäunen, Stacheldraht und Baracken, das nicht mehr als Gefängnis genutzt wird. Hier arbeiten Militärangestellte. Außerdem befinden sich hier die Häftlingsbibliothek und das Häftlingskrankenhaus.
