Kolumne | MDR FIGARO | 31.08.2012 : Warum man Krimis lesen sollte
"Ich lese keine Schwedenkrimis" soll der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher gesagt haben, als er hörte, dass der Feuilleton-Chef der Süddeutschen Zeitung, Thomas Steinfeld, einen solchen geschrieben und ihn als Mord-Opfer auserkoren habe. Tom Wolf schreibt selbst Krimis. Gerade wurde sein neuestes Werk fertig: "Das spanische Medaillon". In seiner Kolumne erklärt er, warum es sich doch lohnt, Krimis zu lesen.
Es gibt sie, die Krimiverweigerer. Ich selbst kenne mehrere Ablehner des Genres, einer ist Gerichtsmediziner, ein zweiter Professor für Augenheilkunde. Das ist für mich freilich fatal: Wenn keiner mehr Krimis liest, bin auch ich am Ende! Am Bildungsstand kann es schwerlich liegen, denn der Hinweis, dass Bert Brecht, Hannah Ahrend und vielleicht sogar Thomas Mann leidenschaftliche Krimileser waren, fruchtet bei diesen Verstockten nichts.
Argumente haben sie nicht, sie haben nur Angst: Angst, sich mit etwas schlecht Konstruiertem zu langweilen, Angst vor dumpf dargestellter Gewalt, Angst vor Banalität. Hier muss behutsam gegengesteuert werden. Gerade die Scheu vor dem Unvorhersehbaren kann die verpönte Krimilektüre abbauen helfen. So beginnt die Heilung. Krimis bestärken den Geist erst in seiner Aversion, denn sie bestätigen meist alle Vorurteile gegen die Gattung. Krimis sind Homöopathie.
Schritt in die Freiheit
Man kann manches beeinflussen. Ob der Krimi von einem Autor oder einer Autorin stammen soll, von Autorenpaaren oder Kollektiven, ob man in einem Superagentenroman im alten Rom landen will, in einer russischen Landhauslaiendetektivgeschichte um 1850 oder in einem Zeitreisepolizeipolitthriller 2022 auf der Hallig Hooge.
Aber man weiß zuvor nie, ob es spannend oder langweilig wird, logisch oder irr, stilistisch brillant oder wertlos, blutig oder erstickend. Zum Glück ist die Wahl letztlich egal. Allein schon die Überwindung des anfänglichen Widerstands bei dem Gedanken, die schweren Buchdeckel eines Krimis knarrend aufzuklappen, ist der entscheidende Schritt in die Freiheit. Lerne, im Sessel oder im Gras liegend, dich wieder unverkrampft dem alltäglichen Krampf zu stellen. Genau er wird dir im Krimi verabreicht.
Lästige Mitmenschlichkeit
Die zweite, wesentlichere Stärkung erfährt, wer sich tiefer in die Fasern der Papierverbrechen verstricken lässt. Ein geheimes Verlangen nach dem Kriminellen ist es letztlich, das brave Leserinnen und Leser, die "Stillen im Lande" auch genannt, insgeheim umtreibt. Heimito von Doderer hat es im Titel eines Romans ausgedrückt: Es gibt einen geistigen "Mord, den jeder begeht". Durch einen unglücklichen Zufall, den man trotz seiner tragischen Folge keineswegs bedauert, wird erreicht, was jeder für gewöhnlich erstrebt: Die Beseitigung lästiger Mitmenschlichkeit.
Gedankliche Erlösung
Spirituell Hochentwickelte vermeiden selbstredend sowohl das positive als auch das negative Karma, das Gedanken verursachen. Der erdrückenden Mehrheit, die im Kreislauf der Wiedergeburten notgedrungen den Erhalt der Artenvielfalt der Insektenwelt sichern, hilft indes der Krimi wenigstens, ihre heimliche Gier nach dem tödlichen Stich, dem Schuss, der Giftgabe oder dem Spatenhieb gedanklich zu erlösen.
Der mobbende Kollege rutscht flatschend in den Beton. Der verhasste Ehemann entschlummert sanft mit Klosterfrau Melissengeist. Die beneidete Konkurrentin, der potente Rivale, der Mafioso nebst seiner brutalen Großmutter und auch der literarisch unbegabte Kritiker – sie alle fahren mit leisem Schluff in die Grube.
In mentaler Vertretung für den harmlosen Herrn von gegenüber, in heilender psychischer Hilfeleistung für die freundliche Dame von nebenan bewerkstelligt dies alles ohne Aufpreis – der zu Unrecht gemiedene Kriminalroman! Also lest ihn! Alle! Für den Erhalt des Weltfriedens!
Über den Autor
Tom Wolf, 1964 geboren in Bad Homburg vor der Höhe (Hessen), studierte Literaturwissenschaft und Philosophie. Wolf schreibt u.a. Kriminalgeschichten ("Preußenkrimis" und "Detekiv Langustier") . Von 2000 bis 2001 war er Lektor bei Vincent Klink in Stuttgart. In dieser Zeit redigierte er die literarisch-kulinarische Vierteljahresschrift "Häuptling Eigener Herd". Nebenbei schreib er als freier Journalist für Tageszeitungen, vor allem für die "taz" und die "Frankfurter Rundschau".
Tom Wolfs neuer Roman "Das spanische Medaillon" auf 272 Seiten erscheint im September 2012 im be.bra-Verlag.
