Zeitgeschehen

Zeittafel : Ein Jahrhundert Interessenvertretung der Sorben

Sonderbriefmarke zum 100. Jubiläum der Domowina.
  Erste sorbische Vereine
1848/49 wurde der Vorschlag geäußert, entstehende sorbische Vereine organisatorisch zusammenzufassen. Kurzzeitig bestanden damals die Vereinigten wendischen Vereine, bis in Sachsen im August 1849 die vaterländischen Vereine verboten wurden.
Ab 1871 entstanden meist lokal wirkende sorbische Vereine: Bauernvereine mit wirtschaftlicher Ausrichtung, Chöre- und Theatergruppen, Schüler- und Studentenvereine, konfessionelle Ortsvereine. 1883/1898 schlugen Versuche, einen Dachverband zu schaffen, fehl.
Domowina-Gründungshaus in Hoyerswerda
  Vereinigung unter einem Dach
13. 10 1912 Die "Domowina – Bund wendischer Vereine" wird in Hoyerswerda durch Vertreter von 31 sorbischen Einzelvereinen mit dem Ziel gegründet, die angeschlossenen Vereine zu fördern. Maßgeblich daran beteiligt sind Arnošt Bart, Kaufmann und Abgeordneter des Sächsischen Landtags aus Briesing, Handrij Króna, Landwirt aus Hochkirch, Jurij Słodeńk, Lehrer und Publizist aus Panschwitz, Bogumił Šwjela, Pfarrer aus Nochten, Jan Dwórnik, Landwirt aus Königswartha, Jurij Deleńk, Kaplan aus Bautzen, Awgust Lapštich, Druckereibesitzer aus Hoyerswerda, Franc Kral, Lehrer aus Kamenz und Michał Nawka, Lehrer aus Radibor.
9. 2. 1913 Abschluss der Gründung mit Verabschiedung der Statuten und Wahl des Vorstands. In den Statuten wird zum Ausdruck gebracht, dass der gegründete Bund Lausitzer Sorben Domowina heißen und das sorbische Vereinsleben fördern soll. Zum ersten Vorsitzenden wird Arnošt Bart gewählt, Vizevorsitzender ist Bogumił Šwjela. Bis zum Juni schließen sich der Domowina 15 Vereine mit mehr als 1.600 Mitgliedern an. Der Großteil der bei der Gründungsversammlung vertretenen katholischen Vereine kann sich zunächst nicht zum Beitritt entschließen. Aus der Niederlausitz ist nur ein Verein, die Maśica Serbska vertreten.
1914 Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird die Vereinstätigkeit unterbrochen.
1918/1919 In der Nachkriegszeit dominiert der Wendische Nationalausschuss mit seinen bis zur Autonomie reichenden politischen Forderungen. Nach dem Scheitern dieser Bewegung, deren Leitung der Domowina-Vorsitzende Arnošt Bart innehat, erneuert sich die Domowina ab 1920.
Sorbischer Chor "Lipa" Crostwitz, Fahnenweihe 1913
  Erneuerung in den 20er-Jahren
Ab 1920 entstehen enge personelle Beziehungen zum sorbischen Turnverband "Sokoł".
24. 7. 1921 Die Regionalverbände Bautzen ("Arnošt Smoler"), Kamenz ("Michał Hórnik"), Hoyerswerda ("Handrij Zejler") und Cottbus ("Hendrich Jordan") werden gegründet.
1924 Der Domowina gehören 82 lokale Vereine und Vereinigungen an. Die Tätigkeit des Dachverbands umfasst die Organisation von Vorträgen, Konzerten und Ferienaufenthalten von Kindern sowie die Herausgabe von Theaterstücken und Notenmaterial, was besonders von zahlreichen Chören und Laiengruppen genutzt wird. Zu den Höhepunkten des sorbischen Lebens zählen Domowina-Treffen mit Kulturprogrammen und Umzügen, beispielsweise 1925 in Wittichenau, 1926 in Hochkirch, 1927 in Radibor oder 1935 in Hoyerswerda. Die Maśica Serbska veranstaltet in der Niederlausitz Trachtenfeste und weiht Denkmäler für sorbische Patrioten ein, die mit eigenen Mitteln finanziert und errichtet wurden.
1925 wird der Wendische Volksrat von den Vorstandsmitgliedern der Domowina, der Sorbischen Volkspartei und der Maćica Serbska gebildet. Dieser Rat setzt sich für die sorbischen Interessen gegenüber Reichs- und Länderregierungen ein. Auf dessen Initiative wird am Ende der Weimarer Republik mithilfe von Petitionen eine Verbesserung der Unterrichtssituation sorbischer Kinder gefordert, was jedoch ohne großen Erfolg bleibt.
1933 Pawoł Nedo wird Vorsitzender der Domowina und setzt sich für eine Strukturreform ein. Dabei ist vorgesehen, die Vereinsmitgliedschaft auf eine Einzelmitgliedschaft umzustellen und die Organisation im Inneren zu festigen. Von diesem Zeitpunkt an präsentiert sich die Domowina als politische Sprecherin der Sorben. Ein vielfältiges Kulturleben kann in den Vereinen in der nächsten Zeit nur schwer aufrechterhalten werden, da die Behörden argwöhnisch die Einbeziehung der preußischen Ober- und Niederlausitz in die Organisation und den Aufbau von Jugendgruppen beobachten.
  Verbot und Enteignung durch das Nazi-Regime
18. 3. 1937 Nachdem die Vertreter der Vereine die vom Staat auferlegte Satzung, in der die Domowina anfangs als "Bund wendisch-sprechender Deutscher", später als "Bund zur Pflege der Heimat des wendischen Brauchtums" abgelehnt haben, werden Veranstaltungen und Versammlungen verboten. Die meisten noch verbliebenen Vereine werden im August verboten, wodurch der Domowina die Grundlage ihrer Tätigkeit entzogen wird.
1941 kommt es zum amtlich relevanten, offiziellen Verbot der Domowina und zur Beschlagnahmung des Vermögens.
Domowina-Verbots-Text aus dem Jahre 1937
  Neubeginn zunächst in Sachsen
10. 5. 1945 In Crostwitz wird die Domowina unter dem vorläufigen Vorsitz von Dr. Jan Cyž erneuert und von der sowjetischen Kommandantur in Bautzen am 17. 5. (vorerst regional begrenzt) anerkannt. Gleichzeitig entsteht in Prag der Sorbische Nationalrat, der vor allem politische Forderungen stellt, die bis zu Autonomielösungen bzw. dem Anschluss an die ČSR reichten. Die Domowina-Führung unterstützt dies in einigen Memoranden. Dies lehnt die sowjetische Besatzungsmacht ab und fördert lediglich eine kulturelle Eigenständigkeit. Die sich den sowjetischen Vorgaben unterordnende Domowina etabliert sich von diesem Zeitpunkt an als Interessenvertreterin der Sorben. Ihre führenden Persönlichkeiten sehen in der ostdeutschen Nachkriegsordnung die soziale Befreiung des sorbischen Volkes, der Sozialismus wird als Voraussetzung für nationale Gleichachtung gesehen.
1946 Bei den Kommunalwahlen geht die Domowina eine Listenverbindung mit der SED ein. Unter dem erneuten Vorsitz von Pawoł Nedo installiert der Verband einen von hauptamtlichen Funktionären geleiteten Apparat, der neben seiner regionalen Ausrichtung über Ressorts wie Kultur, Schule, Jugend/Bildung, Propaganda und Wirtschaft verfügt. Unter der Leitung von Měto Lažki wird in Werben ein Domowina-Vorstand für die Niederlausitz gewählt, der ein Memorandum an die SMAD in Cottbus zum Sorbischunterricht und zur Ausbildung sorbischer Lehrer verabschiedet.
23. 3. 1948 Durch das in Sachsen verabschiedete Gesetz zur Wahrung der Rechte der sorbischen Bevölkerung gibt es einen spürbaren Aufschwung. Mithilfe des Gesetzes sollen das Sorbische staatlich gefördert und die Belange der Sorben finanziert werden. So entstehen neben der Domowina als Mitgliederorganisation mehrere sorbische Institutionen in den Bereichen Bildung, Kultur und Wissenschaft.
1949 Das traditionelle Vereinsleben kann in der DDR nicht fortgeführt werden, dafür erhält die Domowina von der sächsischen Staatsregierung den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. Die Domowina bekommt die Erlaubnis, in der Niederlausitz zu wirken, eine entsprechende Verordnung wird 1950 ratifiziert und erste Ortsgruppen in Briesen, Döbbrick, Striesow, Tauer und Werben werden 1949 gegründet. Außerdem gibt es den Versuch, einen eigenständigen Landesvorstand der Domowina für Brandenburg und Cottbus zu gründen.
DDR-Präsident Wilhelm Pieck (links) empfängt 1950 eine sorbische Delegation unter Leitung des Domowina-Vorsitzenden Pawoł Nedo (rechts).
  Bruch mit der Kirche, Mitgliederschwund
1955 kommt es zur Zuspitzung der Richtungskämpfe vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels. Die von mehreren öffentlich geäußerte Sorge um den Fortbestand des sorbischen Volkes wird auf dem III. Bundeskongress als Nationalismus diffamiert.
Ab 1958 werten SED-Kreise den Erhalt und die Pflege der sorbischen Sprache tendenziell ab und erklären diese als unvereinbar mit dem Marxismus. Die Funktionäre der Domowina schwenken auf diese Linie ein, weshalb in der Folge viele Domowina-Mitglieder aus der Organisation austraten. Besonders evangelische und katholische Pfarrer, die bisher maßgeblich am Wirken der Domowina beteiligt waren, wandten sich nun gegen sie. Wegen des Mitgliederschwunds strebte der damalige 1. Bundessekretär Bjarnat Nowak an, die Domowina als reine Kulturorganisation auszurichten. Dies wurde durch die SED verhindert.
1964 Mit der 7. Durchführungsbestimmung 1964 wird der Sorbischunterricht auf freiwilliger Basis eingeführt, was zu einem großen Rückgang der Schülerzahlen führt. Trotz Widerstandes, auch von Domowina-Funktionären, kann der Erlass nicht verhindert werden. Erst im Laufe der 1970er-Jahre gelingt es, die negativen Auswirkungen einigermaßen auszugleichen.

Die Tradition der sorbischen Volkstreffen wird fortgeführt. Ab 1966 werden sie als mehrtägige Festivals der sorbischen Kultur gefeiert. Insgesamt gibt es sieben zentrale Festivals und Kreisfestivals.
Ab 1969 bezeichnet sich die Domowina als "sozialistische nationale Organisation der Sorben in der DDR". Zahlreiche Veranstaltungen in den Ortsgruppen werden zentral vorgegeben und reflektieren das uniforme gesellschaftliche Leben im Land.
1973 findet das erste Herbstkonzert der Domowina in der Niederlausitz, in Werben statt, nachdem es diese Tradition bereits mehr als 25 Jahre in der Oberlausitz gibt.
Chor "Lipa" Panschwitz-Kuckau/Pančicy-Kukow
  Dialog mit Kirchenvertretern, kein Konzept in der Wendezeit
1988 Die Domowina-Führung bietet den sorbischen Vertretern der katholischen und evangelischen Kirche einen "nationalen Dialog" an, mit dem Ziel, die sorbischen Interessen wichtiger Partner zu wahren. Politisch-ideologische Konflikte werden nicht mehr unerbittlich ausgetragen. Dadurch hält sich der Verlust an Mitgliedern der Domowina in Grenzen. Im Gegenteil, dies kehrte sich bis 1989 sogar um. Ungeachtet der rechtlichen Bestimmungen und der institutionellen Förderung gelingt es jedoch nicht, die fortschreitende Assimilation der Sorben aufzuhalten.
1989/1990 Da die Domowina in der politischen Wende kein Konzept vorweisen kann und personelle Veränderungen ausbleiben, kommt es zu einer Welle von Austritten und zur Auflösung von Ortsgruppen. Für die notwendige programmatische Veränderung setzt sich die Sorbische Volksversammlung ein, die sich aufgrund der weit zurückreichenden Tradition für den Fortbestand der Domowina einsetzt, mit dem Ziel, die sorbischen Vereine zusammenzuhalten.
  Neukonstituierung als Verein und Dachorganisation
1991 konstituiert sich die Domowina als eingetragener Verein mit neuer Satzung. Darin ist festgelegt, dass sich die Organisation für die Erhaltung, die Förderung und die Verbreitung von Sprache, Kultur und Tradition des sorbischen Volkes einsetzen soll. Mitglieder der Domowina können Personen und Vereine sein. Von staatlichen Instanzen wird die Domowina in der Praxis als Interessenvertretung der Sorben anerkannt. Alle zwei Jahre wird eine Hauptversammlung einberufen, die das höchste Gremium der Domowina darstellt.

Darüber hinaus ist die Domowina in fünf Regionalverbände gegliedert: Bautzen, Kamenz (mit Sitz in Crostwitz), Hoyerswerda, Weißwasser/Niesky (mit Sitz in Schleife) und Niederlausitz (mit Sitz in Cottbus). Der Niederlausitzer Regionalverband setzt sich aus den ehemaligen vier Kreisverbänden der Niederlausitz zusammen. Die Mitglieder dieses Regionalverbandes beschließen auf ihrer ersten Hauptversammlung, die deutsche Bezeichnung "Sorben/Wenden" zu benutzen.
2001 Auf der Hauptversammlung wird beschlossen, dass das WITAJ-Sprachzentrum, welches sich für die Vermittlung der sorbischen Sprache in Kindergärten und Schulen einsetzt, als eigenständige Abteilung der Domowina angeschlossen wird.
  Generationswechsel und große Herausforderungen
2011 Die Hauptversammlung wählt den 27-jährigen Bühnenmeister Dawid Statnik für zunächst zwei Jahre zum neuen Vorsitzenden. Er ist der zweitjüngste in der Geschichte der Domowina. Pawoł Nedo hatte 1933 sein Amt mit 25 Jahren übernommen. Statnik wird vor allem daran gemessen werden, wie gut es ihm gelingt, zwei existenzielle Debatten zu moderieren – über Sparzwänge für die sorbischen Institutionen und über die Grundsatzfrage, wer in Zukunft die Belange des kleinsten slawischen Volkes vertreten soll – ein frei gewähltes sorbisches Parlament oder eine mit mehr Rechten ausgestattete, demokratisch legitimierte Domowina.

Quelle: Manfred Laduš: Domowina sto lět, Domowina-Verlag Bautzen 2012 (obersorbisch, niedersorbisch, deutsche Zeittafel), ISBN 978-3-7420-2218-9

Zwischenüberschriften und Ergänzung der Zeittafel für 2011: mdr.de
   

Zuletzt aktualisiert: 21. November 2013, 10:14 Uhr

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