Streitgespräch | MDR FIGARO | 12.02.2013 | Zum Nachhören : Ist die Mitte rechts?
Wenn ein Extremismusforscher wie Uwe Backes, stellvertretender Direktor des Hannah-Ahrendt-Instituts, in diesen Tagen sagt, er sehe keine Belege für ein Vordringen des Rechtsextremismus in die Mitte der Gesellschaft, so lässt das aufhorchen. Wie er zu diesem Befund kommt, darüber diskutiert er bei MDR FIGARO mit dem Sozialpsychologen Andreas Zick.
Es gibt jede Menge Studien von der Friedrich-Ebert-Stiftung über den Thüringen- bis den Sachsen-Anhalt Monitor, die - mit verschieden hohen Prozentzahlen - etwas Anderes als den Befund des Extremismusforschers Uwe Backes nahelegen: Dass rechtes Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und zunehmend toleriert wird. MDR FIGARO bat Uwe Backes und einen weiteren, profilierten Forscher aus diesem Bereich, Andreas Zick, am Vorabend des 13. Februar in Dresden, in unserem Programm darüber zu diskutieren.
MDR FIGARO fragt: "Wie rechts ist die Mitte der Gesellschaft"? Was manchem vielleicht theoretisch klingen mag, hat einen ganz realen Kern: Haltungen und Einstellungen bestimmen auch die Handlungen. Und so ist die Frage nach einer möglichen rechten Einstellung auch die Frage nach dem gesellschaftlichen Umfeld, das mit den Handlungen der Rechten sympathisiert - oder eben auch nicht. Unter diesem Blickwinkel betrachten die beiden Experten auch den Aufmarsch der Rechten am 13. Februar in Dresden.
Uwe Backes: "NPD hat Höhepunkt überschritten"
Im Januar hatte Uwe Backes bei einer gemeinsam vom Verfassungsschutz in Sachsen und Brandenburg organisierten Tagung in Dresden die These aufgestellt, dass es keine Belege für ein erfolgreiches Vordringen des Rechtsextremismus in die Mitte der Gesellschaft gebe. Der Politikwissenschaftler begründete seine Sicht mit den Wahlergebnissen der letzten Jahre und den Mitgliederzahlen rechter Parteien. Die NPD habe ihren Höhepunkt überschritten und konnte weder von der Fusion mit der rechtsextremen DVU (2010), noch vom Bedeutungsverlust der rechtsgerichteten Republikaner profitieren. Als Gefahr betrachte er dagegen den Rechtsextremismus für die innere Sicherheit. Er warnt vor "rechtsterroristischer Gruppenbildung" wie im Fall der Terrorzelle NSU. Der Extremismusforscher zeigt sich gegenüber einem NPD-Verbot skeptisch.
Uwe Backes, geboren 1960 in Greimerath in Rheinland-Pfalz, studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Germanistik in Trier. Seit 1999 hat er eine Professur für vergleichende Diktaturforschung an der TU Dresden inne und ist stellvertretender Direktor des Hannah-Arendt-Instituts. Zu seinen Forschungsgebieten gehören Demokratietheorie, Ideologiegeschichte, Extremismus- und Diktatur-Forschung.
Langzeitstudie über Menscheinfeindlichkeit - Konfliktforscher Andreas Zick
Unser zweiter Gesprächspartner ist der Sozialpsychologe Andreas Zick, Jahrgang 1962. Zick habilitierte sich an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Der Professor lehrt an der Universität Bielefeld und ist in der Konflikt- und Gewaltforschung aktiv.
Im April dieses Jahres tritt Andreas Zick die Nachfolge von Wilhelm Heitmeyer, Leiter des renommierten Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung (IKG), an. Heitmeyer baute das Institut in Bielefeld auf und leitet es seit 15 Jahren. Das Institut ist über die Fachwelt hinaus bekannt für seine Langzeitstudie "Deutsche Zustände" über Menschenfeindlichkeit gegenüber Gruppen wie Obdachlosen, Ausländern und Arbeitslosen. Befragt werden jährlich 2.000 Bürger nach Vorurteilen und Ängsten. Dieses Langzeitprojekt wolle Andreas Zick fortführen, der seit 2008 mit dem Institut zusammenarbeitet. Aber er plant auch, neue Schwerpunkte zu setzen, darunter Forschungen zu den Fragen, wie Menschen auf Gentrifizierung reagieren und wie die Integration in Städten funktioniert.
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