MDR FIGARO-Café | 15.07.2012 | Zum Nachhören : Mensch oder Markt: Wer erklärt uns die Welt?
Der Schriftsteller Ingo Schulze geht mit den Intellektuellen hart ins Gericht: Sie würden angesichts der "Ökonomisierung aller Lebensbereiche" schweigen. Übrig bleibt demnach Ratlosigkeit. Doch ist das wirklich so? Können Intellektuelle heute noch Vordenker sein? Ja, sagt sein Schriftsteller-Kollege Peter Schneider: Intellektuelle, Künstler und Literaten müssen sich zu Wort melden. Beide Autoren sind zu Gast im FIGARO-Café und diskutieren mit MDR FIGARO-Moderator Thomas Bille in der Leipziger Moritzbastei.
Seit etwa drei Jahren hat er keinen Artikel mehr geschrieben, so war vor wenigen Wochen in der "Süddeutschen Zeitung" von Schriftsteller Ingo Schulze zu lesen, da er nicht mehr weiß, was er schreiben soll. "Es ist alles so offensichtlich: Die Abschaffung der Demokratie, die zunehmende soziale und ökonomische Polarisation in Arm und Reich, der Ruin des Sozialstaates, die Privatisierung und damit Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die Blindheit für den Rechtsextremismus, das Geschwafel der Medien, die pausenlos reden, um über die eigentlichen Probleme nicht sprechen zu müssen, die offene und verdeckte Zensur und, und, und ...". Die Intellektuellen schwiegen, fährt Ingo Schulze fort, aus den Universitäten und auch von den sogenannten Vordenkern höre man nichts.
Unsicherheit, Ratlosigkeit, Zukunftsangst
Ist es wirklich so oder gehen die einsamen Rufer nur unter in eitlem Geschwätz und in einer immer schneller werdenden Medienwelt, die kaum noch Zeit für die "allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden" lässt? Ist es überhaupt die Aufgabe von Intellektuellen, Künstlern und Schriftstellern die "geistige Situation der Zeit" in Worte zu fassen und erreichen die je einen Politiker oder Experten mit irgendeiner Konsequenz? Unsicherheit, Ratlosigkeit, Zukunftsangst, alle ohne Orientierung. Worauf läuft das hinaus? Wer erklärt und versteht noch unsere Welt zwischen Finanzkrise und "marktkonformer Demokratie", zwischen neoliberal und global? Muss jeder für alles Experte sein und kann der Bürger überhaupt noch wählen in dieser Komplexität? Lösen sich durch die virtuellen Welten des Internets die Prozesse vom Menschen ab?
Peter Schneider: Ja, Intellektuelle müssen sich zu Wort melden!
Der Zeitungsartikel von Ingo Schulze endet mit: "Ich würde noch gern erzählen, dass es darauf ankommt, sich selbst wieder ernst zu nehmen und Gleichgesinnte zu finden, weil man eine andere Sprache nicht allein sprechen kann. Und davon, dass ich wieder Lust bekam, den Mund aufzumachen." Dem Schriftsteller Peter Schneider scheint diese Lust über Jahrzehnte nicht abhanden gekommen zu sein. Natürlich, sagt der heute 71-Jährige, sei es Aufgabe der Intellektuellen, Künstler und Schriftsteller sich zu Wort zu melden.
"Die Zerstörung allen Lebens"
Vor der Bundestagswahl im Jahr 1965 beteiligte er sich gemeinsam mit einer Reihe bekannter Schriftsteller im "Wahlkampfkontor" der SPD und wirkte als Redenschreiber im Wahlkampf-Team von Willy Brandt. Als Aktivist, Wortführer und Kampfgefährte von Rudi Dutschke hat Peter Schneider später alle Phasen der Protestbewegung von 1966 bis in die Siebzigerjahre hinein intensiv miterlebt. Als Chronist und intensiver Tagebuchschreiber ließ er die Erfahrungen, Beobachtungen und Zweifel, die Denk- und Lebensbewegungen der sogenannten 68er-Generation in seine Literatur einfließen.
Im April 1980 machte Peter Schneider erneut als politisch engagierter Schriftsteller auf sich aufmerksam. Zusammen mit Thomas Brasch, Günter Grass und Sarah Kirsch schrieb er in einem offenen Brief an Bundeskanzler Helmut Schmidt, die Bundesregierung möge sich von der amerikanischen Regierung nicht in eine Politik hineinziehen lassen, die "die Zerstörung allen Lebens auf diesem Planeten zur Folge haben könnte".
Vor zwei Jahren erst hat Peter Schneider ein Theaterstück über die Finanz- und Bankenkrise geschrieben, im vergangenen Jahr unterzeichnete er einen Aufruf "Wir müssen in Libyen eingreifen" und im "Spiegel" diskutierte er vor einigen Wochen unter der Überschrift "Das jüngste Gericht. Für die Finanzmärkte ist Italien das Griechenland des Jahres 2012" mit dem Publizisten Giuliano Ferrara.
Angaben zur Sendung
MDR FIGARO-Café
Sendung:
So., 15.07.2012, 16:05-17:30 Uhr
(Wiederholung vom 19.02.2012, Moritzbastei, Leipzig)
Gäste:
• Peter Schneider, Schriftsteller
• Ingo Schulze, Schriftsteller
Moderation: Thomas Bille
Redaktion: Angelika Zapf
Musik: Stephan König
Über Ingo Schulze
Ingo Schulze, geboren 1962 in Dresden, ist einer der erfolgreichsten und bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller der Gegenwart. Nach dem Studium der Klassischen Philologie in Jena arbeitete er als Schauspieldramaturg am Landestheater Altenburg. In der Wendezeit engagierte er sich politisch im Neuen Forum. Im Februar 1990 verließ er das Theater, um das "Altenburger Wochenblatt" und den dortigen "Anzeiger" aufzubauen. 1993 ging Schulze nach St. Petersburg, wo er das erste kostenlose Anzeigenblatt "Priwet Peterburg" gründete. Seit Mitte der Neunzigerjahre lebt er als freier Autor in Berlin.
Sein Debüt gab er 1995 mit dem Erzählband "33 Augenblicke des Glücks". Es folgten Romane und Erzählbände, "Simple Storys", "Mr. Neitherkorn und das Schicksal" und "Neue Leben". Ingo Schulze erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Preis der Leipziger Buchmesse 2007 für seinen Erzählband "Handy". 2008 stand Ingo Schulze mit „Adam und Evelyn“ auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Dem Essayband „Was wollen wir?“ 2009 folgte ein Jahr später mit „Orangen und Engel“ eine Sammlung von Impressionen seines Stipendiatsaufenthaltes in der Villa Massimo in Rom.
Über Peter Schneider
Peter Schneider, 1940 in Lübeck geboren, studierte in Freiburg, München und Berlin Germanistik, Geschichte und Philosophie. Neben Rudi Dutschke war er einer der Wortführer und Organisatoren der Berliner Studentenbewegung. Peter Schneider arbeitete als freier Journalist beim Radio. 1972 legte er sein Erstes Staatsexamen ab, erhielt jedoch wegen seiner politischen Aktivitäten keine Anstellung als Referendar. 1973 erschien sein Bestseller-Roman "Lenz". Peter Schneider wirkte fortan als freier Schriftsteller, Essayist, Literaturkritiker, Drehbuchschreiber und Theaterdramaturg.
Seit 1985 war Peter Schneider mehrfach als Gastdozent an der Stanford University und Princeton University in den USA. 2009 wurde er mit dem Schubart-Literaturpreis ausgezeichnet. 1991 gründete er die Initiative "Courage gegen Fremdenhass". Mit der in 15 Sprachen übersetzten und 1982 von Reinhard Hauff verfilmten Erzählung "Der Mauerspringer" wurde Peter Schneider auch international bekannt. 2008 erschien "Rebellion und Wahn. Mein '68. Eine autobiografische Erzählung".
