Journal | MDR FIGARO | 11.09.2012 | Zum Nachhören : "Jedes Kind ist hoch begabt!"
Man muss die Begabung eines Kindes nur erkennen und fördern, sagt Hirnforscher Gerald Hüther. Das bestehende Bildungssystem sei dafür allerdings ungeeignet. Bei MDR FIGARO erklärt er, warum ein radikales Umdenken nötig ist.
"Lernen muss so schön sein, dass Kinder weinen, wenn sie Ferien haben. Und Kindheit muss so schön sein, dass man ein Leben lang davon zehrt." Ein sehr schönes Anliegen, finden wahrscheinlich viele Eltern und Lehrer. Um dann gleich zu entgegnen, das heute ja so ein immenser Druck herrsche. Muße und Freiräume fehlten.
Das falsche System
Genau da setzt der renommierte Hirnforscher Gerald Hüther in seinem neuen Buch, das er gemeinsam mit Uli Hauser geschrieben hat, an. Beim Druck, lehrplangerecht Wissen zu vermitteln und reproduzieren zu können, um dann den verlangten Leistungsnachweis zu erbringen. Hüther findet: Auf der Strecke bleiben in diesem Bildungssystem zu viele ungenutzte und frustrierte Talente, die nicht ins Raster passen. Herauskommen vielleicht Einserschüler und -studenten, die dann aber im Berufsleben versagten, weil es ihnen etwa an sozialen Kompetenzen fehle. Er betont im gleichen Atemzug, dass er nicht für die Abschaffung von Noten sei, Kinder wollten sich schließlich aneinander messen. Die Frage sei aber, was zu benoten sei.
Die Neurowissenschaft könne längst belegen: "Jedes Kind ist hoch begabt, wir müssen es nur erkennen und entsprechend handeln." Hüther und Hauser beschreiben in ihrem Buch, welche Begabungen in jedem Kind angelegt sind und wie sich das kindliche Gehirn entwickelt. Sie zeigen, dass unsere Erziehung dem viel zu wenig Rechnung trägt und fordern ein radikales Umdenken.
Zur Person: Gerald Hüther
Den Hirnforscher Gerald Hüther interessieren seit langem die Auswirkungen von Angst oder Stress auf Gehirn und Verhalten. Ebenso untersucht er, welche Rolle die Ernährung oder der Konsums von Drogen und Psychopharmaka darauf haben. Speziell befasste er sich auch damit, wie psychosoziale Faktoren und psychopharmakologische Behandlungen auf die kindliche Hirnentwicklung wirken. Er geht beispielsweise davon aus, dass die Gabe von Ritalin an Kinder mit ADHS zu schweren Bewegungsstörungen im späteren Leben führen könne.
Gerald Hüther, geboren 1951 in Emleben, studierte Biologie in Leipzig, verließ die DDR Ende der 70er-Jahre. Er wirkte zunächst am Göttinger Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin. Heute leitet er die Abteilung für neurobiologische Grundlagenforschung an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen. In Zusammenarbeit mit dem Pädagogen Karl Gebauer organisiert er auch den alljährlichen Göttinger Kongress zu Erziehungs- und Bildungsfragen. Hüther, selbst Vater einer Tochter und eines Sohnes, versteht sich als "Brückenbauer" zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Auch in seinen früheren Publikationen geht er der Frage nach, wie Menschen ihr Potenzial entfalten und entwickeln können.
Buchtipp:
Gerald Hüther, Uli Hauser:
Jedes Kind ist hoch begabt -
Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen
192 Seiten
Knaus
ISBN: 978-3-8135-0448-4
Preis: 19,99 Euro
