Kolumne | MDR FIGARO | 01.07.2011 : Von Grillen- und Ameisenstaaten
Griechenland, Portugal und Spanien müssen wieder wettbewerbsfähig werden. Doch geht das? Europa ist in zwei Wirtschaftskulturen gespalten: in den sparsamen Norden und den "tanzenden" Süden. Anhand einer Jahrhunderte alten Fabel erläutert Wirtschaftspublizist Detlef Gürtler das große Problem der Eurozone.
von Detlef Gürtler
Sie kennen doch bestimmt die Fabel von der Grille und der Ameise. Die eine lebt beschwingt in den Sommertag hinein, die andere rackert und schuftet und sorgt für härtere Zeiten vor. Als im Winter die Grille frierend und hungrig um Hilfe bittet, weist die Ameise sie brüsk zurück: "Du hast den ganzen Sommer getanzt, wohlan, so tanze auch jetzt."
Grillen bibbern um Hilfe
Schon vor 343 Jahren wurde diese Fabel von Jean de La Fontaine geschrieben, aber sie ist eine der treffendsten Beschreibungen dessen, was wir derzeit in Europa erleben. Denn der Konflikt, der Europa spaltet, ist der zwischen den Grillen- und den Ameisenstaaten. Hier die deutschen, holländischen, österreichischen und finnischen Ameisen, die sparen und schaffen – und dort die griechischen, portugiesischen und spanischen Grillen, die all die Euro-Jahre nur getanzt und geprasst haben, ohne für härtere Zeiten Vorsorge zu treffen. Jetzt sind die Zeiten hart - und die Grillen bibbern um Hilfe.
Der Wettbewerbsfähigkeitspakt der deutschen Ameisenkönigin
"Selber schuld", ruft es aus den Ameisenhaufen im Norden. "Sollen sie doch weiter tanzen – aber nicht mit unserem Geld!" - "Wir versuchen ja, ein bisschen wie ihr zu werden", tönte es diese Woche aus den Tränengas-Schwaden Athens zurück. "So viel, wie wir gerade sparen, habt ihr im Norden noch nie gespart." Aber da haben die Grillen die Rechnung ohne die deutsche Ameisenkönigin gemacht. "Lernt ihr erst mal arbeiten!", antwortet sie. Und präsentiert einen Plan namens Wettbewerbsfähigkeitspakt, mit dem man Grillen zu Ameisen umoperieren kann.
Sparen für den Winter
Kann man? Im Tierreich natürlich nicht. Und im Reich der Menschen stehen die Chancen auch ziemlich schlecht. Denn die Grillenstaaten des Südens und die Ameisenstaaten des Nordens gehören zu zwei höchst unterschiedlichen ökonomischen Kulturen, die sich über Jahrhunderte herausgebildet haben. Die Grillen leben sämtlich dort, wo die Ameisen am liebsten Urlaub machen: am Mittelmeer. Eines der wesentlichen Kennzeichen dieser Region ist die Abwesenheit dessen, was wir als "Winter" bezeichnen, und daraus resultiert eine geringere Neigung zu Sparen und Vorsorge als im Norden. Klar: In Griechenland wäre ein Winter ohne Reserven ziemlich ungemütlich – aber in Finnland wäre er tödlich.
Hansische Kultur im Norden
Die Ameisen des Nordens wiederum prägt neben dem Winter auch die hansische Kultur. Vom Baltikum bis nach Belgien reichte im Mittelalter der Kaufmanns- und Städtebund der Hanse. Die Arbeits- und Zahlungsmoral des hanseatischen Kaufmanns ist im Norden Europas noch heute weit verbreitet. So zum Beispiel das Familienmotto in Thomas Manns Roman "Die Buddenbrooks": "Sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können." Im Süden Europas sind solche Maximen so gut wie unbekannt.
Überlebenschance der Eurozone
Diese beiden Kulturen kriegt kein Wettbewerbsfähigkeitspakt zusammen. Wenn die Eurozone eine dauerhafte Überlebenschance haben will, muss sie sowohl den Grillen als auch den Ameisen einen für sie geeigneten Lebensraum bieten.
Ach ja, eins noch: Die Vorlage für de La Fontaines Fabel ist noch einmal mehr als 2.000 Jahre älter. Sie stammt von Äsop – als Grieche ein Vertreter des Grillenstaates par excellence. Und bei ihm hat die Geschichte doch noch ein Happy End. Denn die Ameise bekommt Mitleid und gibt der Grille etwas zu essen. "Aber du musst mir auch etwas musizieren", macht sie zur Bedingung – und die Grille ist einverstanden.
Darauf einen Sirtaki.
Über den Autor
Detlef Gürtler, Jahrgang 1964, absolvierte ein Politikstudium und unter Wolf Schneider die Henri-Nannen-Journalistenschule. Seit 1990 arbeitet er als Wirtschaftsjournalist (u.a. "Econy" und "Brand Eins"). Seit Juni 2006 ist er Blogger bei der "taz" und seit Herbst 2008 Chefredakteur der Zeitschrift "GDI Impuls". Von ihm sind zuletzt die Bücher "Entschuldigung! Ich bin deutsch: Eine Streitschrift", "Wirtschaftsatlas Deutschland" und "Wir sind Elite. Das Bildungswunder" erschienen.
