Zeitgeschehen

Kolumne | MDR FIGARO | 20.07.2012 : Die Menschen wollen helfen

Als mit der Wehrpflicht die Zivis verschwanden, gab es große Befürchtungen, keiner werde freiwillig Dienste an älteren oder behinderten Menschen übernehmen. Nach einem jahr aber sieht das ganz anders aus. Die Menschen wollen helfen. So sieht es auch Petra Bahr, Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, in ihrer Kolumne.

Luzi tut es. Manfred tut es. Sybille tut es auch. Die eine ist erst 18 und will mal was mit Menschen machen. Deshalb probiert sie das jetzt in einem Seniorenheim aus. Der andere ist fast 70 und will mehr vom Leben als das Vorabendprogramm im Fernsehen. Deshalb rettet er jetzt kranke Vögel im Wattenmeer. Und die Dritte will nach 20 erfolgreichen Jahren im Beruf einfach mal aussteigen. Neue Erfahrungen sammeln. Sich neu orientieren. Deshalb arbeitet sie jetzt in einem Museum und zeigt Kindern, wie Energie entsteht. Drei von fast 36.000 Menschen, die für sechs bis 24 Monate den Bundesfreiwilligendienst absolvieren, also gemeinwohlorientierte Arbeit machen. So heißt es im Amtsdeutsch. Sie selbst nennen sich selbstironisch "Bufdis". Und nicht nur hier, auch in anderen Bereichen boomt das Ehrenamt. Die Skeptiker reiben sich die Augen.

Verbindlich und regelmäßig

Ach, was haben wir in den letzten Jahren die Welt eingedunkelt, auf den Kanzeln und in den Kaffeeküchen, in Talkshows und im Labor der Sozialwissenschaften. Die Gesellschaft sei kalt, die Jugend schlapp, die Alten egoistisch, die Menschen interessierten sich nur noch für sich selbst, das Materielle habe das Ideelle endgültig verdrängt. Und nun das: Immer mehr Menschen engagieren sich für andere. Nicht nur hier und da mal eine Stunde, wenn es sie gerade überkommt, sondern verbindlich und regelmäßig.

Was ist los?

Sie spenden mehr als Geld, sie geben eine Zeit ihres Lebens, um da zu helfen, wo sie gebraucht werden. Im Sport und im Naturschutz, in der Kultur und da, wo Menschen schwach, arm oder hilflos sind. Sie arbeiten bis zur Erschöpfung – für ein Taschengeld und ein paar Seminare. Sie machen Hilfsjobs ohne Karriereaussichten und sind voll und ganz zufrieden. Was ist los mit unserer konsumorientierten Leistungsgesellschaft?

Geben gibt

Eine altmodische Tugend kommt aus der Mottenkiste wie ein Flohmarktfund, der sich als Schatz erweist. Das Dienen. Ein Wort, das allerhöchstens noch in Kombination mit Leistung vorkam, nämlich als Dienstleistung, kriegt neuen Glanz. Menschen wollen anderen dienen, ohne dafür bezahlt zu werden. Sie wollen der Gesellschaft etwas zurückgeben oder einfach mal was Neues ausprobieren. Vor allem wollen sie sinnvolle Dinge tun. Und sie kriegen etwas dafür. Das sagen alle, die sich engagieren. Es ist kein Tabu mehr, es auszusprechen. Geben gibt. Ja, wer sich fürs Gemeinwohl engagiert, der fühlt sich selber auch wohler. Der alte Gegensatz zwischen den Selbstlosen und den Egoisten ist aufgehoben. Das ist auch gut so.

Stille Revolte

"Ich fühle mich reich!", sagt die Rechtsanwältin, die für ein halbes Jahr aus der Kanzlei ausgestiegen ist, um mit mehrfach behinderten Kindern zu spielen. "Ich bin erwachsen geworden und weiß jetzt, was ich will", sagt der 19-Jährige nach einem Jahr auf der Rettungsstelle des Roten Kreuzes.

Dr. Petra Bahr Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Dr. Petra Bahr

"Mein Leben hat noch einen Sinn", freut sich der Rentner, wenn er von der Arbeit im Stadtteilcafé kommt. Vielleicht ist das die stille Revolte gegen die unverbesserlichen Zocker, die mit ihrer Gier ganze Gesellschaften an den Abgrund treiben. Es geht das Gerücht, dass so mancher Investmentbanker seinen Job schon geschmissen hat, um für eine Zeit in ein Gemeinwohlprojekt einzusteigen. Nichts macht so reich, wie gebraucht zu werden.,

Zuletzt aktualisiert: 19. Juli 2012, 17:29 Uhr

Über die Autorin

Dr. Petra Bahr ist Pfarrerin und seit 2006 Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in
Deutschland (EKD). Nach einer journalistischen Ausbildung studierte sie von 1989 bis 1996 evangelische Theologie und Philosophie in Münster, Bochum, Wuppertal und Jerusalem.

Sie promovierte an der Universität Basel über Immanuel Kant. Bahr arbeitet als Publizistin für den Rundfunk und Zeitungen wie die ZEIT-Beilage "Christ und Welt". 2010 erschien ihr Buch "Haltung zeigen - ein Knigge nicht nur für Christen" im Gütersloher Verlagshaus.

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