Kolumne | MDR FIGARO | 27.07.2012 : Vom Charme der Olympischen Spiele
Kolumne von Joerg Schieke
In London beginnen die Olympischen Spiele, jenes Großereignis, das trotz aller ökonomischen Krisen und politischen Turbulenzen noch immer die Vision einer im fairen Wettbewerb vereinten Welt beschwört. Man muss die Olympiade nicht jeden Tag im Fernsehen verfolgen und man muss nicht die Namen der Olympiasieger auswendig lernen - aber dem Charme der Olympischen Spiele kann man in dieser oder jener Form dennoch erliegen, meint MDR FIGARO-Autor Jörg Schieke, selbst ein begeisterter Fußball-Spieler und Mitglied der deutschen Nationalmannschaft der Schriftsteller.
Kennen Sie Yvonne Bönisch oder sagt Ihnen der Name Alexander Grimm etwas? Es sind zwei Menschen, die einen Lorbeerkranz tragen dürfen, es sind zwei deutsche Olympiasieger von 2004 bzw. 2008. Sie waren oder sind aktiv in den Sportarten Judo und Kanu-Slalom - und sie waren nach ihren Olympiasiegen etwa vier Mal im Fernsehen und einmal auf Seite eins der deutschen Tageszeitungen.
Heute sind sie so bekannt wie der Ersatztorhüter einer Zweitliga-Fußballmannschaft, und sie haben in zehn Jahren Spitzensport inklusive Olympiasieg so viel Geld verdient, wie dieser Torwart auf seiner Ersatzbank in zwei oder drei Spielzeiten.
Früher mit Steinstatue geehrt
Er, der Olympiasieger von heute, zumindest wenn er eine Randsportart betreibt, ist einfach zweieinhalb Jahrtausende zu spät auf die Welt gekommen. In der Antike hätte er mit seinem Sieg für immer ausgesorgt und wäre in seiner Heimat mindestens als Denkmal in Stein gehauen worden. Für eine Olympiamedaille erhält ein deutscher Sportler heute zwischen fünf und fünfzehntausend Euro.
Der Kampf um die Spiele
Alle vier Jahre findet es statt, dieses merkwürdige Ereignis "Olympische Spiele". Es ist präsent im deutschen Fernsehen wie die Wanderhure - und es ist ungefähr genauso unschuldig. Jeder Vergabe gehen harte Bewerbungsschlachten voran und manche dieser Schlachten schwitzt Jahre später eine große Korruptionsaffäre aus.
Und Olympia ist immer auch der Wettlauf zwischen denen, die sich mit neuesten Tinkturen ein paar Extra-Blutkörperchen züchten, und jenen, die diese Blutkörperchen gerecht verteilt wissen wollen.
Mitfiebern garantiert
Es ist wie es ist - doch bei aller Skepsis wird es auch in London jene Momente geben, da schaltet man nachmittags den Fernseher an und bangt plötzlich mit einem deutschen Kanupiloten oder einer Leipziger Judodame. Man starrt auf Anzeigetafeln und presst die Fäuste gegeneinander: Ja doch, da sind zwei aus meinem Land, die haben seit Jahren für diesen Moment geschuftet, und am Ende jeder Trainingsstunde waren sie so kaputt, dass sie nicht mal mehr "Wasser" oder "Ich kann nicht mehr" sagen konnten.
Alle vier Jahre, so man ein bisschen Patriot ist, möchte man die Rasenhockey-Regeln begreifen, weil wir, die Deutschen, in dieser Sportart anscheinend zu den Besten gehören. Und gerade im Osten kann man kaum anders als sich an jene Zeiten erinnern, in denen Speerwerferinnen oder Rückenschwimmer nach Olympia Volkshelden waren: Sie waren Thema für die Wandzeitung oder Ehrengast beim Pioniernachmittag. Ruth Fuchs bekam einen Orden "Meister des Sports" und Roland Matthes war "Verdienter Meister des Sports", womöglich war es auch andersrum.
Na klar, die Diplomaten im Trainingsanzug waren die ersten Diener des Systems, aber Kindheiten erzählen sich eben in ganz anderen Vokabeln - und Kindheiten haben nun mal die Eigenart, dass die dazugehörigen Bilder besonders haltbar sind.
In London beginnen die Olympischen Spiele, und einmal mehr erinnern wir uns an einige der schönsten menschlichen Regungen: Sich messen mit anderen, gewinnen oder wenigstens mitfiebern wollen. Olympia, das ist die pure Gegenwart, und jede Sekunde, die wir gerade erleben, beruht auf einer wahren Begebenheit.
Über den Autor
Jörg Schieke ist bei MDR FIGARO Autor und Redakteur in der Lebensart-Redaktion im "Journal am Mittag" und auch für die Sachbuch- und Kultur-Tipps zuständig.
Er hat ein Diplom des Deutschen Literaturinstituts Leipzig und war unter anderem Redakteur der Literaturzeitschrift "edit" sowie Lektor beim Gustav Kiepenheuer Verlag Leipzig. Außerdem spielt er im Fußballteam der deutschen Nationalmannschaft der Schriftsteller.
