Zeitgeschehen

Kolumne | MDR FIGARO | 22.02.2013 : Aufklärungs- und Kampfdrohnen: Waffen zwischen Krieg und Frieden

Drohnen überwinden problemlos Grenzen und können Terroristen in ihren Verstecken auffinden und bekämpfen. Und sie gefährden nicht das Leben kämpfender Soldaten der angreifenden Militärs. Doch was ist der Preis?

Ein lebensgroßes Model der Drohne "Euro Hawk".

Drohnen sind unheimlich: Sie sind klein und kaum sichtbar, und im Vergleich mit dem sonstigen Fluggerät sind sie leise und kaum hörbar. Sie können darum, wenn sie bewaffnet sind und nicht bloß aufklären sollen, aus buchstäblich heiterem Himmel zuschlagen.

Drohnenangriffe erfolgen überraschend und plötzlich; gegen sie sind effektive Abwehrmaßnahmen unmöglich. Zudem ist immer öfter unklar, wer eigentlich der Angreifer ist. Der gibt sich nicht zu erkennen; so unsichtbar und lautlos, wie die Drohne gekommen ist, verschwindet sie auch wieder. Darin ist sie eher eine Waffe des Geheimdienstes als des Militärs.

Krieg ohne Grenzen

Sie ist nicht nur zwischen Militär und Geheimdienst, sondern auch zwischen Krieg und Frieden angesiedelt. Sie ist politisch gefährlich, weil sie eine Grenzziehung auflöst, die bislang zum Grundgerüst der weltweiten Sicherheitsarchitektur gehört hat.

Im Hintergrund der aktuellen Kampfdrohnendiskussion steht weniger die Frage, ob auch die Bundeswehr mit diesem Gerät ausgerüstet werden soll, als vielmehr ein über lange Zeit unbeachteter US-amerikanischer Strategiewechsel, der mit dem Übergang von Bush zu Obama erfolgte: Keine massiven Militärinterventionen mehr zum Zwecke des Staatsaufbaus oder einer Umgestaltung der Gesellschaft, durch die den Terroristen der Nährboden entzogen werden sollte, sondern selektive und doch omnipräsente Bekämpfung von Terroristen.

Antwort auf Terroristen?

Kampfdrohnen bekämpfen Terroristen mit ihren eigenen Methoden: plötzlich und überraschend. Drohnen sind hochgradig flexibel und global einsetzbar. So schnell, wie Terroristen ihre Operationsgebiete verlagern, folgen ihnen die Drohnen. Sie sind eine resymmetrierende Antwort auf die asymmetrische Herausforderung des Terrorismus. Was in der terroristischen Strategie des Terrorismus der Selbstmordattentäter ist, ist in der "westlichen" Reaktion die raketenbestückte Drohne. Das suizidale Selbstopfer wird technologisch gekontert.

Gefährliche Aufweichung

Offenbar sind solche Drohnen die strategisch effektivste Antwort, die der Westen auf die Herausforderung des globalen Terrorismus gefunden hat. Aber diese Antwort ist gefährlich, weil sie die Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden auflöst. Darin folgt sie den Vorgaben des Terrorismus, der sich genau in diesem Zwischenbereich angesiedelt hat.

Die Bush-Administration hatte darauf mit der Ausrufung eines "Kriegs gegen den Terrorismus" geantwortet, was heftig kritisiert worden ist. Die Verwendung des Kriegsbegriffs war eine eskalatorische Form der Vereindeutigung einer uneindeutigen Herausforderung.

Waffe postheroischer Gesellschaften

Die Reaktion mit Kampfdrohnen dagegen bleibt im Feld des Uneindeutigen. Sie kann auf die Kriegssemantik verzichten; genau das wird ihr von den Kritikern zum Vorwurf gemacht. Durchaus zu Recht. Man muss bloß wissen, dass die Alternative dazu die Rückkehr zum Kriegsbegriff ist.

Nicht bloß darum, weil die meisten das nicht wollen, wird sich die Drohne als Waffe des 21. Jahrhunderts durchsetzen. Sie ist obendrein die Waffe postheroischer Gesellschaften, die ein hohes Maß an Sicherheit wollen, aber dafür nur geringe Opfer zu bringen bereit sind. Gegen diese Verbindung dürften moralische Argumente keine Chance haben.

Zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2013, 19:21 Uhr

Über den Autor

Herfried Münkler, geboren 1951 im hessischen Friedberg, ist Politikwissenschaftler und Sozialphilosoph. Er hat eine Professur an der Humboldt-Universität Berlin inne. Schwerpunkt seiner Arbeiten ist die Ideengeschichte.

Bekannt geworden ist Münkler mit seinen Thesen zur "asymmetrischen Kriegsführung", die er ausgehend von der US-Kriegsführung seit den Terrorismus-Anschlägen im Jahr 2001 aufgestellt hat. Die in der Waffentechnik unterlegenen Kontrahenten kompensieren ihre Schwäche durch die mediale Inszenierung der Opfer.

Der modern ausgestattete Gegner wiederum wird dadurch öffentlich zur Verantwortung gezogen und in seinem militärischen Handlungsspielraum enorm eingeschränkt. Diese Form der neuen Kriegsführung weiche von der bisherigen Vorstellung eines Krieges ab, stellte Münkler in seinem Buch "Die neuen Kriege" (2002) fest.

© 2013 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK