Journal für Netzkultur | MDR FIGARO | 10.07.2012 | Zum Nachhören : In weiter Ferne, so nah
Wie hat das Netz unsere Reisekultur verändert? Welche Rolle spielen die neuen sozialen Reisenetzwerke? Wie verändert sich unser geografisches Empfinden angesichts überall verfügbarer Navigation? Können wir noch Fremdheit und Abenteuer erleben, wenn wir auch im Urlaub das Smartphone zücken - dank sinkender Auslandstarife? Moderator Vladimir Balzer geht diesen Fragen im Netzjournal nach, spricht mit den Reiseforschern Roland Conrady und Martin Lohmann, stellt den aktivsten Leipziger Couchsurfer vor - und natürlich auch wieder neue Apps, Software und Technik.
Der Urlaub begann in früheren Zeiten mit dem Gang zu einem Laden mit gedruckten Büchern. Dort erwarteten uns dutzende Reiseführer - auch für die abgelegensten Ziele. Ob nun Honolulu oder Elbsandsteingebirge - Bücher halfen weiter, mit Hintergründen und mit praktischen Informationen, auch mit den Tipps, was man als Besucher tunlichst vermeiden sollte. Vielleicht noch etwas Geschichte, etwas Landeskultur, ein paar Fotos, fertig. Wenn man nicht schon im Reisebüro gebucht hatte, rief man spätestens jetzt das empfohlene Hotel an und buchte.
Statt Reisebüro und Reiseführer: Hotel-App und Privatunterkunftportal
Heute bereiten wir unsere Reisen mit dem Gang zum Computer oder dem Griff zum Smartphone vor. Es ist alles da - wir können nicht nur buchen, wir finden auch Bilder, Filme, Texte, Erfahrungsberichte, Blogs und Foren. Und - Hotels sind nur eine von vielen Möglichkeiten, eine Bleibe zu finden.
Wir haben private Wohnungen im Angebot, die regulär bewohnt werden und für zwei, drei Wochen im Sommer zur Verfügung stehen, wenn die Besitzer selbst im Urlaub sind. Vielleicht im Tausch mit unserer eigenen Wohnung? Manchmal ist es auch nur eine Couch, die uns jemand anbietet. Für lau. Nur weil er uns kennen lernen will.
Ist das überhaupt noch denkbar - Urlaub ohne Smartphone?
Wenn wir uns mithilfe des Netzes entschieden haben, wohin es gehen soll und wo wir schlafen werden, dann bleiben nur noch zwei Fragen: Erstens, wie kommen wir hin? Das schließt die Frage ein - schalten wir "das Navi" ein? Oder nehmen wir eine romantische Papierkarte mit? Lassen wir uns leiten oder denken wir ein bisschen mit? Und - fast noch wichtiger - Frage zwei: Verzichten wir im Urlaub auf das Internet? Trauen wir uns, das Smartphone zu Hause zu lassen?
Wo können wir noch Fremdheit und Abenteuer erleben? Wie wandelt sich unser geografisches Empfinden in der globalen Netzwelt und welche Rolle spielen die neuen sozialen Reisenetzwerke, in denen Privatpersonen nicht nur Hotels und Orte bewerten, sondern auch ihre eigenen Wohnungen anbieten oder auch nur die Couch. Wohin will es also, unser neues, vernetztes Reise-Ich?
