Zeitgeschehen

Betrachtung zur Schuldenkrise : Als Urlaubskredite noch verpönt waren

von Max Waibel, MDR FIGARO-Redakteur

Es muss in den 70er-Jahren gewesen sein. Meine Eltern tuschelten. Das kam nicht oft vor und so wusste ich, da wird gerade etwas Wichtiges, Unerhörtes besprochen. Dann brach sich die Empörung Bahn: Familie M., mit meinen Eltern eng befreundet, war in Urlaub gefahren. Und um das tun zu können, hatten sie einen Kredit aufgenommen. Schulden für Urlaub. Der Skandal war kaum in Worte zu fassen. Schulden? Das hatten – auch im kapitalistischen Westen - nur diese Figuren aus den besseren Kreisen, die in frühen Tatort-Folgen Halstücher statt Krawatten trugen und am Ende – wenn sie nicht die Täter waren – so doch das falsche Leben führten.

Einmal in der Woche: "Und vergib uns unsere Schuld"

Max Waibel
Max Waibel, Redakteur bei MDR FIGARO

Schulden. Schulden war in meiner Jugend tatsächlich eng verknüpft mit dem Begriff der Schuld. "Und vergib uns unsere Schuld" beteten wir mindestens einmal die Woche, und wer die Schuld zu Schulden verballhornte, musste mit dem Zorn des Herrn Pfarrer und einer saftigen Bußehandlung rechnen. Noch heute zucke ich jedes Mal zusammen, wenn in den Nachrichten dieser Satz auftaucht: Jeder Bundesbürger hat im Schnitt 22.000 Euro Schulden. Das sind natürlich nur die Schulden, die der Staat gemacht hat.

Aber die nächsten Tage traue ich mich kaum aus dem Haus, weil ich immer rechnen muss. In meinem Zugabteil sitzen vier Personen, macht also 88.000 Euro Schulden. Plus Lokführer, plus Schaffner, sind wir schon über die 100.000. Und vollends unüberschaubar wird die Sache, wenn man den Zug verlässt und der Bahnsteig voller Menschen steht.

Ich glaube, das ist auch der Grund, warum ich im Moment nicht nach Griechenland in den Urlaub fahre. Die Vorstellung, in Athen aus dem Flieger zu steigen und all die verschuldeten Griechen zu sehen - unerträglich. Und wenn dann noch stimmen sollte, was all die Experten sagen: dass nämlich des einen Guthaben des anderen Schulden sind, dann wäre es für mich völlig vorbei. Ist mein Guthaben auf den Schulden der Griechen aufgebaut? Wer hat mit meinem Geld so gehandelt, dass in Athen nur die Schulden übrig geblieben sind?

Investition - eine Verschleierung des Begriff Schulden

Die größte Verschleierung des Begriffs Schulden übrigens, die ich kenne, ist die Investition. Geld, das ich nicht habe, stecke ich in eine Unternehmung, von der ich nicht weiß, ob sie erfolgreich ist. Das können Solarzellen sein, Computer oder ein Lottoschein. Bei den alten Griechen war es zum Beispiel ein Holzpferd vor den Toren Trojas. Und das war ja eine sehr erfolgreiche griechische Investition. Immerhin hat man eine ganze Stadt und eine Frau dafür bekommen. Beides leicht angeschrammt, aber immerhin. Und da trifft sich vielleicht die alte mit der neuen Geschichte: Der Euro ist eigentlich ein trojanisches Pferd, in dem die Griechen ihre Schulden versteckten. Davon werden die die nächsten 2.000 Jahre erzählen. Und dafür haben die bestimmt auch ihr Konto überzogen.

Zweimal ist mir das in meinem Leben passiert. Ich hab mich dann vor der Bankangestellten etwas geschämt. Sie aber blickte mich so freundlich an, als ob ich nicht nur Kunde wäre, sondern mich in einen Menschen verwandelt hätte. Schau an, ist der auch mal in den Miesen. Seit ein paar Jahren bin ich richtig in den roten Zahlen: Wir haben eine Wohnung gekauft. Früher wäre das ein Alptraum gewesen. Die vielen Schulden. Und dennoch kann ich erstaunlich gut schlafen. Sind ja keine Schulden. Ist ja nur ein Kredit.

Zuletzt aktualisiert: 13. Juni 2012, 08:10 Uhr

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