Lebensart

Sinn- und Glaubensfragen | MDR FIGARO | 04.02.2012 | 17:05 Uhr : Vom Verlust der Sonntagskultur

Schon längst gibt es den arbeitsfreien Sonntag nicht mehr, denn irgendwas gibt es immer zu tun. Oder wie ist das bei Ihnen? Was bedeutet uns heute noch der Sonntag? FIGARO diskutiert mit Svenja Flaßpöhler, die in ihrem Buch "Wir Genussarbeiter. Über Freiheit und Zwang in der Leistungsgesellschaft" über den Drang der Aktivität und den Verlust der Muße philosophiert.

ein Mann liegt auf einer Wiese und genießt die Stille

Die Philosophin Svenja Flaßpöhler beschreibt in ihrem Buch die sogenannten Genussarbeiter. Oft sind es Manager oder Kreativberufler, die spätabends noch ihre Mails checken und auch sonntags das Laptop aufklappen. Menschen, die ihren Selbstwert maßgeblich aus ihrer Arbeit beziehen, die das Gefühl haben: "Nur wenn das, was ich da schaffe, wirklich gut ist, bin ich es auch", und die oft erst spät bemerken, welchen Preis sie dafür zahlen. Weil sie sich in ihrem Bestreben, durch Arbeit Anerkennung zu gewinnen, keine Ruhe, keine Pause mehr gönnen - und sich schließlich hoffnungslos verausgaben.

Die Genussarbeiter, so sagt es Svenja Flaßpöhler in ihrem Interview bei FIGARO, seien eigentlich höchst erfolgreiche Süchtige. "Während Kettenraucher und Alkoholiker als randständig angesehen werden, sind Arbeitssüchtige hoch angesehen in unserer Gesellschaft." Dabei diene der permanente Drang zur Aktivität - wie jede andere Sucht - dazu, die Depression abzuwehren. Vielen Menschen falle es schwer, "so was wie Stille zuzulassen, weil man unweigerlich auf sich selbst zurückgeworfen wird und auf bestimmte Dimensionen des eigenen Lebens, mit denen man lieber nicht konfrontiert werden will: Tod, Stillstand, Nichts."

Der Wandel in der Arbeitskultur ist für die Philosophin auch ein Ergebnis der Säkularisierung:

"Ich glaube, dass so etwas wie Pause, wie Muße, wie Genießen in gläubigen Kulturen aufgehoben war im religiösen Glauben. Beten, Innehalten, in die Kirche gehen, der arbeitsfreie Sonntag, das sind religiöse Rituale, und das gilt heute alles so nicht mehr."

Svenja Flaßpöhler

Dem Menschen würden die Nischen des Nichtstuns genommen, und es falle ihm schwer, sich diese Nischen selber zu nehmen, "weil er sich immer schon vor dem Leistungsimperativ schuldig macht. Also er muss vor sich selber verantworten, wenn er mal nichts tut." Und was kann nun helfen, eine neue Kultur der Muße und des Sonntags zu entwickeln? Die typischen Tipps - Handy ausschalten, Laptop zuklappen - hält Flaßpöhler, für "Symptombehandlung". Dem vereinzelten Kopfarbeiter, welcher der Falle der Selbstausbeutung entkommen wolle, rät sie, Systemkritik zu üben und die eigene Haltung zu überprüfen. Es gehe darum, auch die Passivität, das Nichtstun zu kultivieren - und gleichzeitig "auch im Sinne von Streiks" das Gemeinschaftsgefühl früherer Zeiten wieder zu entdecken.

Zuletzt aktualisiert: 03. Februar 2012, 15:33 Uhr

Angaben zur Sendung:

17:10 Uhr
Vom Verlust der Sonntagskultur.
Interview mit Svenja Flaßpöhler, Autorin des Buches "Wir Genussarbeiter. Über Freiheit und Zwang in der Leistungsgesellschaft"

17:20 Uhr
Kulturtipp
Dresdner Orgelzyklus - Auftakt mit Samuel Kummer in der Frauenkirche

17:30 Uhr
Religion aktuell

17:40 Uhr
Zwischen Politik und Predigt:
Kathrin Oxen, neue Leiterin des evangelischen Zentrums für Predigtkultur

17:50 Uhr
Stille Post
Friedrich Schleiermacher: "In der Kirche können die leeren Bänke noch am besten die Wahrheit vertragen"

Buchtipp

Svenja Flaßpöhler:

"Wir Genussarbeiter. Über Freiheit und Zwang in der Leistungsgesellschaft"
203 Seiten,
München: DVA 2011,
ISBN: 978-3-421-04462-4

Mehr über Svenja Flaßpöhler

Svenja Flaßpöhler, 1975 geboren, studierte Philosophie, Germanistik und Sport. Die promovierte Philosophin ist seit 2006 auch als Autorin tätig und schreibt Features, Essays und Rezensionen u.a. für den Deutschlandfunk, das Deutschlandradio und die Zeitschrift "Psychologie heute". Hier ist sie auch Stellvertretende Chefredakteurin. 2007 wurde sie mit dem Arthur-Koestler-Preis für ihr Buch "Mein Wille geschehe. Sterben in Zeiten der Freitodhilfe" ausgezeichnet. Svenja Flaßpöhler lebt in Berlin.

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