Literatur & Film

Lesezeit | MDR FIGARO | 03.10.2012 | 09.05 und 19:05 Uhr : Die Welt von gestern: Uwe Tellkamp im Porträt

Uwe Tellkamps Roman "Der Turm" wird von der Kritik als faszinierendes Panorama der untergehenden DDR gelobt. 1968 in Dresden geboren, kennt der Autor die "Turmgesellschaft" im Villenviertel "Weißer Hirsch" aus eigener Erfahrung. Erinnerungsselig pflegte man dort die bürgerliche Nische im real existierenden Sozialismus. Ein Porträt des Autors zeichnet Nils Kahlefendt.

Als Uwe Tellkamp mit seinem Roman 2008 den Deutschen Buchpreis gewann, waren sich die Kritiker einig: "Der Turm" sei ein faszinierendes Panorama der untergehenden DDR. Ein gewaltiger Wurf über rund 1.000 Seiten, der manchen gleich an Thomas Mann erinnerte.

Angesiedelt hat Uwe Tellkamp sein an Personen reiches Buch in Dresden auf dem Weißen Hirsch, in einer "Welt der schimmelpilzbefallenen, bröckelnden Villen", in dieser Nische werden mitten im real existierenden Sozialismus gut bürgerlich Hausmusik und Theaterabende gepflegt. Im Mittelpunkt steht eine Medizinierfamilie zwischen Anpassung und Aufbegehren. Der Autor, 1968 in Dresden geboren, kennt diese Welt gut, war doch die Arztfamilie Tellkamp 1977 aus einem 10-stöckigen Plattenbau in der Johannstadt auf den Weißen Hirsch gezogen.

Kann man Heimat nur gewinnen, indem man sie verliert?

Akribisch recherchierte Uwe Tellkamp für seinen Roman, der das Dresden der DDR-Zeit detailreich und alle Sinne angreifend wieder in Erinnerung ruft. In seiner Heimatstadt selber hätte er das Buch nicht schreiben können, sagt der Autor, der inzwischen in Freiburg im Breisgau lebt. Kann man Heimat nur gewinnen, indem man sie verliert?

Wie unterschiedlich Ost und West noch immer ticken, erfuhr er bei seinem furiosen Bachmannpreis-Auftritt 2004, den er mit einer Passage aus seinem noch unveröffentlichten Roman bestritt. "Der Schlaf in den Uhren" nannte er den Text. Die Kritiker lobten ihn, doch einige meinten, der Autor wolle sich schmücken, weil er in seiner für Klagenfurt abgefassten Vita auch über sein Wirken als "Panzerkommandant" bei der NVA informierte.

Von gefährlichen Kompromissen und "politischer Diversantentätigkeit".

Doch für Tellkamp war der Wehrdienst ein Stigma. Weil er in der DDR Medizin studieren wollte, hatte er sich 1986 für drei Jahre zur Nationalen Volksarmee verpflichtet. Er landete in einer Panzereinheit, die ihre Dienste auch im Braunkohle-Tagebau Espenhain bei Leipzig tat. Aus dem Medizin-Studienplatz wurde trotz NVA-Verpflichtung nichts - wegen "politischer Diversantentätigkeit". Tellkamp hatte ein Suhrkamp-Taschenbuch, die Hermann-Hesse-Biografie von Hugo Ball, gelesen, und Gedichte von Bukowski und Biermann abgeschrieben. Und es kam noch schlimmer: Als die Soldaten im heißen Herbst 1989 für den Nahkampf geschult und gegen die Dresdner Demonstranten eingesetzt werden sollen, verweigerte Tellkamp den Marschbefehl. Er landete in Haft.

Ein ähnliches Schicksal macht im "Turm" auch sein Held Christian Hoffmann durch. Seine Eltern überzeugen ihn: Du musst diese drei Jahre durchstehen, danach wirst auch du Arzt. Der Autor zeigt anschließend Christians Höllenfahrt aus der behüteten Enklave des Dresdner Villenviertels in den brutalen Militärdienst und schließlich in den NVA-Strafvollzug. Auf diesen Erzählstrang konzentriert sich auch die Hörfassung von MDR FIGARO, die derzeit gesendet wird.

Der erste Gedichtband in sechs Exemplaren

Für Uwe Tellkamp brachte das Ende der DDR die Möglichkeit, doch noch Medizin zu studieren. Prosa und Lyrik entstanden bis dahin immer parallel. Eine erste Probe, Tellkamps "Urgedichtband", veröffentlichte der kleine Dresdner Verlag Buchlabor 1996 – in sechs Exemplaren. Vom Romanerstling "Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café" verkaufen Faber & Faber vier Jahre später 163 Exemplare. 2005, ein Jahr, nachdem Tellkamp in Klagenfurt fast aus dem Nichts auf der großen literarischen Bühne erschienen war, veröffentlichte er den Roman "Der Eisvogel": Die Geschichte einer Gruppe rechtskonservativer junger Männer wurde von der Kritik irritiert aufgenommen, aber auch gelobt.

Der Bachmann-Preis: Aus dem Unfallchirurgen wird der freie Schriftsteller

Mit dem Gewinn des Bachmann-Preises sah Tellkamp die Möglichkeit, ganz aus dem Arzt-Beruf auszusteigen. Literarische Ambitionen und der Alltag in einer modernen Unfallchirurgie ließen sich auf Dauer nicht vereinbaren. Mit seiner Frau zog er zunächst von München in eine kleine Wohnung in Karlsruhe. Seine Arbeitshöhle, befand sich unter dem gebrauchten IKEA-Hochbett, das seine Frau zur Hochzeit geschenkt bekommen hatte. Er braucht nicht mehr Platz, im Krähennest auf dem Abraumbagger war es enger.

Nun lebt die Familie in Freiburg im Breisgau. An den Wänden im Flur der Freiburger Wohnung kleben Pappen, die aussehen wie eine Partitur, wie sich eine Handlung oder die Motive seiner Personen entwickeln, lässt sich darauf verfolgen. Seit sein Sohn auf der Welt ist, schreibt Tellkamp ab halb vier morgens, damit er am Tag Zeit hat. Ein "Libretto für eine schwimmende Oper" nennt er sein nächstes Buch geheimnisvoll, das als fertiges Manuskript bereits in der Schublade liegt. Ein Tagebuch über seinen jetzt knapp zweijährigen Sohn möchte er machen, das "Der Zitronenrabe" heißen soll. Gut möglich auch, dass die Leser Tellkamps Figuren aus dem "Turm" irgendwann wieder begegnen werden , endet der Roman doch kurz vor der Wende.

Zuletzt aktualisiert: 23. September 2010, 17:41 Uhr

Angaben zum Buch

Uwe Tellkamp: Der Turm.
Geschichte aus einem versunkenen Land.
Roman, 976 S., Suhrkamp
ISBN 978-3-518-42020-1

Angaben zum Hörbuch

Uwe Tellkamp: Der Turm, gekürzte Hörbuchfassung
Produktion: MDR 2009
DHV – Der Hörverlag GmbH
8 CDs, 560 Min.
ISBN 978-3-86717415-2

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