Buch der Woche | MDR FIGARO | 15.01.2013 : Christa Wolf - "August"
Die Erzählung "August" entstand 2011, im Todesjahr der Schriftstellerin Christa Wolf. Darin erzählt sie eine bewegende Nachkriegsgeschichte. Diese Veröffentlichung sowie die Uraufführung "Der geteilte Himmel" am Schauspielhaus Dresden zeigen, dass Christa Wolf für ihre Leser nach wie vor eine feste Größe ist. Doch nicht immer halten nachgelassene Werke, was man sich vom Autor verspricht. Michael Hametner hat die kleine Erzählung gelesen.
Es ist die letzte Erzählung, die Christa Wolf kurz vor ihrem Tod geschrieben hat. Jetzt ist dieses Buch posthum erschienen. "August" erzählt eine Episode aus dem Leben von August. Er arbeitet als Busfahrer und steht kurz vor der Rente. Er erinnert sich an seine Zeit als Patient in dem "Schloss, das sich Krankenhaus nannte". Der etwa achtjährige Flüchtlingsjunge war Patient in Mottenburg, einem Krankenhaus in Mecklenburg für Tuberkulose-Kranke. Dort verliebte er sich in Lilo. Ursprünglich ist August eine Nebenfigur aus Wolfs autobiografischen Roman "Kindheitsmuster", erschienen 1976. Im letzten Sommer erinnerte sich Christa Wolf an diesen Jungen und dessen kindliche Liebe.
Wir finden bei Wolf nicht dieses stringente Erzählen einer abgeschlossenen Geschichte, dafür das leicht Schwebende zwischen zwei Handlungszeiten. Damit gelingt ihr ein berührendes Porträt von August. Wie MDR FIGARO-Literaturredakteur aufällt, erzählt Christa Wolf in diesem Text besonders zart. Sie tupft mehr mit der Sprache statt feste Konturen zu zeichnen. Das verhilft der Geschichte zu einer wunderbar gebauten Atnmosphäre. Denn das Sanatorium war für viele Patienten ein Sterbehaus, für August war es ein Ort des Glücks. Wie Trauer und Glück miteinander vermischt werden, lässt die kleine Geschichte lebendig werden.
"August" gehört allerdings nicht in die Reihe der ganz großen Texte wie "Sommerstück" oder "Medea". Dafür hat "August" auch nicht das erzählerische Volumen. Es ist eine Prosa-Miniatur. Als solche ist es eine schöne Werkergänzung und für Freunde der Wolf-Literatur eine Empfehlung.
Über Christa Wolf
Christa Wolf wurde am 18. März 1929 in Landsberg/Warthe (heute Gorzów Wielkopolski) geboren und besuchte dort die Grund- und Oberschule. 1945 flüchtete die Familie vor den anrückenden sowjetischen Truppen, fand vorerst in Mecklenburg eine neue Heimat. 1949 legte Wolf im thüringischen Bad Frankenhausen ihr Abitur ab und trat der SED bei. In Jena und Leipzig studierte Wolf Germanistik und arbeitete anschließend in Berlin als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband, als Lektorin, Redakteurin der Zeitschrift "neue deutsche literatur" und als Cheflektorin des Verlags Neues Leben. Von 1959 bis 1962 war sie Lektorin des Mitteldeutschen Verlags in Halle. Seit 1962 war sie freiberufliche Schriftstellerin.
Ihr umfangreiches erzählerisches Werk wurde in viele Sprachen übersetzt und mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. In der DDR zählte Christa Wolf zu den bedeutendsten literarischen Stimmen. Ihre Erzählungen sind mittlerweile gesamtdeutsches literarisches Erbe. Wolf hinterfragte in all ihren Werken kritisch und selbstkritisch die Kämpfe, Hoffnungen und Irrtümer ihrer Zeit. Ihre literarische Laufbahn stand in engem Zusammenhang mit der Entwicklung und dem Ende der DDR. Sie beschäftigte sich viel mit dem real existierenden Sozialismus und dessen Wirkung und traf damit immer den Nerv der Zeit. Christa Wolf starb am 1. Dezember 2011 in Berlin.
Angaben zum Buch
Christa Wolf: August, Suhrkamp, 38 Seiten, ISBN 978-3-518-42328-8
Theatertipp
"Der geteilte Himmel"
nach der Erzählung von Christa Wolf
Regie: Tilmann Köhler
Uraufführung am 19. Januar 2013
Schauspielhaus Dresden
