Literatur & Film

Buch der Woche | MDR FIGARO | 22.01.2013 : Tom Wolfe - "Back to Blood"

"Fegefeuer der Eitelkeiten" ist heute ein geflügeltes Wort. Es geht zurück auf einen Roman von Tom Wolfe, den großen Dandy der US-amerikanischen Literatur. Er bekommt sieben Millionen Dollar Vorschuss für ein neues Buch. In den 1980er-Jahren war "Fegerfeuer der Eitelkeiten" ein Millionen-Seller. Brian de Palma verfilmte die Mediensatire und Abrechnung mit dem Börsenboom und dem künstlerischen Ausverkauf der Reagan-Ära mit Tom Hanks, Bruce Willis und Melanie Griffith in den Hauptrollen. Nun erscheint in Deutschland "Back to Blood", ein 800-Seiten-Roman über die Konflikte von Einwanderern in den USA. Stefan Maelck hat das Buch für MDR FIGARO gelesen.

Tom Wolfe lässt seinen neuen Roman "Back to Blood" dort spielen, wo täglich Immigranten angespült werden - in Miami. Hier stranden viele Kubaner, für die ganz besondere Gesetze gelten. Keine Einwanderer haben es so leicht, in die USA zu gelangen wie kubanische Flüchtlinge. Während man Einwanderer aus Haiti, Ecuador oder Nicaragua restriktiv zurückschickt, dürfen Kubaner bleiben. Nur wenn man sie auf dem Meer abfängt, werden sie abgewiesen.

Große Geschichte mit kleinen Malheurs

Wolfe erzählt eine große Geschichte, die mit einem kleinen Zwischenfall beginnt. Nestor, ein Polizist mit kubanischen Wurzeln, erhält den Auftrag, einen Flüchtling, der sich kurz vor der amerikanischen Küste auf den Mast einer Luxus-Yacht gerettet hat, von diesem Mast herunterzuholen. Sein Spanisch reicht allerdings nicht aus, dem Flüchtling zu erklären, dass er sich nicht zu fürchten braucht. Der Flüchtling gerät in Panik und fällt vom Mast. Nestor rettet ihm das Leben und wird zunächst als Held gefeiert. Doch am nächsten Morgen hat sich das Blatt gewendet. Die spanischsprachigen Medien verunglimpfen Nestor als Verräter, der jemanden von seinem eigenen Blut der Küstenwache ausgliefert hat. Nestor wird in seinem Viertel und in seiner Familie zur persona non grata.

Große Gesellschaftssatire

Das ist der in der Literatur ein gern verwendeter Konflikt, in dem ein Mensch von einem Moment zum anderen alles verliert. Nestor bekommt von seiner Freundin Magdalena den Laufpass. Sie verspricht sich von einer Affäre einem weißen Psychiater den sozialen Aufstieg und brennt mit ihm durch. Magdalena arbeitet in der Praxis des Arztes, der auf die Behandlung von Pornografiesüchtigen spezialisiert ist und zu denen er selbst auch gehört. Nestor hat nur noch einen Verbündeten: den Journalisten John Smith vom "Miami Herold", der loyal und objektiv über Nestor berichtet. Doch auch er verfolgt eigene Absichten. Zum einen bekommt er Nestors Story exklusiv. Zum anderen ist der einem russischen Oligarchen auf der Spur, der dem neuen Miami Art Museum Gemälde im Wert von 70 Millionen Dollar gestiftet hat. Die Bilder allerdings sollen Fälschungen sein. Smith sucht den Fälscher und der Polizist Nestor soll ihm dabei helfen. Nun passiert das nächste Malheur: Nestor ist anwesend, als ein Crack-Haus hochgenommen wird. Dabei kommt es zu rassistischen Übergriffen gegen Schwarze. Am folgenden Tag ist der Einsatz auch noch auf der Internet-Videoplattform youTube zu sehen. Bürgermeister und Polizeipräsident befürchten neue Rassenunruhen, Nestor wird suspendiert. Erst jetzt beginnt die große Gesellschaftssatire.

Verselbständigte "political correctness"

Mit diesem Roman hat Tom Wolfe nicht ganz zur alten Form zurückgefunden. Wolfe schreibt über die Hierarchien unter den Einwanderergruppen. Doch das ist nur ein Blickwinkel. Vielmehr geht es Wolfe um die völlig verselbständigte "political correctness" in einem Land, das gerne mit seiner Multikulti-Gesellschaft wirbt und doch Rassimsus so verbreitet ist wie im Rest der Welt. Was Wolfe sich in seinen Büchern besonders gerne vornimmt, sind die Medien- und Kunstwelt. So gibt es ein aberwitziges Kapitel über die Art Basel Miami Beach, wo durchgeknallte Millionäre fragwürdige Kunstwerke kaufen.

Wie gewohnt: schrill und überzogen

Stilistisch und inhaltlich hat sich seit "Fegefeuer der Eitelkeiten" nicht viel verändert. Die Charaktere sind so schrill und überzogen wie die Orte der Handlung und die Konflikte. Alles wirkt sehr vordergründig, die Figuren erinnern an Comic-Figuren und sind weniger romangestaltend. Tom Wolfe hat nie aufgehört, sich und seinen Charakteren den großen Exzess zu gönnen. Wer das mag, wird prächtig unterhalten. Wer jedoch gerne zwischen den Zeilen liest und es weniger laut, schrill und pornografisch mag, für den eignet sich die Lektüre weniger.

"Tom Wolfe bklagt sich schon lange über mangelnden Realismus in der amerikanischen Literatur. In diesem Roman ist mehr Realismus als man wirklich benötigt. Und deshalb tritt 'Back to Blood' mit zum Teil eindimensionalen Charakteren literarisch etwas auf der Stelle. Das aber heißt nicht, dass die Lektüre nicht unheimlich Spass macht."

Stefan Maelck über Tom Wolfes "Back to Blood"

Zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2013, 14:37 Uhr

Angaben zum Buch

Tom Wolfe: Back to Blood, Roman, Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller, 768 Seiten, Blessing (28.01.2013), ISBN 978-3-89667-489-0, Euro 24,95

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