Literatur & Film

Buch der Woche | MDR FIGARO | 20.11.2012 | Audio : Wsewolod Petrow - "Die Manon Lescaut von Turdej"

Mit über 60 Jahren Verspätung kommt diese Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg auf den deutschen Markt: Ein sowjetischer Lazarettzug zieht von einer Front zur nächsten. Darin verliebt sich ein Offizier aus Petersburg in eine Frau aus dem Volk, die er "Manon Lescaut von Turdej" nennt. Ina Hartwig stellt das Buch von Wsewolod Petrow (1912-1978) vor.

Wsewolod Petrows Novelle ist eine literarische Überraschung, ein Kleinod! Entstanden ist sie 1946, unmittelbar nach dem Krieg. Erstaunlicherweise ist sie in Russland erst im Jahr 2006 in der Literaturzeitschrift "Novyj Mir" erschienen.

Der Herausgeber ist Oleg Jurjew, ein russischer Schriftsteller und Dichter, der seit Anfang der 1990er-Jahre in Frankfurt am Main lebt. Ihm ist es zu verdanken, dass diese Novelle auf Deutsch erschienen ist. Sein Sohn Daniel Jurjew hat sie übersetzt. Oleg Jurjew hat dazu ein begeistertes Nachwort geliefert, dem viele Details zum Buch zu entnehmen sind und das sich als "Schlüssel" für uns deutsche Leser eignet.

Abstrakt und radikal unsowjetisch

Das Buch löste nach der Veröffentlichung große Begeisterung aus. Das liegt zum einen an Oleg Jurjew, der es vermag, die Zusammenhänge gut zu erklären. Zum anderen ist die Sprache hinreißend, die auf das Wesentliche reduziert ist. Erzählt wird eine Liebesgschichte zwischen einem Offizier und einem Mädchen aus dem Volk, die sich zufällig in einem Spitalszug der sowjetischen Armee begegnen. Der Zug hält irgendwo auf weiter Strecke, in Russland ist Winter. In dem Zug sind Ärzte, Offiziere und Krankenschwestern zusammengewürfelt. Ein Offizier verliebt sich in "Manon", wie er die flatterhafte Krankenschwester Vera nennt. Durch dessen Brille schaut der Leser auf die Manon. Es bleibt abstrakt und damit radikal unsowjetisch. Deshalb ist die Novelle nicht früher in der Sowjetunion erschienen.

"Die Sprache ist von entzückender Dichte. Da sind so viele Details, die einen überwältigen: Beobachtungen ganz persönlicher Natur, Anspielungen auf das 18. Jahrhundert. Das ist von einer solch poetischer Kraft und das auf knapp 100 Seiten, das liest man nicht aller Tage!"

MDR FIGARO-Literaturkritikerin Ina Hartwig über "Die Manon Lescaut von Turdej" von Wsewolod Petrow

Über den Autor

Freunden der sowjetischen Kunstgeschichte ist der Name Wsewolod Petrow bekannt. Er entstammte einer Petersburger Adelsfamilie und war wie der Romanheld ein Bildungsbürger und antisowjetisch eingestellt. Der Kunsthistoriker arbeitete vor dem Zweiten Weltkrieg am Russischen Museum. Nach dem Krieg, als Offizier in der Roten Armee demobilisiert, widmete er sich wieder seiner wissenschaftlichen Arbeit und veröffentlichte einige Standardwerke zur russischen Kunst.

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Zuletzt aktualisiert: 05. Juni 2012, 18:15 Uhr

Angaben zum Buch

Wsewolod Petrow: Die Manon Lescaut von Turdej, Roman, 128 Seiten, Weidle Verlag, ISBN 978-3-938803-48-6

Aus dem Russischen von Daniel Jurjew, mit einem Kommentar von Olga Martynova und einem Nachwort von Oleg Jurjew

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