Buch der Woche | MDR FIGARO | 11.09.2012 | Audio : Martin Walser - "Das dreizehnte Kapitel"
Der neue Roman von Martin Walser trägt den Titel "Das dreizehnte Kapitel". Er belegt die erstaunliche Produktivität des Schriftstellers, der im März dieses Jahres 85 geworden ist! Nach den Romanen "Angstblüte" (2006) und seinem Goethe-Roman "Ein liebender Mann" (2008) erschien im Vorjahr sein großer Roman "Muttersohn". Mit diesem Buch bewies Walser Lesern und Kritikern, dass er unverändert auf der Höhe seines Schreibens ist. Nun kommt also schon wieder ein neuer Walser. Michael Hametner, MDR FIGARO-Literaturredakteur, stellt den Roman vor.
Es handelt sich bei "Das dreizehnte Kapitel" um einen Brief-Roman. Den Briefwechsel beginnt ein älterer Schriftsteller, der bei einem Gesellschaftsessen - ausgerechnet im Schloss Bellevue, mit der Gattin des Bundespräsidenten an der Seite - auf eine Frau aufmerksam wird. Diese Frau beachtet den Schriftsteller überhaupt nicht - er sie aber umso mehr. So beginnt er einen Briefwechsel mit ihr, ein "Briefabenteuer", wie er es nennt. Und es tritt das große Wunder ein: sie antwortet ihm, stellt sich vor als Theologieprofessorin mit Gatten und Garten.
Befindlichkeiten in Briefen
Der Briefwechsel gewinnt zunehmend an emotionaler Höhe, beide schreiben auch über ihre Ehepartner und schließen ein Treffen zu viert nicht aus. Doch dann kommt es zu einem Absturz. Die Frau nimmt es nicht hin, dass der Schriftsteller in einem Interview das, was er Frauen gegenüber praktiziert, "Höflichkeit" nennt. Sie hatte ihm geglaubt, dass es für ihn eine Lebensnotwendigkeit ist. Daraufhin beschießt er sich mit Selbstvorwürfen, von denen "Gefallsucht" und "Lebens-Opportunität" die größten Kaliber sind.
Immerhin lässt sie sich erweichen, den Briefwechsel wieder aufzunehmen, der im Schlussteil mit Berichten von ihrer Kanada-Reise, die sie gemeinsam mit ihrem kranken Mann unternimmt, ausläuft. Die Nachricht vom Tod des Mannes seiner Briefpartnerin erhält er von einem Dritten. Der Briefwechsel ist damit zu Ende.
Nur weil sie sich Briefe ohne Hoffnung auf Hoffnung geschrieben haben, konnten sie sich ihre Liebe so leidenschaftlich gestehen, ohne etwas, was zur Liebe gehört, zurückzuhalten, außer einer Begegnung. Die war nicht vorgesehen.
Roman als Werbung für die Briefkultur
Ein Briefroman stellt mittlerweile ungewöhnliche Form dar, da man im Zeitalter von SMS und Twitter das Briefeschreiben leider als aus der Mode gefallen ansehen muss. Doch der Roman und sein Erzählen sind nicht aus der Zeit gefallen. Natürlich muss der Leser auf Liebesschwüre und Liebeserklärungen eingestellt sein. Dafür benutzt Walser eine Sprache, die selten geworden ist. Das ist nicht dem Autor anzulasten, sondern der Praxis von SMS und Twitter, die sich Beschreibungsversuchen wie in Walsers Roman verweigern. Ohne emotional aufgeladene Worte und Sätze kommt der Roman nicht aus. Er ist eine unaufhörliche Werbung, die auf nichts Rücksicht nehmen muss, eine Werbung, die bei einer Begegnung einzulösen, gar nicht vorgesehen ist. Nebenbei ist dieser Roman auch eine unaufhörliche Werbung für die abhanden gekommene Form des handschriftlichen Briefes.
Spezialist in Sachen Liebe
Walser ist ein Spezialist in Sachen Liebe. Man erinnere nur an Titel früherer Romane: "Jenseits der Liebe", "Lebenslauf der Liebe", "Der Augenblick der Liebe" oder "Ein Liebender Mann". Und auch in "Das dreizehnte Kapitel" erweist er sich als Spezialist für dieses Thema.
Die Psychologie dieses Briefabenteuers ist überzeugend. Der Mann überrollt die Frau mit seinen Schwüren, sie zögert zunächst, ist dann aber umso tiefer an diesem Abenteuer beteiligt, erlebt des Mannes Interview-Satz, dass er "Liebe als Höflichkeit" praktiziere, als Verrat, will aussteigen und kehrt - aber um einiges kontrollierter - zurück zum Briefwechsel. Sollte auf seiner Seite eine Spur von Männlichkeitsallmacht dabei gewesen sein, so nimmt sie ihm jede Sicherheit. Für den Mann in diesem Roman eine hilfreiche Krise.
Vorbild in historischem Briefwechsel
Man kennt Martin Walser als den Schriftsteller, der seine Helden in der permanenten Überforderung zeigt. Überfordert von einer Zeit, deren Maßstäbe er übernimmt, ohne sie wirklich erfüllen zu können. So kommt das Unglück ganz unerwartet, weil der Unglückliche es doch für seine Privatsache gehalten hat, wenn ihm die Luft wegbleibt, ob im "fliehenden Pferd", ob in "Angstblüte", selbst in seinem so gescholtenen Roman "Tod eines Kritikers".
Liebe steht zwar nicht außerhalb der gesellschaftlichen Konfession, ist aber mehr als ihr Spiegelbild. In den Walser-Roman spielen Lebensformen heutiger Liebe hinein, das Alter der Menschen, das der Liebe niemals ausweicht; die Fleischeslust, die den größten Geist befällt; der allgegenwärtige Tod, der Liebeserfüllung verlangt.
Walser hat in dem 2008 veröffentlichten Briefwechsel des Theologen Karl Barth mit Charlotte von Kirschbaum ein Vorbild gefunden. Die Liebe schlug gegen jede Vernunft in den Theologen ein, der zu dieser Zeit in seiner Ehe gerade zum fünften Mal Vater geworden war. Danach war es eine "Ménage-à-trois". Von Barth jedenfalls bezieht Walser diese Position, dass man nur ohne Hoffnung auf Hoffnung hin glauben und in diesem Roman-Briefwechsel zweier verheirateter und reiferer Menschen auch lieben kann. So entsteht im Umfeld aller Voraussetzungs-Vorleistungen eine Voraussetzungslosigkeits-Beziehung.
Scheinbar unbegrenzter Vorrat an gemalter Sprache
Empfohlen werden kann dieser Roman beispielsweise mit der Klugheit der Anreden und Schlussformeln der Briefe: Sie beginnt einen Brief mit "Lieber mir gerade erschienener" und endet mit "Ihre seltsam fröhliche Davonfliegerin". Er schließt seinen Antwortbriefe als "Ihr vom Glück gestreifter", und sie schreibt dann wieder "Lieber Liebster" und schließt mit "Deine Vertraute" und er den nächsten Brief mit "Dein Dir ganz und gar Gehörender". Walser geht der Vorrat an gemalter Sprache nicht aus. "Das dreizehnte Kapitel" ist kein philosophierender Roman wie "Muttersohn", aber auch kein Leichtgewicht, weil er etwa NUR über Liebe erzählt - mehr geht nicht!
Angaben zum Buch
Martin Walser - "Das dreizehnte Kapitel"
272 Seiten, gebunden
Rowohlt
ISBN: 978-3498073824
