Buchjournal | MDR FIGARO | 17.01.2013 | Zum Nachhören : Soldaten unter Hitler und Stalin
Im Buchjournal stellt MDR FIGARO-Geschichtsredakteur Stefan Nölke Neuerscheinungen zum Zweiten Weltkrieg vor. Dabei geht es unter anderem um zwei aufsehenerregende Bücher, die danach fragen, was die Soldaten der Wehrmacht und der Roten Armee antrieb, derart verbissen zu kämpfen.
70 Jahre ist es her, dass Hitlers 6. Armee unter ihrem Oberbefehlshaber Friedrich Paulus in Stalingrad kapitulierte. In der Erinnerung geblieben ist das Leiden hunderttausender deutschen Soldaten, die sich in dieser grausamen Winterschlacht sinnlos für einen größenwahnsinnigen Diktator aufopferten. Davon zeugt eine Reihe von Filmen, Romanen und Dokumentationen, wie zuletzt etwa eine Edition von Feldpostbriefen deutscher Soldaten aus Stalingrad.
Nun aber ist endlich auch die sowjetische Perspektive in den Fokus gerückt. Und zwar einmal durch eine spektakuläre Ausstellung im Militärhistorischen Museum in Dresden, wo zum ersten Mal in Deutschland Zeugnisse aus dem Kriegsmuseum von Wolgograd, vormals Stalingrad, zu sehen sind. Zum zweiten und parallel zur Ausstellung hat der Historiker Jochen Hellbeck einmalige Augenzeugenberichte sowjetischer Soldaten veröffentlicht. Eine Moskauer Historikerkommission hatte insgesamt 215 Rotarmisten noch während und kurz nach der Schlacht im Februar 1943 im Beisein von Stenographen nach ihren Erlebnissen befragt. Danach blieben die Gesprächsprotokolle jedoch für Jahrzehnte unter Verschluss.
Mit wie viel Eifer haben die sowjetischen Soldaten in Stalingrad gekämpft?
Bisher meinten Historiker, dass sich die Rotarmisten derart verbissen in die Schlacht warfen, weil sie stets Angst haben mussten, von Stalins Politoffizieren wegen Feigheit erschossen zu werden. Für Jochen Hellbeck stellt sich das aufgrund der Stalingrad-Protokolle anders dar: Die Rotarmisten seien mehrheitlich von der Aufgabe, den deutschen Invasoren keinen Meter Heimatboden mehr preiszugeben, überzeugt gewesen. Dabei habe die Partei die Soldaten weniger durch brutale Drohung als durch Argumente mobilisieren können. Ob sich die Soldaten gegenüber den Historikern tatsächlich weitgehend offen äußerten, wie Hellbeck behauptet, oder ob sie – fünf Jahre nach Stalins großem Terror - nicht doch das sagten, was von Ihnen erwartet wurde, ist dabei allerdings die Frage.
Und wie "tickten" parallel dazu die deutschen Soldaten?
Das versucht der Historiker Felix Römer zu beantworten, der zehntausende Abhörprotokolle von Kriegsgefangenen für seine spektakuläre Studie "Kameraden.
Die Wehrmacht von innen" (Piper Verlag) analysiert hat.
Zwischen 1942 und 1945 hatte nämlich der US-Nachrichtendienst im Geheimlager Fort Hunt bei Washington deutsche Wehrmachtssoldaten heimlich belauscht, wie sie untereinander über ihre Erlebnisse an der Front, ihre Sorgen und Nöte, wie sie aber auch über Hitler sprachen.
Wie stark waren die Landser von der NS-Ideologie beeinflusst?
Römers Antwort fällt differenziert aus: Während sich Vertreter der jüngeren Jahrgänge häufig dezidiert zum Nationalsozialismus bekannten, gab sich die große Mehrheit der Wehrmachtssoldaten doch insgesamt unpolitisch – nach der Maßgabe, dass "alle Politik scheiße" sei. Wobei dieses zur Schau gestellte "Leck mich doch am Arsch (…) mit dem Hitlersystem" nichts daran änderte, dass die Masse der Landser absolut loyal zur ihrer Führung stand.
Wehrmacht und Rote Armee als Besatzungsmächte
Eine andere wichtige Neuerscheinung der letzten Wochen ist das Buch "Leben mit dem Feind", von Barbara Beuys, erschienen im Hanser Verlag. Darin geht es um Amsterdam unter deutscher Besatzung in den Jahren 1940 bis 45. Sicher eine lehrreiche Lektüre, um bestimmte, bis heute fortdauernde Befindlichkeiten der Niederländer gegenüber den Deutschen zu verstehen.
Während bei Barbara Beuys die Wehrmacht als Besatzungsmacht im Fokus steht, untersucht eine andere Neuerscheinung das Verhalten der Rotarmisten im besetzten Deutschland.
"Die Fälle häufen sich", lautet die Studie des pensionierten Verwaltungsbeamten Wilfried Lübeck über die Belastungen, die die Menschen in Sachsen-Anhalt durch Übergriffe, das heißt konkret durch Vergewaltigungen, Misshandlungen und Diebstähle von sowjetischen Soldaten in den Jahren 1945 bis 1947 zu ertragen hatten.
Interessant ist dabei auch der politische Kontext, wonach das Verhalten der Rotarmisten die Bemühungen der KPD-Führung untergrub, den Bürgern die Sowjetsoldaten als "Freund der Frauen und Kinder" zu empfehlen, wie es in einem Flugblatt der Partei hieß. Die Wirklichkeit sah, wie die Studie zeigt, in vielen Fällen ganz anders aus.
Angaben zu den Büchern
Jochen Hellbeck: "Die Stalingrad-Protokolle. Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht"
608 Seiten
S. Fischer Verlag
ISBN: 978-3100302137
Felix Römer: "Kameraden. Die Wehrmacht von innen"
544 Seiten
Piper Verlag
ISBN: 978-3492055406
Barbara Beuys: "Leben mit dem Feind: Amsterdam unter deutscher Besatzung 1940-1945"
384 Seiten
Hanser Verlag
ISBN: 978-3446239968
Wilfried Lübeck: "Die Fälle häufen sich: Übergriffe sowjetischer Soldaten im Sachsen-Anhalt 1945-1947 160 Seiten
Mitteldeutscher Verlag
ISBN: 978-3898128735
