Literatur & Film

Diskurs | MDR FIGARO | 09.04.2015 | 22:00 Uhr : Morgenröte einer jungen Poetengeneration

Stephan Hermlin gilt als einer der anerkannten und wichtigen Schriftsteller der DDR. Vor 100 Jahren, am 13. April 1915, wurde er in Chemnitz geboren. Hermlin war Autor und zugleich Mittler zwischen Literatur und Politik. Im Dezember 1962 gehörte er zu den Initiatoren einer aufsehenerregenden Lesung junger Lyriker in der Akademie der Künste der DDR. Dabei waren u. a. Wolf Biermann, Volker Braun, Bernd Jentzsch, Sarah Kirsch und Karl Mickel. Diese Lesung leitete die Lyrik-Welle der 60er-Jahre ein – und kostete Hermlin sein Amt als Sekretär der "Klasse Sprachpflege und Dichtkunst" der Ost-Berliner Akademie der Künste.

Wolf Biermann auf der Bühne in einer Aufnahme von 1962
Der junge Liedermacher Wolf Biermann, im Hintergrund Stephan Hermlin am 11. Dezember 1962 in der Ostberliner Akademie der Künste.

Kulturpolitisches Tauwetter

Zwischen dem Mauerbau im August 1961 und dem 11. Plenum des SED-Zentralkomitees im Dezember 1965 gibt es in der DDR ein kulturpolitisches Tauwetter. Es ermöglicht, was im Herbst 1962 geschieht: Per Zeitungsannoncen sucht Stephan Hermlin, damals Sekretär der "Klasse Sprachpflege und Dichtkunst" der Ost-Berliner Akademie der Künste, nicht publizierte Gedichte für eine Lesung. Rund 1.250 Arbeiten werden eingereicht, Hermlin wählt 63 Texte von 27 Autoren aus und trägt sie am 11. Dezember 1962 im Plenarsaal der Akademie vor. Ein Ereignis mit Folgen, auch für den Initiator selbst.

"Kommt uns nicht mit Fertigem."

Unter den Anwesenden sind an jenem Abend Dichter wie Wolf Biermann und Volker Braun, Sarah und Rainer Kirsch, Bernd Jentzsch, Uwe Gressmann oder B.K. Tragelehn. Ihre Texte haben sie bis dato noch keiner größeren Öffentlichkeit vorgestellt oder darüber diskutiert. Zum Auftakt des Abends in der Ostberliner Akademie der Künste zitiert Stephan Hermlin, der Initiator des Abends, aus einem Gedicht des jungen Poeten Hannes Würtz:

"Mir träumte neulich nachts,
wir hätten nicht nur einen,
wir hätten
hundert Jewtuschenkos:
temperamentvoll, zärtlich, wägend.
Gestalter des Heute
und des Morgen.

Mir träumte neulich nachts,
daß Träume
nicht nur Traum sind."

Hannes Würtz, Aus dem Gedicht: "Traum und Abschied"

Jung, frisch, streitlustig

Würtz' Verse liefern den passenden Einstieg, denn der Name des Dichters Jewgenij Jewtuschenko steht auch für die kraftvolle Lyrikbewegung in der Sowjetunion, wo öffentliche Lesungen am Majakowski-Denkmal oder im Palast des Sportes in Moskau inzwischen tausende Zuhörer finden. Jewtuschenko ist ihr Star. Hermlin hofft wohl, das Ähnliches auch in der DDR möglich sei. Denn der neue Ton aus der Sowjetunion bewegt nicht nur Dichter. Die Entstalinisierung im Land des "Großen Bruders" übt Druck auch auf den Machtapparat in der DDR aus. Tatsächlich präsentieren die jungen Poeten in der Ostberliner Akademie der Künste an diesem Abend keine Hymnen auf den Sozialismus. Mit Witz und Hintersinn greifen sie in ihren Arbeiten die Lebenswirklichkeit auf, beharren auf ihrer eigenen Erfahrung und Weltsicht. Dichter wie Rainer Kirsch formulieren ihre Unzufriedenheit und fordern die "alten Genossen" zum Abtreten auf:

"Drum seid mit meiner Ungeduld
Nicht ungeduldig, ihr alten Männer;
Geduld
Geduld ist mir die Hure der Feigheit
Mit der Faulheit steht sie auf Du und Du
Dem Verbrechen bereitet sie das Bett.
Euch aber ziert Geduld.
Setzt Eurem Werk ein gutes Ende
In dem ihr uns
Den neuen Anfang laßt!"

Rainer Kirsch, Aus dem Gedicht: "Meinen Freunden, den alten Genossen"

Am Ende der Lesung in der Akademie der Künste präsentiert Hermlin sieben Gedichte des damals 23-jährigen Volker Braun aus dessen "Zyklus für die Jugend". Von Lachen und Beifallsstürmen wird der Vortrag begleitet. Aus dem Braunschen Anfangsvers wird später die viel zitierte Losung vieler junger Intellektueller in der DDR:

"Kommt uns nicht mit Fertigem! Wir brauchen Halbfabrikate!
Weg mit dem Rehbraten! Her mit dem Wald und dem Messer!
Hier herrscht das Experiment und keine steife Routine."

Volker Braun

Auf den Vortrag der ausgewählten Gedichte soll nach einer kurzen Pause eine Diskussion folgen. Wortmeldungen bleiben zunächst aus. Stattdessen kommt der Vorschlag, doch lieber noch weitere Gedichte von den im Saal anwesenden Autoren zu hören. So geschieht es.

Die Stimmung kippt

In den vielen nun folgenden Vorträgen wird offenbar, offizielle Politik und Lebenswirklichkeit der Jungen driften immer weiter auseinander. Die Hoffnung, nach dem Mauerbau, würden nun die inneren Probleme des Landes gelöst, hat sich verflüchtigt. Die Stimmung im Saal droht zu kippen, als zunächst die Veröffentlichungspraxis des landesweiten Parteiorgans "Neues Deutschland" in die Diskussion gerät und ein Redakteur des Blattes, Willi Köhler, dann die "gelenkte Atmosphäre" im Saal, die sich gegen das ND richte, moniert. Stephan Hermlin verwahrt sich dagegen, kommt das doch dem Vorwurf der Konterrevolution gleich. Der renommierte Autor Franz Fühmann schafft es, die Wogen zu glätten. Köhler selbst tritt den Rückzug an, schlägt sogar vor, dem ND einen Beirat für Lyrik an die Seite zu stellen.

Der Schriftsteller Stephan Hermlin (81) äußert sich während einer Lesung am 10.Oktober 1996 in Berlin zu gegen ihn erhobenen Vorwürfen.
Stephan Hermlin (1915-1997), hier bei einer Lesung 1996 in Berlin

Dennoch, vielen Anwesenden ist bereits an dem Abend klar, dass die Veranstaltung in vielerlei Hinsicht Folgen haben wird. Zunächst trifft es Stefan Hermlin: Er wird alsbald seines Amtes als Sekretär der Akademie enthoben, angesichts der Umstände durchaus auch auf eigenen Wunsch. Sein Nachfolger wird Alfred Kurella, der bisherige Kulturverantwortliche beim Politbüro, dem Führungsgremium der SED.

Doch die Aufbruchsstimmung jenes Abends bleibt unvergessen. Die Dichter, die dort aufgetreten sind, stehen heute nicht nur für die Lyrik der DDR, sondern auch für das, was geblieben ist, auf dem Feld der deutschen Poesie dieser Ära.

Zuletzt aktualisiert: 17. April 2015, 12:15 Uhr

Angaben zur Sendung:

Morgenröte einer jungen Poetengeneration
Hermlins Lyrikabend in der Berliner Akademie der Künste und seine Folgen

Von Friedrich Dieckmann

Sendung: MDR FIGARO | 09.04.2015 | 22:00 Uhr

Produktion: MDR 2012

Die Sendung konnten Sie hier bis zum 16.04.2015 nachhören und herunterladen.

15.12.-18.12.1965 | 11. Plenum des ZK

Das 11. Plenum des ZK beschließt die zweite Etappe des "Neuen ökonomischen Systems", leitet als sogenanntes "Kahlschlagplenum" aber auch eine verschärfte Auseinandersetzung der SED mit Schriftstellern und Künstlern ein. Den Bericht des Politbüros an die 11. Tagung des Zentralkomitees hält Erich Honecker. Er wirft den Kreativen u. a. "Nihilismus", "Skeptizismus" und "Pornographie" vor. "Unsere DDR ist ein sauberer Staat. In ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe der Ethik und Moral, für Anstand und gute Sitte", heißt es in seinen Ausführungen.

Zahlreiche Filme, Theaterstücke, Bücher und Musikgruppen werden als systemkritisch abgestempelt und zum Teil verboten. Darunter "Der Bau" von Heiner Müller, "Der Tag X" von Stefan Heym sowie faktisch die gesamte Jahresproduktion der DEFA - zum Beispiel "Jahrgang 45", "Carla" und "Das Kaninchen bin ich". Auch Frank Beyers "Spur der Steine" gerät unter Honeckers Verdikt. Allein Christa Wolf wagt einen Vorstoß gegen die Verbotsmaßnahmen der SED. Das Plenum beendet eine kurze Phase der Liberalisierung nach dem VI. Parteitag der SED 1963.

Dichter in der Ostberliner Akademie der Künste | 11.12.1962

Stephan Hermlin, der damals 47jährige Dichter und Schriftsteller, war ein Weltbürger von ausgeprägtem Nationalbewusstsein, schon 1945 kehrte er aus dem Exil nach Deutschland zurück - zunächst nach Frankfurt am Main, dann in die Vier-Sektoren-Stadt Berlin, wo er sein an Trakl, Heym, Rilke geschultes dichterisches Talent in den Dienst des sozialistischen Aufbaus gestellt hatte.

Beeinflusst war er vermutlich auch von einem Vortrag des Philosophen Ernst Blochs 1956 auf einem Schriftstellerkongress, der damals darlegte, woran die Dichtung des Landes seiner Meinung nach kranke, kurz gesagt am fehlenden "Sturm und Drang".

Der neugewählte Akademie-Sekretär Stephan Hermlin war auf eine einzigartige Idee gekommen: in zwei Zeitungen, dem Zentralorgan seiner Partei, "Neues Deutschland", und in der kulturpolitischen Wochenzeitung "Sonntag", Organ des Kulturbunds, forderte er junge Menschen dazu auf, der Akademie Gedichte einzusenden, aus denen er auf einer Veranstaltung der Akademie eine Auswahl vortragen werde.

1.250 Einsendungen kamen. Die hohe Zahl hatte wohl auch damit zu tun, dass Walter Ulbricht die Schriftsteller 1959 aufgefordert hatte, in die Betriebe und deren Zirkel schreibender Arbeiter zu gehen. So hatte sich eine große Laienbewegung gebildet.

Um die jungen Talente verdient gemacht hatte sich damals besonders Gerhard Wolf, damals Lektor beim Mitteldeutschen Verlag. Dort war 1961 eine von ihm lektorierte Anthologie mit Autoren wie Werner Bräunig, Heinz Czechowski, Bernd Jentzsch, Rainer Kirsch, Karl Mickel und Klaus Steinhaußen erschienen.

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