Literatur & Film

Zum 100. Geburtstag | MDR FIGARO : Erwin Strittmatter - Ein Leben voller Brüche

Ein Schriftsteller, der fast zwei Jahrzehnte nach seinem Tod für mehr Verwirrung sorgt als zu Lebzeiten. Einer, dessen ganzes Werk nahe an seinem eigenen Leben entlang geschrieben ist, hat uns über sein wirkliches Leben wenig gesagt. Diesen Schluss zog der Literaturwissenschaftler Werner Liersch, als er Erwin Strittmatter posthum mit Lebenstatsachen konfrontierte, die Strittmatter öffentlich jedenfalls erfolgreich beschwiegen hatte. Andere taten es Liersch nach. Strittmatters Einheit der Ordnungspolizei, der er ab 1941 im Dritten Reich angehörte, wurde später der Waffen-SS zugeordnet.

Der Schriftsteller Erwin Strittmacher

Es geht nicht allein um Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit. Es geht um Gewalttaten, an denen er beteiligt gewesen sein soll. Spremberg, die Stadt seiner Geburt, die Perle der Lausitz, sagte im Januar dieses Jahres alle Feierlichkeiten zu Strittmatters 100. Geburtstag am 14. August ab, obwohl der Schriftsteller ihr Ehrenbürger ist. Eine Retourkutsche - weil er beschwieg, wird er beschwiegen? Nein, das kann die Antwort nicht sein. Wird sie nach der Veröffentlichung seiner Tagebücher aus den Jahren 1954 bis 1973 und der neuen Biografie von Annette Leo auch nicht sein.

Strittmatters Roman "Ole Bienkopp" war wohl das meist gelesene Buch in der DDR. 1963 erschienen, präsentierte es mit Ole einen Gerechten, den die Partei erstickte. Seinem Helden Ole verweigert Strittmatter das Happyend. Niemand rettet ihn vorm Tod. Allerdings waren die Leser dazu bereit, Ole zu retten, als in der DDR die Kritik gegen Strittmatters Roman einsetzte. Und so ging es weiter: harsche Kritik gegen Strittmatters Romantrilogie "Der Wundertäter". Wieder waren es die Leser in der DDR, die mit Stanislaus Büdner aus Waldwiesen, dessen Lebensweg vom Bäckergesellen zum Schriftsteller die 1957, 1973 und 1980 erschienen drei Bände erzählen, heftig sympathisierten. 

War Strittmatter mit seinen Dorfgeschichten nicht vielleicht doch der Lew Tolstoi der deutschen Literatur, wenigstens ihm in seiner Erzählkunst sehr nahe? Konnte Strittmatter nicht alle Farben und Düfte dieser Erde, den Atem der Felder und Wälder in seiner vom Leben gesättigten Sprache wie kein Zweiter in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts erzählen?

Darf man, muss man Leben und Werk voneinander getrennt betrachten?

Der SPIEGEL schrieb in seiner Rezension des "Ole Bienkopp" 1964: Dass nun gerade dieser Mustermann unter den DDR-Schriftstellern mit seinem neuesten Werk, mit "Ole Bienkopp", die Weisheit der Partei auf dem Lande in Frage gestellt habe, musste die ostdeutschen Genossen besonders verwirren. – Verwirrung um Strittmatter bis heute. 

Debatte mit Strittmatter-Kennern

Gesprächspartner im Journal am Morgen sind Günther Drommer, Autor der Strittmatter-Biographie "Des Lebens Spiel", und Volker Weidermann, Co-Chef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, wo Werner Liersch 2008 seine Enthüllungen veröffentlichte. Im Journal am Nachmittag diskutiert Michael Hametner mit der Schriftstellerin und Strtittmatter-Preisträgerin Annett Gröschner, mit dem Maler und Bildhauer Hubertus Giebe sowie dem Literaturwissenschaftler Carsten Gansel.

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Zuletzt aktualisiert: 22. August 2012, 15:55 Uhr

Über den Autor: Erwin Strittmatter

Geboren am 14. August 1912 in Spremberg, gestorben am 31. Januar 1994 in Schulzenhof bei Dollgow. Er arbeitete als Bäcker, Kellner und Facharbeiter in der Industrie. Über seinen Einsatz während des 2. Weltkriegs bei der Ordnungspolizei, die der Waffen-SS unterstellt war, schwieg er in der Öffentlichkeit.

Nach dem Krieg arbeitete er unter anderem als Bäcker, Journalist und Amtsvorsteher. In dritter Ehe war er mit der Lyrikerin Eva Strittmatter verheiratet. Ab 1950 veröffentlichte er erste Romane. "Der Wundertäter" (1957, '73 und '80) und "Ole Bienkopp" (1963) zählen zu seinen wichtigsten Werken.

Strittmatter war bei seinen Lesern beliebt, geriet aber auch immer wieder in die Kritik der politischen Führung. Neben Stefan Heym und Christa Wolf war Erwin Strittmatter eine der bedeutendsten aber auch umstrittensten literarischen Stimmen der DDR.

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