Lesezeit | MDR FIGARO | 13.08.-16.08.2012 bzw. 17.08.2012 | 09:05 und 19:05 : "Meine Freundin Tina Babe" (Teil 1-4) sowie "Sulamith Mingedö, der Doktor und die Laus"
"Man fragt mich oft, wie kamst du zum Schreiben? Ich überlege: Kam ich zum Schreiben? Kam es zu mir? Aber bevor ich vom Schreiben erzähle, muss ich was übers Lesen sagen...". Und schon ist man mittendrin in einer Erzählung der "Nachtigall-Geschichten". MDR FIGARO-Redakteur Matthias Thalheim rezensiert die Lesung.
Es ist nicht nur eine ausgesprochen schöne und farbige Autorenlesung, die MDR FIGARO zu Erwin Strittmatters 100. Geburtstag ausstrahlt, sondern vor allem auch eine Erzählung, die die nicht unwichtigen und eher selten bedachten Thüringer Jahre des Schriftstellers spiegelt.
Gemeinhin sieht man vor allem zwei Landschaften mit Strittmatters Leben verbunden: Den märkischen Schulzenhof bei Dollgow, zwischen Gransee und Rheinsberg gelegen. Und die Dörfer Graustein und Bohsdorf unweit seiner Geburtstadt Spremberg. Beide Gegenden - die seiner 1954 bezogenen Ruppiner Wahlheimat wie die seiner Kindheit und Schulzeit in der Niederlausitzer Heidelandschaft - liegen im Land Brandenburg. Dabei gerät leicht ins Hintertreffen, dass der eigensinnige Autor mit den Schwarzwälder und sorbischen Vorfahren auch an die zehn Jahre verschiedene Thüringer Adressen hatte.
Thüringer Adressen
In Thüringen sind die beiden ersten – Ulf (1938) und Knut (1939) – seiner sieben leiblichen Söhne geboren. Hier in Thüringen - in Rudolstadt - wird Strittmatter im Januar 1945 nach sieben Jahren Ehe von seiner ersten Ehefrau, Waltraud Kaiser (1917-1993), wieder geschieden. Sie ist als "Heckenbraunelle" in Strittmatters literarische Figurenwelt eingegangen.
Und selbst wenn es im Allgemeinen als unziemlich gilt, Wirklichkeit und Literatur allzu direkt ins Verhältnis zu setzen, so weist gerade diese 1977 erschienene Erzählung "Meine Freundin Tina Babe" sehr interessante biographische Parallelitäten und regionale Bezüge auf. Am 1. September 1936 begann der damals 24-jährige Strittmatter seine Tätigkeit als "Farmleiter" bei der Kammersängerin Elsa und der Malerin Hedwig Ruetz im "Edelhof" in Beulwitz bei Saalfeld. Zuvor hatte er bei der Gräfin Ily zu Ortenburg im oberfränkischen Tambach bei Coburg in einer Nerze, Silberfüchse und Angorakaninchen züchtenden Pelztierfarm volontiert.
Gleich zu Beginn der Erzählung "Meine Freundin Tina Babe" schildert der Autor eine zweitägige Güterwaggon-Fahrt an der Seite von 25 trächtigen Angora-Häsinnen nach "Grottenstadt", hinter dem sich leicht erkennbar "Saalfeld" verbirgt. Das nahegelegene und erst 1994 zu Saalfeld eingemeindete Dorf Beulwitz - das Ziel des Transports - wird in der Erzählung zu "Blöwitz" und der Edelhof der Damen Elsa und Hedwig Ruetz wird "Buchenhof" genannt.
Wer ist eigentlich Tina Babe?
Die literarischen Figuren heißen nun die Fräulein "Elinor" und "Herma Rasunke". Letztere leidet darunter, als Schülerin des als Juden ausgegrenzten Malers Max Liebermanns nicht mehr ausstellen und kein Mitglied der Reichkunstkammer sein zu dürfen. Es ist das Jahr 1936. Die aus Riga stammende Malerin Hedwig Ruetz (1879-1966), die hinter jener "Herma Rasunke" steckt, ist 1904 von Max Liebermann porträtiert worden. Sechs von Hedwig Ruetz gemalte Bilder befinden sich heute in der St. Trinitatiskirche zu Molsdorf.
Schließlich kommt die Titelfigur "Tina Babe" ins Spiel. Ihr unmittelbares Vorbild ist die in Bad Blankenburg geborene und verstorbene Schriftstellerin Antonie "Toni" Schwabe (1877-1951). Toni Schwabes Bücher - die meisten sind Romane um Goethe - erschienen im namhaften Münchner Albert Langen, später Langen Müller Verlag: "Wandlungen des Herzens - Ein Goetheroman"; "Ulrike - Ein Roman von Goethes letzter Liebe" (1925); "Christiane - Ein Goetheroman" (1932); "Der Aufbruch ins Grenzenlose - Ein Goetheroman" (1932). Überdies thematisierte sie als eine der ersten Autorinnen die lesbische Liebe in der deutschen Literatur und wurde von Thomas Mann in seinem Essay "Das Ewig Weibliche" bedacht.
"Arbeitsheimat" Grottenstadt
In seiner Tina-Babe-Erzählung schreibt Strittmatter: "Außer der Geburts- und der Wahlheimat gibt’s eine dritte, die Arbeitsheimat, und die meine war für einige Jahre Grottenstadt…". Strittmatters Wohnanschriften in der "Grottenstadt" Saalfeld waren die Hickethierschen Häuser Saalewiesen 2, Saalstraße 50 und Johannisgasse 2. Dazu kommen das Mühlgut Reschwitz und Bad Blankenburg, Untere Mauergasse.
Abgesehen von der Pflege von Angorakaninchen, Pferden und Hühnern arbeitete Strittmatter in einer Linsenschleiferei und die meiste Zeit seiner Thüringer Jahre in der Zellwolle AG in Schwarza bei Rudolstadt. Mit Unterbrechungen vom September 1937 bis Februar 1941.
Und auch, als er 32-jährig aus dem Krieg zurückkehrt, führt ihn sein erster Weg zurück nach Beulwitz und Saalfeld zu den beiden Söhnen. Sein dritter und vierter Sohn - Uwe (1945) und Thomas (1949) - entstammen der in Berlin begonnenen und über Sömmerda führenden Beziehung zu Strittmatters zweiter Ehefrau Anna Angermann (1920-2008), ehe er schließlich er schließlich 1956 seine dritte Frau Eva, geschiedene Wernitz, geborene Braun (1930-2011) ehelicht, mit der er drei gemeinsame Kinder hat: Erwin (1954), Matthes (1958-1994) und Jakob (1963). Zusammen mit Ilja (1951), den sie in die Ehe mitbrachte und der von Strittmatter adoptiert wurde, sind es acht Söhne.
In einer Tagebuch-Eintragung vom 22. August 1969 schrieb Strittmatter zu seinen Thüringer Jahren: "Dann kam die Zeit, da ich von daheim wegging, in Tierzuchtbetrieben und Fabriken arbeitete, echt verproletarisierte, unter den Ärmsten der Armen, unter Asozialen lebte (Saalfeld!). Der Vater rümpfte die Nase. Ich war eine Null für ihn."
Der verschwiegene Teil seiner Vergangenheit
Die nebenstehend genannten biografischen Veröffentlichungen bringen mehr und mehr Licht in jene Zeit, da die "Null" Strittmatter Thüringen in Richtung Eilenburg verließ, wohin er am 1. März 1941 zur Ausbildung ins neuaufgestellte Polizeibataillion 325 einberufen wurde und geben Überblick zu den Einsätzen in Oberkrain, in Krakau, in Nordfinnland, auf Naxos und in Ostpreußen.
Die Aufnahmen von "Meine Freundin Tina Babe" und "Sulamith Mingedö, der Doktor und die Laus", die mit der Stimme des 65-jährigen Autors in der Lesezeit zu hören sein werden, bringen die Erinnerung an Strittmatters außergewöhnliches Werk zurück, an seinen Humor und an seine Weisheiten.
Angaben zu den Sendungen
Meine Freundin Tina Babe (Teil 1-4)
Von Erwin Strittmatter
Sendung:
13.08. - 16.08.2012, 09:05-09:35 Uhr
Wiederholung: 19.05-19:35 Uhr
Sprecher: Erwin Strittmatter
Produktion: Rundfunk der DDR 1976
Und:
Sulamith Mingedö, der Doktor und die Laus
Von Erwin Strittmatter
Sendung:
17.08.2012, 09:05-09:35 Uhr
Wiederholung: 19.05-19:35 Uhr
Sprecher: Erwin Strittmatter
Produktion: Rundfunk der DDR 1975
Hinweis
Leider kann diese Aufnahme nicht als Nachhör-Angebot publiziert werden, denn es ist eine Aufnahme aus dem Archiv, für die MDR FIGARO nur die Senderechte, aber nicht die Rechte für ein Online-Streaming besitzt.
Gleichzeitig möchte ich Sie auf die Software "Radiorecorder" hinweisen, die sich jedermann kostenlos bei Deutschlandradio auf seinen PC oder Mac laden kann und mit deren Hilfe jedwede Sendung aller Kulturkanäle (also auch von MDR FIGARO) regelmäßig oder auch ausgewählt zum privaten Gebrauch aufgezeichnet werden kann. Man programmiert die Sendezeiten und bekommt eine mp3-Datei der Aufnahme auf der Festplatte seines Computers zur privaten Verwendung abgelegt. Diese selbst veranlassten Mitschnitte zu privaten Zwecken sind urheber- und leistungsschutzrechtlich legitim.
Matthias Thalheim, Abteilungsleiter Künstlerisches Wort, MDR FIGARO.
Zum Autor Strittmatter
Erwin Strittmatter (14. August 1912 in Spremberg geboren, 31. Januar 1994 in Schulzenhof bei Dollgow/Ruppiner Land gestorben) zählt zu den bekanntesten Schriftstellern der DDR und war begeisterter Pferdezüchter. 1951 erscheint sein Debüt "Ochsenkutscher".
Für sein Theaterstück "Katzengraben" arbeitete er mit Bertolt Brecht am Berliner Ensemble zusammen. Er schrieb Romane, Theaterstücke und Kinderbücher, u. a. "Tinko" (1954), "Ole Bienkopp" (1963) und die Trilogie "Der Wundertäter" (1957/73/80). Erst seine "Laden"-Trilogie (1983/87/92) machte ihn endgültig auch im westlichen Teil Deutschlands bekannt.
Buchtipps
Nachrichten aus meinem Leben: Aus den Tagebüchern 1954-1973
von Erwin Strittmatter
Hardcover, 601 Seiten, Aufbau Verlag 2012
ISBN: 978-3351033927 – 24,99€
Erwin Strittmatter: Die Biographie
von Annette Leo
Hardcover, 448 Seiten, Aufbau Verlag 2012
ISBN: 978-3351033958 – 24,99€
Es geht um Erwin Strittmatter oder Vom Streit um die Erinnerung
von Carsten Gansel und Matthias Braun
Hardcover, 408 Seiten, Vandenhoeck & Ruprecht Unipress 2012
ISBN: 978-3899719970 – 44,90€
Erwin Strittmatter und die SS. Günter Grass und die Waffen-SS:
Biographische Erkundungen von Joachim Jahns
Hardcover, 206 Seiten, Dingsda-Verlag 2012
ISBN: 978-3928498982 – 25,00€
Erwin Strittmatter und der Krieg unserer Väter
von Günther Drommer
Broschiert, 224 Seiten, Das Neue Berlin 2010
ISBN-13: 978-3360019882 – 12,95€
