Hörerforum | MDR FIGARO | 31.05.2012 | 13:05 Uhr : Schenkst du mir dein Herz?
Organspende ist ein Thema, das mindestens so umstritten ist wie die Sterbehilfe, wobei hier aber dem Tod noch eine positive Seite abgerungen wird. Denn Organspende kann im besten Falle Menschenleben retten. Nun hat der Bundestag mit großer Mehrheit ein sogenanntes "Entscheidungsgesetz" verabschiedet, das uns wachrütteln soll: Jeder Bundesbürger ab 16 Jahren wird regelmäßig von seiner Krankenkasse angeschrieben und zur Organspende aufgefordert. Am 2. Juni ist der offzielle "Tag der Organspende". Wir wollen schon jetzt im Hörerforum wissen: Würden Sie Organe spenden? Bettina Baltschev gibt schon mal einige Denkanstöße.
Vor einiger Zeit begegnete mir eine gute Freundin. Sie sah blass aus und sie war längst nicht so fröhlich, wie ich sie immer gekannt hatte. Dass es ihr nicht gut ging, hatte einen Grund. Einige Wochen zuvor hatten ihre Nieren versagt. Seitdem musste sie mehrmals in der Woche zur Dialyse. Mittlerweile stand sie auch auf der Warteliste für eine Spenderniere. Wie lange es dauern würde, bis man ihr ein gesundes Organ einpflanzen könnte, das wusste niemand. "Die Deutschen spenden nicht so gern Organe", sagte meine Freundin und versuchte dabei, tapfer zu lächeln.
Die Fakten
"Die Deutschen spenden nicht so gern Organe." Dieser Satz geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf, denn meine Freundin hat recht. In Sachen Organspende liegt Deutschland weit abgeschlagen hinter anderen europäischen Ländern. Nur jeder fünfte Deutsche besitzt einen Organspendeausweis. Und das, obwohl angeblich vier von fünf Deutschen bereit wären, im Todesfall mit ihren Organen Leben zu retten. Nur 15 von einer Million Menschen spenden am Ende tatsächlich ihre Organe. 12.000 Deutsche warten auf eine gesunde Niere, ein gesundes Herz, eine gesunde Lunge. Jeden Tag sterben drei Menschen, weil sie nicht rechtzeitig ein Spenderorgan erhalten.
Triftige Gründe dafür und dagegen
Hinter der Initiative der Bundesregierung steckt natürlich die Hoffnung, die Anzahl von Spenderorganen drastisch zu erhöhen. Dass diese Hoffnung erfüllt wird, hängt jedoch auch davon ab, wie man Missbrauch verhindert und Vorurteile abbaut, Stichworte "Organhandel" und "Ersatzteillager Mensch". Die Gründe gegen Organspende sind genauso triftig wie die, dafür zu sein. Weil die Würde des Menschen auch nach dem Tod unantastbar ist. Weil ich vollständig unter die Erde oder in den Himmel kommen will. Weil mir der medizinische Fortschritt grundsätzlich suspekt ist. Am Ende bleibt es eine Entscheidung, die mir niemand abnehmen kann.
Nächstenliebe oder Raubbau?
Ich gebe offen zu, auch ich habe keinen Organspendeausweis. Noch nicht. Denn seit ich meine nierenkranke Freundin getroffen habe, frage ich mich schon: Was hält mich davon ab, ein kleines Stück Papier bei mir zu tragen, das Menschenleben retten kann? Ist es nicht sinnvoller, ich entscheide mich heute selbst, als später meine Angehörigen damit zu belasten? Aber selbst wenn ich mich dafür entscheide, werden meine Organe auch dort ankommen, wo sie am nötigsten gebraucht werden? Mein Herz, meine Lunge, mein Niere, meine Leber: Ist Organspende ein letzter Akt der Nächstenliebe oder Raubbau am menschlichen Körper?
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