Hörerforum | MDR FIGARO | 07.06.2012 | 13:05 Uhr : Keiner will sie haben
Im Altmarkdorf Insel in Sachsen-Anhalt herrscht Aufruhr, seit sich dort zwei Männer niederließen, die Haftstrafen wegen mehrfacher Vergewaltigung abgesessen hatten und aus der Sicherungsverwahrung entlassen wurden. Am 1. Juni hatten 50 wütende Einwohner, unterstützt von zugereisten Neonazis versucht, das Haus der 54 und 64 Jahre alten Männer zu stürmen. Die Eskalation rief Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) auf den Plan: "Jeder Versuch, sie auszuschließen oder sogar aus unserer Mitte zu vertreiben, ist nicht hinnehmbar." Doch die Politik gerät unter Druck, da sie keine Lösung des Problems anbietet. Es scheint, als sei einiges schief gelaufen in Insel. Aber wie hätte es besser laufen können? MDR FIGARO fragt im Hörerforum: Wie soll man mit entlassenen Sexualstraftätern umgehen? Gedanken dazu von Anette Militz.
Da ist ein Mann – nennen wir ihn Klaus-Peter K., Mitte 50. 25 Jahre hat er hinter Gittern verbracht. Verurteilt wegen mehrfacher Vergewaltigung, eins der Opfer war nur knapp mit dem Leben davongekommen. Zehn Jahre hat er im Gefängnis abgesessen. Dann kam er in Sicherungsverwahrung. Psychologen hatten erklärt, dass von ihm wahrscheinlich weiter Gefahr ausgehe. Doch dann entschied der Europäische Gerichtshof, dass Gefangene, die ihre Strafe verbüßt haben, nicht unbefristet in Sicherungsverwahrung gehalten werden dürfen. Klaus-Peter K. wurde überraschend entlassen. Dabei hatte er sich gewöhnt an das Leben hinter Gittern. Er arbeitete, sah, was er schaffte und – auch wenn es seltsam klingt – er hatte das Gefühl, sicher zu sein. Vor sich selbst und allem, was ihn verführen könnte, Schaden anzurichten.
Niemand fragte ihn, ob er raus will – und niemand bereitete ihn darauf vor. In einer Stadt im Norden wurde ihm ein Zimmer in einem ehemaligen Seniorenheim zugewiesen. Wenn er es verlässt, folgen ihm Polizisten. Einmal, als er unterwegs war, sah er sein Bild in der Zeitung. Daneben: "Deutschlands gefährlichster Sex-Verbrecher" und "Tickendes Hormon-Monster".
Und seine Nachbarn? Auch sie waren nicht gefragt worden, was sie davon halten, dass Klaus-Peter K. jetzt unter ihnen leben soll. Sie kennen ihn nur aus Zeitung und Internet. Daher wissen sie, dass er ein Schwerverbrecher war. Niemand hat mit ihnen geredet, sie haben Angst, fühlen sich hilflos und ausgeliefert und sind entsprechend wütend. Das Gefühl der Sicherheit – es ist nicht mehr da.
Zugegeben - eine fiktive Geschichte. Doch die Fragen sind die gleichen wie in Insel: Ist es denkbar, Vertrauen Menschen gegenüber zu fassen, die anderen schwer geschadet haben? Und wie sollte das gehen? Kann man lernen, mit der eigenen Angst so umgehen, dass sie die Rechte anderer nicht beschneidet – zumal, wenn sie ihre Strafe verbüßt haben? Was sollten Politiker, die Vertreter des Volkes, beitragen dazu, und was die Kirche? Und welche Verantwortung haben die Medien?
Kurz – kann man es besser machen als in Insel, wo nun auch noch Rechtsextreme dafür sorgen, dass die Situation eskaliert?
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