Hörerforum | MDR FIGARO | 22.11.2012 | 13:05 Uhr : Sterben in Würde - kann man das planen?
In der kommenden Woche wird der Bundestag über das Verbot der kommerziellen Sterbehilfe debattieren. Menschen, die den Zeitpunkt ihres Sterbens selbst bestimmen wollen - so sieht es der Gesetzentwurf vor - können dann nur noch nahe Angehörige, Freunde, Ärzte oder Pfleger darum bitten. Wer gewerbsmäßig Sterbehilfe vermittelt oder ausführt, muss demnach mit einer Freiheitsstrafe rechnen. Nun verlangen nur sehr wenige Todkranke nach aktiver Sterbehilfe. Die meisten wünschen sich vor allem ein Sterben in Würde, möglichst schmerzfrei. Doch wie aktiv kann und muss man selbst diesen Abschied planen? Das möchte MDR FIGARO mit Ihnen im Hörerforum diskutieren. Schreiben Sie uns!
MDR FIGARO-Redakteurin Kristin Unverzagt zum Thema:
Sterben in Würde - ob meine Großtante eine konkrete Vorstellung davon hatte? Sie hatte nie mit jemandem darüber gesprochen. Als es bei ihr mit über 90 Jahren ans Sterben ging, sie sich erbrach, keine Luft mehr bekam, holte ihre Tochter den Notarzt. Der wies die Sterbende in eine Klinik ein, am nächsten Tag auf einem Krankenhausflur, wartend auf eine Herzuntersuchung, starb sie dort, allein. Noch heute gibt es mir einen Stich, wenn ich an ihren einsamen Tod denke - keiner aus der Familie war wirklich vorbereitet; keiner hatte je die Frage gestellt: Wie willst Du sterben? Welche Ängste, auch die, pietätlos zu sein, haben uns davon abgehalten?
Die Vorstellung, friedlich im Kreis seiner Lieben einzuschlafen, ist heute vielleicht noch in intakten Dorfgemeinschaften und Großfamilien möglich, in größeren Städten braucht es schon Mut und Standvermögen, um Notärzten und Intensivmedizinern in der Logik des Krankenhausbetriebs einen selbstbestimmten Tod abzutrotzen. Und wenn der vorletzte Wille - wie will ich sterben - nie zur Sprache kam, stehen die Angehörigen oft hilflos und überfordert im Flur einer Intensivstation und fragen sich: Sollen alle lebenserhaltenden Möglichkeiten ausgereizt werden? Was dachte der Sterbende selbst über Wachkoma, künstliche Ernährung, Organspende?
Sollten wir nicht einfach damit beginnen, unseren Tod, unser Sterben selbstbestimmt zu planen, wie all die anderen wichtigen Ereignisse in unserem Leben: Geburt, Schulanfang, Hochzeit, den sechzigsten, den siebzigsten und andere runde Geburtstage? Und über unsere Vorstellungen mit unserem Partner, mit unseren Kindern und Enkeln reden? Auch darüber, wenn wir uns angesichts drohender Demenz aktive Sterbehilfe wünschen. Woher kommt das Morphium dafür oder kümmern wir uns doch lieber um einen Platz in einem Hospiz, um am Lebensende Fürsorge und Geborgenheit zu finden?
Oder ist unser Sterben wie viele andere natürliche Vorgänge etwas, was man gar nicht planen kann? Lohnt es sich überhaupt, für diesen Abschied Pläne zu machen? Sollten wir unsere Zeit nicht lieber dem Leben widmen und gelassen darauf vertrauen, dass andere schon wissen werden, was in unserer letzten Stunde zu tun ist?
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