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Das Interaktive Magazin | MDR FIGARO | 01.11.2014 | 13:00-17:00 Uhr : Muss man Musik besitzen?

Sind Plattenschränke ein Kulturgut oder reicht ein Klick am Notebook? Sind riesige Platten- oder CD-Sammlung heute nicht bereits ein Relikt vergangener Zeiten? Ist Musikstreaming die Zukunft?

von Vladimir Balzer

Schallplatten, Musik, Platten, Plattensammlung, DJ

Schmerzfrei - der Abschied von meiner CD-Sammlung

Ich habe es nicht für möglich gehalten. Ich dachte: das kannst du nicht tun. Dieses Tabu wirst du nicht brechen. Und dann habe ich es an einem Sonntag im Herbst doch getan. Ich habe meine CDs in den Keller gebracht.

Seit Jahren hatte ich es in meinem Herzen bewegt und war doch zu feige für diesen Schritt. Wenn ich ehrlich bin, habe ich darüber nachgedacht seit man Musik über das Netz hören kann. Also seit zehn Jahren. Oder sind es schon mehr? Jedenfalls seitdem die Modems abgeschafft wurden und wir mit DSL ins Netz gingen.

Aber zurück zum Tabu. Es lautet: Trenne dich nie von deiner Plattensammlung, schon gar nicht, wenn daran Erinnerungen hängen. Doch jetzt war es so weit!

Kurz stach es in meinem Herz, ganz kurz. Dann ging ich zu meinen CD-Ständern. Ich suchte das erste Opfer. Es war eine gebrannte CD. Als ich auf das schlecht kopierte Booklet schaute, musste ich plötzlich an Gespräche wie diese denken:

A: "Mmhhh... Kling gut!"
B: "Kein Problem, ich brenne dir das."
A: "Danke. Man kann sich ja nicht alles kaufen. Bei so viel Musik in der Welt!"
B: "So ist es. Danke dir."

Freunde über Musik

Gebrannte CD also. Wertlos. Primitive Kopien auf billigen Rohlingen. Weg! Und da noch eine. Weg! Und noch eine. Moment! - Nein, auch weg. Irgendwann war mein Wegwerf-Stapel 150 Meter hoch, es war ein Wolkenkratzer! Als ich ihn nach unten trug, dachte ich nicht an die Momente, in denen ich diese CDs eingelegt hatte, sondern fragte mich: kommen gebrannte CDs eigentlich in die gelbe Tonne? Ist da nicht Gift drauf?

Sentimentalitäten verbot ich mir! Nichts von dem CD-Müll tat mir leid. Ich habe eine gute Internetverbindung zu Hause, eine vernünftige unterwegs und habe ein Abo bei einem Streaming-Dienst. Also was soll's? Ich brauche nun mal keine Musik zum Anfassen. Mir reicht es, sie zu hören. Das habe ich mir jedenfalls gesagt, als ich vor Mülltonne noch einmal kurz innehielt. "Ich brauche keine Musik zum Anfassen. Ich brauche keine …" - es war wie eine Beschwörung. Dann handelte ich praktisch: Deckel auf, Zeug rein. Und dann wieder zurück.

Da stand ich nun. Was jetzt in meinem CD-Regal blieb, das waren die Original-CDs. Und schon dachte ich über den Begriff "Original" nach. Philosophen hätten ihre Freude gehabt: schau mal, da schmeißt er seine technisch millionenfach reproduzierte Musik weg und denkt über den Begriff "Original" nach. Wie süß!

Klar, ich hatte meinen Benjamin und sein "Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" gelesen und irgendwie begriffen. Also, warum sollte ich nicht auch die "Original"-CDs wegschmeißen? Was unterschied sie noch von den Kopien? Dass ich 20 Euro für jedes Original ausgegeben hatte? Ich beschloss aber, diesen letzten Schritt erst am Morgen danach zu gehen. Ich ließ den Originalen noch diese letzte Nacht in meinem Wohnzimmer.

Am nächsten Morgen zögerte ich keinen Moment. Ich hatte Aufbewahrungskisten gekauft. Dorthinein kamen die Originale. Alle. Ohne Gnade. Ab ins ewige Dunkel. Wegschmeißen konnte ich sie nicht. Dieses Schicksal hatten nur die gebrannten CDs verdient. Aber sehen wollte ich sie auch nicht mehr. Sie stopften mein Wohnzimmer voll und in meinem Wohnzimmer wollte ich so wenig wie möglich stehen haben. Also - Kiste, Dunkelheit, Aufschrift "CDs". Ende der Geschichte. Wohnzimmer befreit!

Und jetzt? Die Leute vom Streaming-Dienst bieten leider nicht alle Aufnahmen an, die ich bisher auf CD hatte. Aber eines Tages sind sie so weit, das weiß ich.

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Angaben zur Sendung

Moderation: Tobias Kluge

geplante Themen:
* Eigene Musikbibliothek: Über 4500 Tonträger im heimischen Regal - und Wozu? DJ Jean Marc Heukemes über das leidenschaftliche Sammeln von Musik auf Vinyl und CD und die Frage der Archivierung von Musik

* Musik teilen statt besitzen: was ist juristisch zu beachten, wenn ich Musik verschenke? - Gespräch mit den Fachanwälten für Urheber- und Medienrecht Oliver Heintz bzw. seinem Kollegen Michael von Rothkirch

* Der gute alte Plattenladen- ein Auslaufmodell? Es gibt noch richtige Plattenläden, wenn auch nicht viele. Retrowelle oder funktioniert es noch auf Dauer?

* Besitz und Begierde: Ist Haben wollen zutiefst menschlich? - Gespräch mit Matthias Kaufmann, Prof. für Philosophie an der Uni in Halle

Das Interaktive Magazin

Das Interaktive Magazin widmet sich jeden Sonnabend von 13 bis 17 Uhr einem Schwerpunktthema. Im Mittelpunkt steht die Interaktion mit dem Hörer - sowohl im Radio als auch in der Community meinFIGARO.de.

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