Schwerpunkt | MDR FIGARO | 06.09.2012 : Ein erklärter Feind der Dummheit
Zum 50. Todestag von Hanns Eisler
Was wissen wir über Hanns Eisler? Dass er die Nationalhymne der DDR komponiert hat. Dass er in Leipzig geboren wurde, dass er im amerikanischen Exil war und dort auch Filmmusiken geschrieben hat. Genau besehen relativ wenig für einen Mann, der im 20. Jahrhundert Musikgeschichte schrieb. MDR FIGARO widmet dem Komponisten, der am 6. September 1962 starb, einen Schwerpunkt.
Er war in Wien einer der bekanntesten Schüler von Arnold Schönberg. Doch das Elitäre der Avantgarde missfiel dem überzeugten Kommunisten. So wandte er die Zwölf-Ton-Technik auf Arbeiterlieder und Gassenhauer an. Im Berlin der 1920er-Jahre traf er auf den Bertolt Brecht, ein Glücksfall, denn auch der Dichter war dem bürgerlichen Geniekult abhold und aus auf soziale Wirksamkeit. Ob Schlager, Kunstlied oder Sinfonie, es ist die musikalische Intelligenz und die dahinter stehende Haltung, die an Eislers Werken bis heute besticht.
Genau damit aber geriet der streitbare Musiker und Mensch immer wieder zwischen die Fronten. Er floh vor den Nazis nach Hollywood, wo er für den Oscar nominierte Filmmusik schrieb. Wegen seiner politischen Haltung aus den USA ausgewiesen, ging er in die DDR - und komponierte "Auferstanden aus Ruinen". Die "Spalter-Hymne" machte ihn im Westen unpopulär. Doch auch im Osten eckte "der erklärte Feind der Dummheit" (Peter Hamm) an, weshalb er seine österreichische Staatsbürgerschaft nie ablegte. Ein Leben zwischen den Systemen.
Die Anfänge
Am 6. Juli 1898 kam Johannes Eisler, der seinen Namen später auf Hanns verkürzen sollte, in Leipzig zur Welt. Er war das jüngste Kind des österreichischen Philosophen Rudolf Eisler und einer Leipziger Fleischerstochter. Bereits 1901 siedelte die Familie nach Wien über, wo Hanns den größten Teil seiner Kindheit verbrachte. Als Soldat eines ungarischen Regiments erlebte er 1916 die Schrecken des Ersten Weltkriegs im Felde, komponierte allerdings auch unter diesen Bedingungen. Der Durchbruch seiner Karriere erfolgte schließlich 1919 nach Kriegsende, als Meisterschüler des "Neuen Wiener Konservatoriums". Später nahm sich Arnold Schönberg in Wien des jungen Komponisten an. Nach dem Ende seiner musikalischen Ausbildung 1923 verdiente Eisler sein Geld mit Kompositionen und als Lehrer für Musik. Seit 1924 lebte er in Berlin, schrieb Klavier-, Kammermusik-, Vokal- und Orchesterwerke für Theateraufführungen in der Hauptstadt und für das Baden-Badener Musikfest.
Die Haltung: "Vorwärts, und nicht vergessen ..."
Als überzeugter Sozialist verfasste er aber auch leichtere Musikstücke und Lieder für die Agitproptruppe "Rotes Sprachrohr", darunter Stücke wie "Kominternlied" und einige Chöre für die Arbeitersängerbewegung. 1927 heiratete Eisler Charlotte Demant. Bereits ein Jahr später wurde Sohn Georg geboren. In dieser Zeit unterrichtete Eisler an der Marxistischen Arbeiterschule (MASCH) in Berlin. Mit Schönberg, der in diesem Engagement eine Verschwendung von Eislers unumstrittener Begabung sah, kam es nicht zuletzt auch wegen Eislers Desinteresse an der Kompositionslehre des Meisters zum Bruch.
Seit 1929 arbeitete Eisler mit Bertolt Brecht zusammen, für den er die Musik zu Bühnenstücken schrieb, etwa zu "Die Mutter", "Die Rundköpfe und die Spitzköpfe", "Schweyk im Zweiten Weltkrieg", "Galileo Galilei" oder "Die Maßnahme". Beide verband eine enge Freundschaft. Gemeinsam arbeiteten sie 1931 an dem Film "Kuhle Wampe"; Brecht als Autor und Eisler als Komponist. "Vorwärts, und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht, beim Hunger und beim Essen ... die Solidarität ..." ist eines der bekanntesten Lieder aus diesem Film.
Das Exil, die Filmmusik & McCarthy
Nach der Machtübergabe an die Nazis 1933 musste auch Eisler fliehen. Über Dänemark und London gelangte er 1937 nach Spanien. Hier komponierte er Lieder für die Internationalen Brigaden, die an der Seite der spanischen Republik gegen Franco kämpften. Im gleichen Jahr heiratete Eisler nach der Trennung von seiner ersten Frau Anna Louise Gosztonyi, genannt "Lou". Mit ihr emigrierte er 1938 in die USA. Dort schrieb Eisler nicht nur Filmmusiken, sondern lehrte auch an der University of Southern California. In Zusammenarbeit mit Theodor W. Adorno entstand 1941 das Buch "Komposition für den Film". Dabei setzten sich die Autoren unter anderem auch mit der amerikanischen Unterhaltungsindustrie auseinander. Eislers Kernthese: Es gehe nicht darum, musikalisch zur Überwältigung des Zuschauers durch Bilder beizutragen, sondern vielmehr eine dialektische Gegenbewegung zu schaffen. Musikalische Intelligenz zeige sich darin, Bildern wie Texten "zu widerstehen".
Nach dem Ende des Nationalsozialismus und dem Sieg der Alliierten eröffnete McCarthy seine systematische Hexenjagd auf Kommunisten oder Menschen, die er dafür hielt. Auch Eisler zitierte man 1947 vor den "Ausschuss zur Untersuchung unamerikanischer Tätigkeiten". Es folgten die Verhaftung von Eisler und seiner Frau, Verhöre und schließlich die Ausweisung aus den Vereinigten Staaten.
Neuanfang in der DDR: "Auferstanden aus Ruinen"
Nach Stationen in Wien und Prag ließ sich der Komponist 1950 in der Deutschen Demokratischen Republik nieder. An der neu gegründeten Berliner Hochschule für Musik, die heute seinen Namen trägt, lehrte er Musiktheorie und an der Deutschen Akademie der Künste übernahm er die Meisterklasse für Komposition.
Ende 1952 kam es zum Konflikt mit der DDR-Kulturbürokratie, als Eisler sein Opernlibretto "Johann Faustus" veröffentlichte. Lancierte Verrisse in der Presse sowie tribunalartige Diskussionen an der Deutschen Akademie der Künste stürzten Eisler in tiefe Depressionen. Er gab die geplante Komposition der Oper auf und zog sich nach Wien zurück, wo er bis 1955 Eisler überwiegend für Theater und Film arbeitete.
Für Eisler hatte die Musik, wie Kunst überhaupt, immer einen bestimmten gesellschaftlichen Zweck. Auf keinen Fall sollte sie durch unnötigen Schwulst vom Hauptziel - dem Klassenkampf - ablenken. Mit populärer Musik, wie dem aufkommenden Jazz, setzte er sich kritisch auseinander.
Nachwirkung in der Gegenwart
Am 6. September 1962 starb der Komponist nach einer Herzattacke 64-jährig in Ostberlin. Mit der Musik Eislers setzen sich bis heute Interpreten und Komponisten der unterschiedlichsten Genres auseinander. Sting hat Eisler gecovert. Die Jazzer Hannes Zerbe, Alfred Harth und Heiner Goebbels haben ihn auf ihre Weise adaptiert, ebenso wie Komponisten von Chormusik. In der Neuen Musik stehen dafür u. a. Steffen Schleiermacher und Hartmut Fladt.
Programmtipps
Journal am Morgen | 06:40 Uhr
Kalenderblatt: Zum Todestag von Hanns Eisler
Journal am Vormittag | 10:15 Uhr
MusikForum: Hans Eckhardt Wenzel im Gespräch über Eisler
Journal am Nachmittag | 17:00 Uhr
Neue Eisler-Biografie:
Wer 50 Jahre nach dem Tod von Hanns Eisler mehr erfahren will, der kann das jetzt tun mit der dem Buch "Hanns Eisler. Komponist. Weltbürger. Revolutionär." von Friederike Wißmann. Bettina Baltschev hat die Autorin getroffen.
Buchtipp:
Friederike Wißmann: Hanns Eisler. Komponist, Weltbürger, Revolutionär , gebundenes Buch, 304 Seiten, Edition Elke Heidenreich, ISBN 978-3-570-58029-5, Euro 19,99
Veranstaltungstipps:
Im Potsdamer Filmmuseum sind sechs Filme zu sehen, zu denen Eisler die Musik lieferte. Darunter: "Auch Henker sterben" ("Hangmen Also Die", 1943) und "Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?" (1932).
Die Eisler-Tage Berlin beginnen am 6. September und dauern bis zum 11. September. Höhepunkt ist die Lange Hanns-Eisler-Nacht am 8. September in der Akademie der Künste am Hanseatenweg in Tiergarten.
In der Leipziger Moritzbastei liest am 6. September Thomas Freitag aus seinem Buch "Das Neue, so merkwürdig…" über eine fiktive Begegnung zwischen Hanns Eisler und John Lennon 1962 in London. Am 10. September läuft dort eine englischsprachige Multimediashow über Hans Bunges Gespräche mit Eisler. Und am 11. September präsentieren die Sängerin Ines A. Krautwurst und der Komponist und Pianist Stephan König ihre Geschichte über Eislers verhinderte Faust-Oper.
Unter dem Motto "Eisler, Sohn ohne Stadt" präsentiert das Leipziger Centraltheater gemeinsam mit dem Forum Zeitgenössischer Musik am 3. Oktober eine musikalisch-szenische Revue zum 50. Todestag von Hanns Eisler. Auf der Bühne: Hans-Eckardt Wenzel und Band.
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