CD der Woche | MDR FIGARO | 30.01.2012 | Podcast : Leonard Cohen - "Old Ideas"
von Stefan Maelck, FIGARO-Musikkritiker
Leonard Cohen hat schon lange Gedichte und Romane geschrieben, bevor er als Sänger in Erscheinung trat. Seine Texte sind bis heute auf hohem literarischen Niveau und sie sind zugleich - mehr oder weniger - alle Variationen über die ewigen wiederkehrenden Themen, die den Kanadier schon ein Leben lang umtreiben: Gott, Liebe, Sex, Weisheit, Freiheit und die Macht des Wortes. Jetzt ist nach acht Jahren das erste neue Studioalbum von Leonard Cohen erschienen, das nicht von ungefähr den Titel "Old Ideas" ("Alte Ideen") trägt. Stefan Maelck stellt Ihnen die CD der Woche vor.
"Ich spreche gern mit Leonard, er ist ein Sportler und ein Hirte, ein fauler Bastard, der in einem Anzug lebt", singt Cohen im Einstiegssong und man weiß sofort: Es geht mal wieder ums Nachhausekommen - ohne Last, ohne schlechtes Gewissen, ohne Verkleidung. Leonard Cohen ist 78 und gern mit sich selbst im Gespräch, man könnte seine Lieder auch Meditationen nennen, nichts weniger sind sie.
Cohen ist wieder regelmäßig auf Tour, weil seine Managerin ihn um sein Vermögen gebracht hat und weil es sein Leben ist. Und nun kommt auch ein neues Album mit dem selbstironischen Titel "Old Ideas" ("Alte Ideen"). Der Titel ist ambivalent. Er bezieht sich darauf, dass ein paar Songs bereits für das Album "Dear Heather" aufgenommen wurden und gesteht gleichzeitig, dass wir nicht mehr erwarten sollen, dass Cohen thematisch noch mal neuen Boden betritt. Warum auch, in seinen Liedern ging es immer um dasselbe und immer um alles.
"The poems don't love us anymore"
"Die Gedichte lieben uns nicht mehr, sie wollen uns nicht lieben, sie wollen keine Gedichte sein, Ladet uns nicht vor sagen sie, wir können euch nicht helfen...“ - so heißt es im Gedichtband "The Energy of Slaves" ("Die Energy von Sklaven") den Leonard Cohen 1972 veröffentlichte und der schon so etwas wie die Essenz seiner Gedichte darstellte und zugleich seinen stetigen Zweifel an dieser Form. Cohen war zu dieser Zeit schon ein bekannter Sänger, der sich für seine Lieder am eigenen lyrischen Werk bediente. In "Show me the Place" ("Zeige mir den Ort") ist er wieder ein Sklave im Bergwerk der Worte, der nochmal Revue passieren lässt, wann das Leiden begann, das ihn produktiv erden ließ.
Musikalisch ist das neue Cohen-Album eines seiner besten. Musste man zwar befürchten, dass ein neues Studio-Werk so klingt, wie die Vorgänger "Ten New Songs" und "Dear Heather", so hat "Old Ideas" nichts von dieser charmanten Unfertigkeit. Klangen die Vorgänger-Alben wie vorzeitig veröffentlichte Demo-Bänder, so klingt "Old Ideas", als hätte der Meister während seiner letzten Welttour auch die Freude am Musizieren wieder gefunden.
Kernthemen - als Musiker und als Schriftsteller
Cohen-Songs, das waren oft verfeinerten Variationen seiner sich mantrahaft wiederholenden Grundaussagen. Cohen hatte bereits in frühen Gedichtbänden wie "Let us compare Mythologies", "Parasiten des Himmel" und "Blumen für Hitler" 1964 ebenso wie in seinen Romanen "Schöne Verlierer" und "Das Lieblingsspiel" seine wichtigsten Themen und Thesen entwickelt, die sich bis heute als Topoi durch seine Texte ziehen. Vordergründig sind dies Lehrer-Schüler-Situation oder aber die sexuelle Liebe und Leidenschaft. Der Text "Teachers" enthält sehr viel aus dem Universum Leonard Cohens, er wurde 1968 als Song auf dem Album "Songs of Leonard Cohen" veröffentlicht und gehört zu den bekanntesten Liedern des Künstlers. Neben einer wunderbaren Band sind auch drei Frauen dabei, die in Cohens Leben nicht nur musikalisch eine Rolle spielen: Anjanai Thomas, Sharon Robinson und Jennifer Warnes.
Scheitern als Erfolg
"Ich bin alt und die Spiegel lügen nicht" singt Cohen in "Crazy to love you". Das Scheitern ist in Cohens Texten der Erfolg. Hoffnung besteht nicht. Cohen ist als Lyriker von den Franzosen Charles Baudelaire und Jean Genet beeinflusst. Weit näher aber steht ihm der Beat-Poet Alan Ginsberg, dessen erster Gedichtband "Howl" im selben Jahr erscheint, wie Cohens "Mythologies" - 1956.
Cohen wird zu den Vertretern der amerikanische Gegenkultur gerechnet, hat jedoch - im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen der 60er Bob Dylan, Alan Ginsberg und Jim Morrison - einen komplett anderen Ansatz, ob man Ginsbergs Beschimpfungen nimmt, Morrisons freie Sexualität oder Dylans Kampfschriften. Während diese Poeten die Gesellschaft einer individuellen Analyse unterziehen und den bestehenden Verhältnissen den Kampf ansagen, gibt sich Cohen der Melancholie hin. Cohens Lyrik stellt alles Bestehende in Frage. Ihm geht es aber vor allem um die Darstellung der Ohnmacht des Individuums gegenüber der Gesellschaft.
Cohens Stimme ist auf diesem Album noch brüchiger, tiefer geworden. Natürlich kann der Zustand der Weisheit, den der alte Zeremonienmeister, der ehemalige Mönch, der ewige Schüler seit Jahren zelebriert nicht noch gesteigert werden. Cohen bleibt stattdessen mit sich im Gespräch - und dadurch auch mit seinem Publikum. Ein paar Hörner, ein paar Geigen - was gibt es Schöneres, als alte Ideen, die uns an uns selbst erinnern. "Old Ideas" ist Cohens Gospelalbum geworden und mindestens die Hälfte der Songs erinnern an seine ganz großen Würfe wie "Hallelujah" oder "Tower of Song".
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Angaben zur CD
Leonard Cohen - "Old Ideas"
Label: Columbia (Best-Nr.: 88697986712)
Titel:
- Going Home
- Amen
- Show Me The Place
- Darkness
- Anyhow
- Crazy To Love You
- Come Healing
- Banjo
- Lullaby
- Different Sides
