Musik & Bühne

CD der Woche | MDR FIGARO | 20.02.2012 : Jun Märkl: "Claude Debussy - Complete Orchestral Works"

von Beatrice Schwartner, MDR FIGARO-Musikkritikerin

Claude Debussy hat den Franzosen mit seiner Klangsprache zu eine neuen musikalischen Identität verholfen. Werke wie "Prélude à l'après-midi d'un faune", "Masques et Bergamasques" oder das fulminante "La Mer" beeindrucken mit Ideenreichtum und Farbigkeit. Jun Märkl hat jetzt mit dem Orchestre national de Lyon eine umfassende Einspielung von Debussy-Werken vorgelegt.

Cover der CD:  "Claude Debussy: Complete Orchestral Works"
Debussys komplette Orchesterwerke, erschienen bei NAXOS

Das Bild, was wir von Claude Debussy haben, ist mehr als vage. Wer ist er eigentlich? Welche Funktion hat er in der Musikgeschichte? Und wie sollte er tatsächlich klingen? Diese Fragen hat sich der MDR-Chefdirigent Jun Märkl lange durch den Kopf gehen lassen, bevor er mit seinem Zweitorchester, dem Orchestre National de Lyon ans Werk gegangen ist, Debussys komplette Orchestermusik einzuspielen.

Jetzt, nach Jahren, in denen Märkl mit diesem Riesenprojekt beschäftigt war, ist ihm Debussy der wichtigste französische Komponist des 20. Jahrhunderts, der die französische Musik tatsächlich ganz neu definiert hat.

"Dieser Vorwurf, bei Debussy geht’s eigentlich nur um verschwommene Farben, impressionistisch. Das stimmt in dem Sinne eigentlich nicht. Natürlich hat Debussy eine sehr große Affinität zu Farben. Aber erstaunlicherweise sind bei ihm die rhythmische Komponente und die strukturelle Substanz immer enorm wichtig. Es sind keine Farben, die diffus im Raum verklingen, sondern sie sind sehr klar strukturiert, kompositorisch sehr hochwertig gearbeitet. Und wenn ich die Strukturen nicht wirklich rausbringe, dann ist es nur eine Soße, die keine Qualität mehr hat."

Jun Märkl

Debussy als Inspirationsquelle

Claude Debussy
Der 150. Geburtstag des am 22. August 1862 geborenen Claude Debussy steht in diesem Jahr an-

Die Erkenntnisse zum Schaffen Debussys hatten natürlich großen Einfluss auf Märkls Interpretation. Zumal eine ganze Reihe dieser vom Label NAXOS so genannten "Orchesterwerke" tatsächlich Orchestrierungen seiner Klaviermusik sind, die unter anderem auch von Debussy-Zeitgenossen wie Maurice Ravel und André Caplet arrangiert wurden oder moderne Instrumentationen von Komponisten wie Robin Holloway und Colin Matthews sind. "Im Grunde, so zeigt sich, hat es Debussy geschafft, das ganze Jahrhundert über ernst genommen zu werden", findet Jun Märkl.

"Debussy war ein ganz großer Neuerer und Inspirator. Obwohl er keine dauerhafte, sagen wir mal, 'Schule' kreiert hat, inspirierte er doch sehr viele Komponisten seiner Zeit, die versucht haben seinen Stil zu imitieren oder durch die Beschäftigung mit seinen Werken von ihm zu lernen. Und da ist eine Instrumentation unter der Anleitung und Aufsicht von Debussy ideal gewesen."

Jun Märkl

MDR RUNDFUNKCHOR wirkte mit

MDR RUNDFUNKCHOR
Auch der MDR RUNDFUNKCHOR wirkte an dieser Einspielung mit

Von "Clair de Lune" aus der berühmten "Suite bergamasque", über "Printemps", "La mer" und "Childrens Corner", "La boite a joujoux" bis hin zu Fantasien, Rhapsodien und Tänzen für Soloinstrument und Orchester, bindet Märkl in dieser Gesamtaufnahme auch den MDR RUNDFUNKCHOR mit ein. Ein kluger Schachzug, zwei so hervorragende Ensembles, wie er sie leitet, zueinander zu bringen und mit ihnen mitzuglänzen.

Was manch einem, vielleicht gerade bei "Clair de lune" als unterkühlt und leidenschaftslos erscheint, zeigt sich auf den zweiten Höreindruck als ausgeklügeltes Konzept des Maestros, nämlich genau die Farbflächen zu entwirren, die Struktur deutlich zu machen und gleichberechtigt Genauigkeit neben Klangschönheit in dieses opulente Werk zu bringen.

Auch klanglich ein Genuss

Jun Märkl
Jun Märkl ist mit dieser Einspielung an die Substanz des Schaffens von Debussy vorgedrungen

Dass da ganz sicher auch die hervorragende Aufnahmetechnik von NAXOS mit reinspielt, die es vermag, einzelne Instrumentengruppen förmlich vor dem inneren Ohr abzugrenzen, dass Harfentöne förmlich aus den Lautsprechern perlen, all das macht diese Debussy-Box durchaus zu einem ganz besonderen Erlebnis. Auch enthalten sind selten gehörte Stücke wie die Schauspielmusik zu "King Lear" oder die Ballettmusik "Khamma". Jun Märkl zeigt sich mit dieser Einspielung als ausgewiesener Debussy-Fachmann. Sein Orchestre national de Lyon spielt pointiert und voller Esprit.

Und für den Hörer ist diese Einspielung die Möglichkeit, das Werk Debussys wirklich zu entdecken. Vieles davon kennt man doch nicht oder nur in der Klavierfassung. Dies wird zur Reichhaltigkeit des Debussy-Bildes sehr beitragen.


Welche CD, welche Band oder welches Ensemble würden Sie empfehlen?

Angaben zur CD

"Claude Debussy: Complete Orchestral Works"
9-CD-Box
Orchestre national de Lyon
Leitung: Jun Märkl
CD-Bestellnummer: 8.509002
Label: NAXOS

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